Broders Bücher Ahnung vom Alltag der Älpler

Zwischen Deutschen und Schweizern liegen Abgründe, die mit Unwissen gefüllt sind. Mit "Grüezi und Willkommen" hat Susann Sitzler nun eine Anleitung geschrieben, um die Eidgenossen besser zu verstehen.

Alphornbläser auf der Alpe Tracouet in Nendaz: Wesentlich anderes Alltagsverhalten
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Alphornbläser auf der Alpe Tracouet in Nendaz: Wesentlich anderes Alltagsverhalten

Von Henryk M. Broder


Seit sich die Schweizer in einer Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten ausgesprochen haben, werden sie ganz anders wahrgenommen - nicht mehr als tüchtige Hinterwäldler, die mit Bankgeschäften, der Herstellung von Schokolade und der Produktion von Qualitätsuhren reich geworden sind, sondern als Rassisten, die mit dem Mittel der Volksabstimmung die Demokratie ad absurdum führen. Vor allem jene Deutschen, die über den Bau von Kernkraftwerken gern das Volk entscheiden lassen möchten, sind der Ansicht, dass man dem Volk die Entscheidung über die Grenzen der Religionsfreiheit nicht überlassen darf. Auf einmal gelten die Schweizer als chauvinistisch, fremdenfeindlich, intolerant und unbelehrbar - und das ungeachtet der Tatsache, dass der Anteil der "Bürger mit Migrationshintergrund" in der kleinen Schweiz dreimal so hoch ist wie in der großen Bundesrepublik.

Man muss die Schweizer nicht mögen, aber man muss zugeben, dass sie, was Demokratie angeht, dem Rest Europas um ein paar Schokoriegellängen voraus sind. "Sechsundzwanzig kantonale Gliedstaaten, Kantone genannt, bilden zusammen den Staat 'Schweiz'. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Land nicht von den USA, und man könnte die Schweiz auch 'Vereinigte Staaten von Helvetien' nennen", schreibt Susann Sitzler in ihrer Anleitung "Grüezi und Willkommen - Die Schweiz für Deutsche"; jeder Kanton habe "eine eigene Verfassung, eigene Gesetze, ein eigenes Erziehungswesen, ein eigenes Gesundheitswesen und eine eigene Steuergesetzgebung", das alles in einem Land, das nur wenig größer ist als Baden-Württemberg und etwas kleiner als Niedersachsen. Die Regierung der Schweiz heißt Bundesrat, besteht aus sieben Bundesräten (Ministern), aus deren Mitte für jeweils ein Jahr ein Bundespräsident gewählt wird, der die Schweiz nach außen vertritt. Auch diese Konstruktion ist in Europa einmalig und entspricht dem Wunsch der Schweizer nach einem schlanken und sparsamen Zentralstaat.

"Sie sehen gleich aus, aber sie verhalten sich anders. Das ist in etwa der Grundkonflikt des Alltags zwischen den Schweizern und den Deutschen", schreibt die in Berlin lebende Autorin. Man könnte auch sagen: Zwischen den Deutschen und den Schweizern liegen Abgründe, die mit Unwissen gefüllt sind. Nicht nur die politische Kultur der Schweizer, die das Prinzip Multikulti erfunden, aber vergessen haben, es zum Patent anzumelden, ist eine ganz andere, auch ihr Alltagsverhalten unterscheidet sich wesentlich von dem der Deutschen. Sitzler macht das an vielen schönen Beispielen deutlich, unter anderem daran, wie die Schweizer einkaufen. Die Deutschen haben es gern billig, die Schweizer wollen "reelle Preise". Diesem Umstand hat die größte Einzelhandelskette der Schweiz, Migros, ihren Erfolg zu verdanken. Migros ist Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, 1960 gaben die Schweizer noch 27 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Lebensmittel aus, 40 Jahre später waren es nur noch sieben Prozent. Zu dieser Entwicklung hat Migros, wo weder Alkohol noch Tabak verkauft werden, wesentlich beigetragen.

Natürlich hat das Leben in der Schweiz auch seine Schattenseiten. Dazu gehört eine gewisse Prüderie, die dazu geführt hat, dass der erste Report über das Sexualleben der Schweizer ("Ehe, Sex und Liebesmüh") erst 1995 veröffentlicht und von den Buchhändlern boykottiert wurde. Immerhin räumte er mit dem Vorurteil auf, die Schweizer würden sich ungeschlechtlich vermehren, indem sie ein Bankkonto eröffnen. Sie mögen es "urig, aber mit Herz", schreibt Sitzler. Das Maximum der Gefühle wird mit dem Satz "I ha di gärn" offenbart, "Ich lieb di" wäre eine unschweizerische Übertreibung, sie "klingt falsch" und kommt "nicht von Herzen".

Der Schweizer als solcher schätzt das Solide, im Privatleben wie in der Politik. Er verdient mehr als der Deutsche, arbeitet dafür länger und fährt seltener in Urlaub. Er "parkiert" sein Auto, isst lieber daheim als auswärts und hält den Weltrekord im Recycling von Aludosen. Nichts ist ihm so peinlich, wie im Ausland für einen Deutschen gehalten zu werden. Wer "Grüezi und Willkommen" von Susann Sitzler gelesen hat, wird diese Arroganz verständlich finden.


Susann Sitzler, Grüezi und Willkommen - Die Schweiz für Deutsche, Christoph Links Verlag, Berlin, 222 Seiten, 16,90 Euro



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