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Broders Bücher: Amoklauf durch die Arena der Eitelkeiten

Von Henryk M. Broder

Wo bleibt der Regen, der den Dreck von den Straßen spült? Achim Winter hat lange als Klatschreporter gearbeitet - in einer Suada zieht er nun über die Stars her, die er selbst mit geschaffen hat. Sein Urteil: Das ganze Land leidet an "Notorismus". Er womöglich auch?

Katharina Wagner (Mitte): Auch kultivierte "Notoristen" werden nicht geschont Zur Großansicht
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Katharina Wagner (Mitte): Auch kultivierte "Notoristen" werden nicht geschont

Einen Tag nachdem Charlotte Roche sich im SPIEGEL dem Bundespräsidenten als Belohnung angeboten hatte, wenn er das Gesetz über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken nicht unterschreibt, wurde Claudia Roth gefragt, was sie von dem "unmoralischen Angebot" der TV-Moderatorin und Autorin der "Feuchtgebiete" halten würde. Die Chefin der Grünen antwortete: "Es passt zu ihr und es macht deutlich, dass sie sich engagiert."

Die ganze Sache war ein klarer Fall von "Notorismus": Eine Autorin, die ins Gespräch kommen möchte, hat eine Schnapsidee. Eine Politikerin, die zu allem etwas zu sagen weiß, springt auf den fahrenden Zug auf. Denn auch sie agiert immer "engagiert", zuletzt reiste sie nach Teheran, um dort die Möglichkeiten eines verbesserten Kulturaustausches zwischen der Bundesrepublik und der Islamischen Republik Iran auszuloten.

"Notorismus" kommt von notorisch, auffällig, bekannt, berüchtigt. Es ist der "Kult des Auffallens: Ich falle auf, also bin ich". Sagt Achim Winter, und der muss es wissen, denn er arbeitet als Gesellschaftsreporter für TV-Magazine wie "Leute heute" und "hallo deutschland", sitzt also an der Quelle und kennt die Leute, deren "Notorismus" er in seinem Buch beschreibt und auseinandernimmt. Es sind die Frontschweine des Boulevard, Stars und Sternchen, die uns an ihrem Privatleben teilnehmen lassen, sei es, dass sie gerade den Freund oder die Freundin gewechselt haben, schwanger sind oder an Depressionen leiden.

Alles muss raus!

Und dafür, dass der Ausverkauf geregelt über die Bühne geht, sorgen Reporter wie Achim Winter. Der freilich muss vor kurzem ein Erweckungserlebnis gehabt haben, denn inzwischen fragt er sich, "warum die Irrsinnigkeiten um uns herum immer mehr zu nehmen", und er stellt "eine Demenzkurve in unserer Gesellschaft fest, die steil nach oben geht".

"Schlicht hochstaplerischer Bullshit"

Das sind Feststellungen, denen niemand widersprechen wird, der auch nur eine Ausgabe von "Brisant" in der ARD oder "Exclusiv" auf RTL gesehen hat. "Weshalb wird Daniel Küblböck berühmt? Warum Menowin Fröhlich und Florian Silbereisen?", fragt Achim Winter. Warum schlägt das Hässliche das Schöne? Warum werden Menschen, die von Musik keine Ahnung haben, erfolgreiche Rapper? Weil der Notorismus "demokratisch" und "sozial gerecht" ist, "ein System, in dem nun endlich jeder, absolut jeder darf".

Auf die Dauer führt der Notorismus allerdings zur "Idiotokratie", in der sich "jedes Deppchen" selbst verwirklichen kann. Man muss nur "sozial gestört, vom Vater schwer missbraucht" sein und eine "abgebrochene Ausbildung und Knast wegen Körperverletzung" hinter sich haben. "So sehen Lebensläufe aus, die weiterbringen. Sie lassen einen kometenhaften Aufstieg von ganz unten zu."

Das hört sich schwer nach Kulturkritik und Kulturpessimismus an, wie man sie im TV-Milieu allenfalls auf Arte und 3sat findet. "Sei asozial, sonst hilft dir keiner" rät Achim Winter allen, die in die Fußstapfen von Bushido und Pete Doherty treten möchten. Aber auch kultivierte Notoristen werden nicht geschont, Roger Willemsen und Katharina Wagner zum Beispiel, Claus Peymann, Hellmuth Karasek und Wolfgang Herles. "Früher machte sich das Publikum... einmal im Jahr auf den Weg in ein Zirkuszelt. Heute haben wir den Zirkus jeden Tag zuhause."

Nach seinem Amoklauf durch die Arena der Eitelkeiten wird es Achim Winter als Gesellschaftsreporter nicht leicht haben. Wer möchte schon von einem interviewt werden, der ihn hinterher verarscht? Es sei denn, er heuert zwei Spielklassen höher an. In einer der Nischen für Anspruchsvolle. Aber auch da wird nur mit Wasser gekocht. "Luzia Braun wird nie zugeben, dass vieles, das sie in ZDF-aspekte anmoderiert, schlicht hochstaplerischer Bullshit ist."

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1. ...
Newspeak, 19.11.2010
Tja, da jammern mal wieder die am lautesten, die am ehesten etwas ändern könnten. Wenn Typen wie Menowin trotz aller Inkompetenzen und Dilletantentums raketenartig in der öffentlichen Wahrnehmung aufsteigen können, dann doch deshalb, weil die Medien liebend gerne auf diesen Zug aufspringen, denn das verheißt Zuwächse in den Leser- oder Zuschauerzahlen und Mehreinnahmen bei den Werbekunden. Die Selektion auf den größtmöglichen Schwachsinn ist also hausgemacht (dabei ist die Annahme, daß derlei Schwachsinn massentauglich sei, noch nicht mal in jedem Fall sicher). Berichtet halt mal seitenlang aus den Laboren fachintern berühmter Wissenschaftler, die wirklich etwas zur Verbesserung des Lebensstandards beitragen. Solche Leute arbeiten unterbezahlt und wenig wertgeschätzt im Stillen vor sich hin. Beschäftigt euch als Medien eben mal mit Hochkultur...früher konnte man das den Menschen auch zumuten, ohne darüber pleite zu gehen. Ist heute vermutlich sogar eine Marktlücke, weil es erstmal keine Konkurrenz gibt.
2. Prinzip...
VPolitologeV, 19.11.2010
Ich nenne es das Prinzip des Dümmsten Gemeinsamen Nenners. Über konkrete Lyrik oder atonalen Jazz gibt es viele unterschiedliche Meinungen, sehr ausdifferenziert. Bei simplen Sachen ist man nicht mit dem Verstand beteiligt, es ist eine basale Ansprache der Affekte. Die Reduzierung auf ein simples Geil/ Langweilig führt zu klareren Ergebnissen und der soziale Austausch wird gesichert - man kann mit fast jedem unter 30 über Lady Gaga reden, während man mit Prog-Industrial-core ziemlich alleine stehenbleibt. Der DGN erklärt auch, warum Diskussionen nutzloser und flacher werden, je mehr Leute sich daran beteiligen.
3. Herrlich......
Hythlodeus 19.11.2010
die Aneinanderreihung von bekannten Mechanismen sich in den Fokus zu stellen und eitle Urständ zu feiern, ein echter Broder also, der unserer bescheuerten Hatz das Ego bestens zu platzieren einen scheuert. Aber abwatschen allein nutzt nix.... man müsste frei nach Monty Python ein Ministerium der seltsamen Persönlichkeitsdarstellungen einführen...vorzugsweise mit einem Spiegelsaal. Vielleicht erkennt sich Herr Broder auch in einem Spiegelscherbe ? Als ministrablen Minister würde ich Victor v. Bülow vorschlagen..so Reichskanzler der Buntesrepublik Leutschland...:-)
4. "Die größten Kritiker der Elche sind selber welche."
hoffer 19.11.2010
Der Meister des Notorismus klagt über Notorismus.
5. Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?
Demokrator2007 20.11.2010
Zitat von sysopWo bleibt der Regen, der den Dreck von den Straßen spült? Achim Winter hat lange als Klatschreporter gearbeitet - in einer Suada zieht er nun über die Stars her, die er selbst mit geschaffen hat. Sein Urteil: Das ganze Land leidet an "Notorismus". Er womöglich auch? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,730018,00.html
Lieber Henryk Den armen Thilo bist du ganz schön angegangen als er seinen Bestseller veröffentlichte. Auch über Juden, Nazis, Araber, Altkommunisten, Mahnmal- und Moscheenbauer hast du gelästert. Wenigstens das Essen in der Kantine von Dachau war für dich lekker, sonst jedoch wenig. Nun ist ein Klatschreporter dran der einfach das macht was er am besten kann, über Schwätzer zu schwatzen. Und du lieber Henryk machst was du am Besten kannst, durch Winter von Broder über Broder zu schwätzen. Erinnert mich ein wenig an Barnett Newman´s Arbeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Who%E2%80%99s_Afraid_of_Red,_Yellow_and_Blue Wieviel zahlt eigentlich der Spiegel für einen "echten Broder" ? Ciao DerDemokrator
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Zum Autor
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Henryk M. Broder wurde 1946 in Kattowitz als Sohn jüdischer Eltern geboren. Broder, der von 1981 bis 1990 in Jerusalem lebte, gilt als einer der streitbarsten Autoren Deutschlands, der schon früh der Linken vorwarf, den traditionellen Antisemitismus ihrer Eltern gegen einen politisch korrekten Antizionismus eingetauscht zu haben. Sein Buch "Hurra, wir kapitulieren" über den Umgang Europas mit den Islamisten wurde 2006 ein Bestseller.

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Wir sind nicht Papst!
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