Broders Bücher Erst der Porno, dann die Pleite

Eine Übersetzerin für Schlüpfriges, ein junger Banker und ein abgetauchter Schriftsteller: In "Das war ich nicht" verknotet Kristof Magnusson drei Lebensläufe zu einem Roman - und erzählt nebenbei die Geschichte der Finanzkrise. Bemerkenswert: Er fing an, zu schreiben, bevor die Krise los ging.

Von Henryk M. Broder

Zentrale der Lehman Brothers: Pleite am 15. September
AP

Zentrale der Lehman Brothers: Pleite am 15. September


Gelobt sei der Herr, der uns Lesen und Schreiben gelehrt hat! Wir hatten fast schon den Glauben an ihn verloren. Entweder wollte er uns auf die Probe stellen und sehen, wo unsere Schmerzgrenzen liegen, oder er war wirklich von einer wohlstandsverwahrlosten, 17-jährigen Schülerin angetan, die im Copy-and-Paste-Verfahren einen Roman fabriziert hatte, mit dem sie fast das komplette deutsche Feuilleton um den Verstand brachte.

Nun aber können wir wieder an Gott glauben. Die Sache mit Helene H. war wohl ein Ausrutscher. Kann jedem mal passieren. Schwamm drüber. Jetzt kommt Kristof Magnusson, und sein neuer Roman ("Das war ich nicht") ist ein Beweis, dass Gott doch etwas von Literatur versteht.

Magnusson, 1976 in Hamburg geboren, hat ein Buch über die Banken- und Finanzkrise geschrieben, die Milliardenguthaben vernichtet und das Land seiner Vorfahren, Island, in den Staatsbankrott getrieben hat. Der Witz dabei ist: Er hat das Buch vor der Krise geschrieben, zumindest begonnen, sozusagen als Anleitung zur Krise. Dabei ist er kein Ökonom, sondern gelernter Kirchenmusiker, der auch Literatur studiert hat. Und so hat er sich einen einfachen und doch raffinierten Plot einfallen lassen. Da ist Jasper, ein junger deutscher "Trader", der für eine Bank in Chicago arbeitet. Er handelt mit "Futures und Optionen", hat dabei aber kein Glück. Setzt er auf fallende Kurse, steigen sie. Ändert er seine Richtung, tun es auch die Kurse. Jasper verliert immer, am Ende sind es viele Millionen Dollar.

Da ist Meike, eine junge Deutsche, die ihr Geld damit verdient, dass sie Groschenromane und Hausfrauenpornos übersetzt. Sie lebt in der alternativen Hamburger Szene, im Schanzenviertel, wo man gerne "Produkte aus der Region" kauft und das bürgerliche Leben so lange verachtet, bis man ihm anheim fällt.

Und da ist Henry, ein erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller, Pulitzerpreisträger, der einen Roman über die Terroranschläge von 9/11 schreiben will. Der Geist ist willig, doch der Wille ist schwach. Während der Verlag das noch ungeschriebene Buch schon promotet, taucht Henry ab, mietet sich in ein Hotel ein und lässt das Leben an sich vorüberziehen.

Die Erlebnisse dieser drei Charaktere werden von Magnusson zu einer Geschichte verknotet, handwerklich geschickt, auf eine konventionelle und traditionelle Art, die freilich aus der Mode gekommen ist. So haben früher Hans Fallada und Oskar Maria Graf ihre Geschichten erzählt, Sinclair Lewis und Upton Sinclair. Es gibt eine Handlung, der Autor räsoniert nicht über seine Befindlichkeit, sondern verleiht seinen Figuren Leben und Glaubwürdigkeit. Und der Leser erfährt, wie es in der Welt zugeht: In den Wohnküchen der Hamburger Alternativen, im Händlersaal einer Großbank und in den Kassenräumen des Kulturbetriebs.

Magnusson hat sich an den Schauplätzen seines Romans umgesehen, Akribie mit Phantasie aufgeladen und auch Glück gehabt. Die Krise kam ihm entgegen. Oder hat er die Krise etwa herbeigeschrieben?

Wie es auch war: Für diese 283 Seiten hat sich jeder Einsatz gelohnt.


Kristof Magnusson, Das war ich nicht, Kunstmann Verlag, 283 Seiten, 19,90 Euro

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manuelbaghorn 12.03.2010
1. Vielleicht nur noch Buchrezensionen?
Eine ganz spannende Buchrezension, wie ich finde. Broder sollte sich mal mehr mit solchen Dingen als mit seinen unerträglichen islamfeindlichen politischen Artikeln beschäftigen.
darmstädter 12.03.2010
2. Achja
manuelbaghorn: Na dann fangen Sie schon mal an! Wer wird denn hier einem vorschreiben über was man schreiben soll. Typisch Germany, immer diese Bevormundung!
rudolf07 13.03.2010
3. Selbst ist der Broder
Zitat von manuelbaghornEine ganz spannende Buchrezension, wie ich finde. Broder sollte sich mal mehr mit solchen Dingen als mit seinen unerträglichen islamfeindlichen politischen Artikeln beschäftigen.
Was Broder sollte, entscheidet immer noch Broder. Und das ist gut so.
Prof.Gutmensch 13.03.2010
4. polemik
Zitat von rudolf07Was Broder sollte, entscheidet immer noch Broder. Und das ist gut so.
Dem ist in der Tat zuzustimmen. Ich verstehe den Seufzer Ihres Vorredners aber durchaus. Viele kritische Geister sind enttäuscht, dass ein kluger Kopf wie Broder heute hauptsächlich dadurch auffällt, dass er sich von allzu innigen Umarmungen durch Rechtsradikale wie die NPD distanzieren muss. Würde er seine spitze Feder nicht meist nur in eine bestimmte Richtung richten, sondern auch anderen Knallköppen öfter in die Parade fahren, hätten wir alle mehr davon.
stanis laus 13.03.2010
5. Merkwürdig..
...je mehr ich vom Broder lese und erfahre, desto sympathischer wird der mir. Bei den meisten anderen bemühten Geistern ist es umgekehrt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.