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Broders Bücher: Hausfrauen und andere Notfälle

Von Henryk M. Broder

Nachtwandler, Zechpreller und Hausfrauen auf der Suche nach Abenteuer: Taxifahrer erleben die großen Dramen des Alltags. Ein kleiner Verlag in Hannover hat nun die Erinnerungen eines Fahrers veröffentlicht. Das mag keine große Literatur sein - ist dafür aber echt.

Taxi zu später Stunde: Miniaturen aus dem Alltag Zur Großansicht
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Taxi zu später Stunde: Miniaturen aus dem Alltag

Hannover, sagt Harald Schmidt, "Hannover ist das Stuttgart des Nordens", eine große, aber eher unscheinbare Stadt ohne Alleinstellungsmerkmale. Hannover hat keinen Dom und kein Oktoberfest, keine Reeperbahn und keinen Hafen, nicht einmal ein Kernkraftwerk. Es gibt nur einen Grund, eine Reise von Ost nach West oder Nord nach Süd kurz in Hannover zu unterbrechen: die "Holländische Kakaostube" in der Nähe des "Kröpcke".

Dabei hat die Stadt eine durchaus aufregende Geschichte. Hier trieb der Massenmörder Fritz Haarmann sein Unwesen, bis er 1925 wegen Mordes in 24 Fällen zum Tode verurteilt wurde. Hier war der Dada-Künstler Kurt Schwitters zu Hause. Hier hat der Philosoph Theodor Lessing gelebt, bevor er 1933 vor den Nazis fliehen musste.

Als Literaturstandort ist Hannover mehr Hinterland als Metropole. Das freilich könnte sich bald ändern, denn ausgerechnet der auf literarische Ausgrabungen (wie Soma Morgenstern) spezialisierte zu Klampen Verlag aus Springe gibt seit drei Jahren eine Krimi-Reihe heraus, die in Hannover und Umgebung spielt. "Sehr erfolgreich", wie der Verleger betont. Und nun ist Dietrich zu Klampen noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat ein Buch verlegt, das "die erstaunlichen Erlebnisse eines hannoverschen Taxifahrers" beschreibt. Der Autor heißt tatsächlich Thorsten Amrhein, ist 42 Jahre alt, hat Philosophie und Geschichte studiert und verdient seinen Lebensunterhalt seit vielen Jahren als Taxifahrer. So, sagt er, könne er in den Wartezeiten seine philosophischen Studien fortsetzen und in seiner freien Zeit selber schriftstellern.

Lungenkrebs und Friedhofsfahrt

Es ist ein Buch, das Literaturkritiker wie Denis Scheck oder Roger Willemsen nicht einmal als Untertassenersatz in die Hand nehmen würden. Denn es ist extrem trivial und führt uns in eine Welt, die wir aus den mitternächtlichen Reportagen auf RTL 2 kennen, die Welt der Nachtwandler, der Zechpreller und der Hausfrauen, die ein schnelles Abenteuer suchen und dem "Chauffeur" um den Hals fallen, nachdem sie sich Mut angetrunken haben. Die Welt der Einsamen, die verlassen wurden oder sich selbst aufgegeben haben und die nun nach Braunschweig, Hildesheim oder Kirchrode wollen, wo sie von niemandem erwartet werden.

So etwas ist das täglich Brot für den erfahrenen Taxifahrer, dem allerdings die Worte ausgehen, wenn plötzlich ein Todgeweihter neben ihm sitzt, ein Mann, bei dem gerade Lungenkrebs festgestellt wurde. "Haben Sie geraucht?", fragt er, nur um überhaupt etwas zu sagen. Oder wenn er ein junges Paar, beide Mitte 20, quer durch die Stadt fährt. Er denkt, sie wollen in eine Disco, dann lassen sie ihn aber an einer Mauer halten und fragen den Taxifahrer, "ob er auch mal gucken will". Hinter der Mauer liegt ein Friedhof, und an einem der Gräber flackert ein Licht, eine Kerze. Der Mann und die Frau wollten nur noch mal sehen, ob sie noch brennt, denn ihr kleiner Sohn hat sich im Dunkeln immer gefürchtet.

Solche Miniaturen aus dem Alltag machen die Stärke des Buches aus und unterscheiden es am Ende doch von den Reportagen auf RTL 2. Man findet zwar in jeder Stadt Philosophen, die nachts Taxi fahren. Aber ab jetzt liegt Hannover mit einer Wagenlänge in Führung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Es brodert wieder
brainforce 15.10.2010
Geben Sie dem Mann doch endlich mal wieder was Richtiges zu tun! PS: Schreiben Sie bei anderen Autorinnen und Autoren auch dazu, ob sie katholisch, evangelisch, atheistisch, muslimisch, oder ... sind
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Buchtipp

Thorsten Amrhein:
NachtTaxi
Die erstaunlichen Erlebnisse eines hannoverschen Taxifahrers.

Verlag zu Klampen; 191 Seiten; 9,95 Euro.

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Zum Autor
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Henryk M. Broder wurde 1946 in Kattowitz als Sohn jüdischer Eltern geboren. Broder, der von 1981 bis 1990 in Jerusalem lebte, gilt als einer der streitbarsten Autoren Deutschlands, der schon früh der Linken vorwarf, den traditionellen Antisemitismus ihrer Eltern gegen einen politisch korrekten Antizionismus eingetauscht zu haben. Sein Buch "Hurra, wir kapitulieren" über den Umgang Europas mit den Islamisten wurde 2006 ein Bestseller.

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