Broders Bücher: Jenseits von Bollywood

Aus Pune berichtet Henryk M. Broder

Ihre Geschichten sind typischer für Indien als die Filme von Shah Rukh Khan: Als erste Frau promovierte Neeti Badwe an der Uni von Pune in Deutsch, heute ist sie dort Professorin. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben über Inderinnen, die es geschafft haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Wie alt sie ist, mag Neeti Badwe nicht sagen. Sie macht nur eine Andeutung. "Jünger als die indische Republik." Die wurde 1947 ausgerufen, also wird Neeti Badwe etwa 50 sein. Alles Übrige ist kein Geheimnis.

Frau Dr. Badwe ist Professor of German am Department of Foreign Languages an der University of Pune. Sie unterrichtet deutsche Literatur, Linguistik, Literaturgeschichte und Literaturtheorie. Über 90 Prozent ihrer Studenten sind Frauen, "die meisten heiraten, sobald sie mit dem Studium fertig sind". Neeti Badwe war mal kurz verheiratet. Inzwischen lebt sie allein. "Man muss Prioritäten setzen."

1990 hat sie als erste Frau an der Universität von Pune in Deutsch promoviert, mit der "Rezeptionsanalyse" eines deutschen Theaterstücks, das sie Studenten als Video zeigte: "Das hältst du im Kopf nicht aus!", die erste Produktion des Berliner Grips-Theaters.

Kein Inder versteht "blöde Kuh"

Dabei musste sie vieles nicht nur übersetzen, sondern auch den kulturellen Kontext erklären. So gibt es in Indien nur wenige "alleinerziehende Mütter", denn eine Frau heiratet nicht nur einen Mann, "sie heiratet dessen Familie"; kein Inder versteht, was "Du blöde Kuh!" bedeutet, denn in Indien gelten Kühe nicht als blöd, sondern als heilig. Und in wasserarmen Regionen kommt man auch nicht "Vom Regen in die Traufe", es muss "vom Feuer in die Glut" heißen.

Auf solche Feinheiten muss achten, wer Indien verstehen will, ein Land mit über einer Milliarde Einwohnern, zwei Dutzend Amtssprachen und einer kulturellen Vielfalt, die kein Europäer verstehen kann, der schon darüber staunt, dass Tomaten in Österreicher Paradeiser genannt werden.

Sogar Neeti Badwe, die in Pune im Bundesstaat Maharashtra geboren wurde, kennt große Teile von Indien nur vom Hörensagen. Deswegen hat sie eine Expedition vor der eigenen Haustür unternommen, ist in abgelegene Dörfer gereist, die meist nur zu Fuß erreichbar sind, und hat "einfache Frauen aus Indien" interviewt, die zum Teil weder lesen noch schreiben, dafür aber erzählen können. Die Menschen, die sie besuchte, seien "trotz Armut und Elend sehr gastfreundlich" gewesen, "sie eröffneten mir eine neue Welt mit ihren Lebens- und Ausdrucksformen, Sitten und Gebrächen, mit ihrem ungewohnten Lebensrhythmus und hartem Überlebenskampf".

So ist ein kleines Buch mit sechs "Porträts" von Frauen entstanden, die in dem Glauben erzogen wurden, dass sie "nichts Besseres als ihre Herkunft und ein miserables Leben verdient" hatten und die trotzdem irgendwann ihr Leben in die eigenen Hände genommen haben. Wie Subhadrabai, die keine Schule besuchen konnte, weil sie schon als Kind arbeiten musste, und mit einem viel älteren Witwer verheiratet wurde, der eine Frau für sich und seine fünf Kinder brauchte. Eine "einfache Analphabetin", die mit Fleiß und Ausdauer, mit Hilfe anderer Frauen und oft gegen den Willen ihres Mannes zur "Unternehmerin" wurde - mit einer Ölpresse und einer Nudelmaschine, die sie gebraucht auf Kredit erstand.

Cafeteria in der Wellblechbude

Heute ist Subhadrabai eine Respektsperson, sie vertritt die Frauen in der Dorfversammlung und berät sie, wenn sie sich selbständig machen und dazu einen Kredit aufnehmen möchten.

Solche Geschichten, sagt Neeti Badwe, seien für Indien typisch. Viel typischer als die Gesellschaftsdramen, die in Bollywood produziert werden. Meistens muss man nicht lange suchen, um sie zu finden. "Kommen Sie mit", sagt Frau Badwe, "ich zeig Ihnen was."

Gleich hinter dem Haus, in dem sie Literaturgeschichte unterrichtet, gibt es eine Cafeteria. Genaugenommen ist es eine Wellblechbude, die früher als Unterstand für Fahrräder gedient hat. Vor ein paar Jahren ist ein Mann in das German Department gekommen und hat gefragt, ob er Tee und Kaffee anbieten könnte. Niemand hatte etwas dagegen. Dann hat er sein Angebot nach und nach erweitert und schließlich in der Wellblechbude eine Cafeteria eingerichtet, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen. Er arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bietet heiße und kalte Getränke und frittierte Snacks an. An der Theke hängt ein handgemaltes Schild: "Welcome. Your credit is good. But cash is better."

Der Mann heißt Ramesh, kommt aus Rajastan im Nordwesten, wo seine Familie lebt. Der älteste Sohn hat gerade seinen Master in Business Administration gemacht. "Wissen Sie", sagt Neeti Badwe, "man kann mehr aushalten, und man kommt weiter, wenn man ganz unten anfängt."

Sie selbst verdient für indische Verhältnisse ordentlich, verglichen mit dem Gehalt eines deutschen Professors arbeitet sie für ein Taschengeld. Aber sie ist zufrieden, denn sie hat ein festes Einkommen und wird in ein paar Jahren von der Uni eine kleine Rente bekommen. Eine Ausnahme in Indien. "Bei uns gibt es nur wenig soziale Sicherheit, und nichts ist kostenlos. Und das ist gut so."


Neeti Badwe, Portraits einfacher Frauen aus Indien, 111 Seiten, ISBN 81-902395-3-8. Zu beziehen über: neeti_badwe@yahoo.co.in

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1. Gegen den Tag
BerSie, 13.08.2008
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
2. bücher
joachim durrang 13.08.2008
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
3.
kurzundknapp, 13.08.2008
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
4.
BerSie, 13.08.2008
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
5.
Muffin Man, 13.08.2008
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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Zur Person
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Henryk M. Broder, Jahrgang 1946, ist Autor für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem "Erbarmen mit den Deutschen" (1993) und "Hurra, wir kapitulieren", eine Attacke auf die Appeasement-Politik Europas gegenüber dem aggressiven Islamismus, sowie zuletzt "Kritik der reinen Toleranz".

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