Tod aus Kindersicht Der Klub der Hinterbliebenen

Jeder, den man liebt, kann jederzeit sterben: Wie soll man mit diesem Wissen leben? Die Schriftstellerin Brooke Davis hat einen rührenden Roman über ein kleines Mädchen geschrieben.

Autorin Davis: Große Sinnfragen einer kleinen Heldin
Ailsa Bowyer

Autorin Davis: Große Sinnfragen einer kleinen Heldin

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Millie führt Buch über Tote. Erster Eintrag: ihr Hund Rambo, der eines Tages auf der Straße liegt und ein Bein so komisch ausstreckt. Außerdem erfasst: die Großmutter, die Schwester einer Mitschülerin, verwelkte Blumensträuße, Insekten. Millie denkt fast immer über den Tod nach und weiß fast nichts über ihn.

Sie denkt darüber nach, warum es Erklär-Bilder-Bücher über Babys und Geburten gibt, aber keine übers Sterben. Sie denkt darüber nach, durch welchen magischen Trick tote Körper so klein werden, dass sie in die winzigen Schubladen in Friedhöfen passen. Oder warum das Geburtsdatum und das Sterbedatum auf Grabsteinen immer so groß gedruckt sind und der Bindestrich dazwischen so klein, wo doch die Zeit zwischen den beiden Daten das eigentlich Wichtige ist.

Aber immer wenn sie die Erwachsenen nach solchen Sachen fragt, sagen die so was wie "Räum lieber dein Zimmer auf" oder: "Mach dir keine Gedanken über so etwas. Niemand stirbt." Aber auch wenn Millie erst sieben Jahre alt ist, weiß sie genau: Jeder stirbt. Zum Beispiel an Krebs. Zum Beispiel mit 44 Jahren. Zum Beispiel ihr Vater. Eintrag 28 im Buch der toten Dinge.

Ein eigensinnig charmanter Roadtrip

Das also ist Millie; zugleich Halbwaise und weise. Gummistiefel tragende Heldin des Romans "Noch so eine Tatsache über die Welt" der australischen Schriftstellerin Brooke Davis, der so traurig geraten ist wie eine Endlosschleife der Szene aus "König der Löwen", in der Simbas Vater stirbt.

Denn Millies Mutter verkraftet den Tod ihres Mannes nicht. Erst nimmt sie ab, dann haut sie ab. Lässt Millie eines Tages einfach im Kaufhaus zurück, wo niemand auf das Mädchen aufpasst außer einer Schaufensterpuppe, die Millie auf den Namen Manny tauft.

Davis schickt Millie auf die Suche nach ihrer Mutter. Und weil weder eine Siebenjährige noch eine Schaufensterpuppe Reisepläne lesen oder Busse klauen oder pöbelnde Betrunkene k.o. schlagen können, hat Davis noch zwei Begleiter erfunden, die den Roadtrip so eigensinnig charmant geraten lassen, als hätte man die Videoaufnahme vom "König der Löwen" dann irgendwann mit "Little Miss Sunshine" überspielt.

Karl hat seine große Liebe Evie verloren, die er im Schreibmaschinenkurs kennengelernt hat. "Ich bin hier, Evie", hat er ihr auf den Arm getippt, als sie im Krankenhaus lag, und er tippt es danach auf die Tische, an denen er sitzt. Sodass die Leute ihn für einen Spinner halten, weil sie nur sehen, wie er seine Finger bewegt, und nicht, was sein Herz bewegt.

Agatha hat diesen Mann verloren, von dem sie niemals zugeben würde, dass er vielleicht die Liebe ihres Lebens war. Sie weiß selbst nicht, warum alle von ihr erwarten, dass sie weinen soll, oder sie für verrückt halten, nur weil sie seine Hausschuhe nach seinem Tod nicht bewegt, das Haus nicht mehr verlässt, jede Veränderung an ihrem Körper in ein Heft des Alterns einträgt und sich erst nach 21.23 Uhr gestattet, einsam zu sein.

Ein Unfall, eine E-Mail, ein Anruf

Aus diesem zusammengewürfelten Klub der Hinterbliebenen wird mit jedem Meter, jeder Seite mehr so etwas wie eine Familie. Darum wohl trägt der Roman im Original den Titel "Lost & Found".

Davis selbst war Mitte 20 und irgendwo in Südamerika, als sie eine E-Mail ihres Bruders erhielt. Sie solle dringend zu Hause anrufen, stand darin. Als sie es tat, war ihr Vater am Telefon, der ihr sagte, dass ihre Mutter bei einem Unfall gestorben sei.

Seitdem, sagt Davis selbst, habe sie sich gefragt, wie man weiterlebt, wenn Trauer zum Teil des eigenen Lebens geworden ist. Wie lebt man mit dem Wissen, dass jeder, den man liebt, jederzeit sterben kann? Was macht man mit seinem Leben?

Man macht was draus. Das ist die Antwort, die Millie, Karl und Agatha finden. So einfach. So schwierig. Weil das zum Beispiel heißt, dass man nach Jahren sein Haus verlassen muss oder plötzlich mitten in der Wüste wieder die weiche Haut eines anderen Menschen berührt oder auf ein kleines Mädchen aufpasst oder eine Schaufensterpuppe durch halb Australien schleppt oder weint oder feststellt, dass man sich plötzlich wieder lebendig fühlen kann.

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Rainer Helmbrecht 01.07.2015
1.
Ich glaube Kinder wissen das, mich hat schon immer beeindruckt, wie Kinder mit einem Toten Tier umgehen, sie ahmen eine Beerdigung nach und nehmen Abschied. Ganz ernst und mit der Gewissheit, jetzt, nachdem wir die Beerdigung übernommen haben, wird Alles gut. Sie haben einen Abschluss für jemanden, etwas, gemacht. MfG Rainer
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