Buch-Neuerscheinungen: Nur das Herbste für den Herbst

Von Henryk M. Broder

Vergewaltigung, Holocaust, al-Qaida: Sensationelle neue Enthüllungen werden von den Verlagen für den kommenden Herbst angepriesen. Das Schöne daran ist: Wer die Ankündigungen gelesen hat, kann sich die Lektüre der Bücher sparen.

Neuerscheinung "Amerika und der Holocaust": Alte Kamellen revisionistischen Zuschnitts

Neuerscheinung "Amerika und der Holocaust": Alte Kamellen revisionistischen Zuschnitts

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als das Privatfernsehen noch nicht erfunden und Michaela Schaffrath noch nicht geboren war, als die Beate-Uhse Läden noch "Fachgeschäfte für Ehehygiene" hießen und allein der Gedanke an eine Erektion dazu führte, dass sie sich einstellte, als die Qualität von Autos nicht nach der Größe des Kofferraumes, sondern danach beurteilt wurde, wie schnell man die Vordersitze zurückklappen konnte, da erschienen in den Zeitungen kleine Anzeigen, in denen "unerhörte, sensationelle, nie gesehene Bilder" angeboten wurden, das Dutzend zu 9,90 Mark.

Es war vollkommen klar, was mit "unerhört, sensationell, nie gesehen" gemeint war: Schweinkram. Wobei als Schweinkram schon galt, wenn eine halbe Brustwarze und zwei Schamhaare zu sehen waren. Also legten wir, ein paar Oberprimaner, zusammen und bestellten einen Satz der "nie gesehenen" Bilder. Sie waren wirklich "unerhört" und "sensationell": Ein Rentnerpaar auf einer Parkbank, ein Mann mit einem Regenschirm, eine Frau mit einem Dackel an der Leine. Schweinisch an den Bildern war allenfalls, dass die Besteller abgezockt wurden. Von einem Schlaumeier, der sich in einem Postfach versteckte und per Vorkasse Kohle einsammelte.

Sensationen, die keine sind

Die "noch nie gesehenen" Bilder gehören zur Sittengeschichte des 20. Jahrhunderts, aber die Methode, Sensationen anzubieten, die keine sind, wird noch immer praktiziert. Nicht mehr von obskuren Postfachunternehmern, sondern von seriösen Verlagen. Im Frühjahr stand eine Revision der NS-Geschichte an, weil die Nazis angeblich Pornos produziert hatten, die sie gegen Eisenerz und Ölrechte tauschen wollten. Zuerst hatte sich Rowohlt blamiert, dann hatte Eichborn das Nachsehen. In diesem Herbst kommen wieder etliche Bücher auf den Markt, die Unerhörtes versprechen.

 "Vergewaltigt" von Susan J. Brison: Falsches Versprechen einer "einzigartigen Reflexion"

"Vergewaltigt" von Susan J. Brison: Falsches Versprechen einer "einzigartigen Reflexion"

"Eine einzigartige Reflexion über etwas, das uns alle treffen kann", kündigt z.B. der C.H. Beck Verlag das Buch "Vergewaltigt" der amerikanischen Philosophie-Professorin Susan J. Brison an, die "während eines Aufenthalts in Südfrankreich bei einem morgendlichen Spaziergang" überfallen wurde. Ganz bestimmt eine schreckliche Geschichte über ein traumatisches Erlebnis. Nur: Es gibt schon einige Bücher zu diesem Thema, zum Beispiel Samira Bellils "Durch die Hölle der Gewalt", ein autobiografischer Bericht der Tochter algerischer Einwanderer, die in Paris "Opfer von gemeinschaftlichen Vergewaltigungen" wurde, die "fast zum Alltag" in den Pariser Vorstädten gehören.

So etwas zu toppen ist nicht einfach, also wird das Buch der amerikanischen Philosophin historisch angehoben: "Zweifelsohne ein bedeutendes Buch ... schmerzvoller als das Tagebuch der Anne Frank, aber weniger sentimental", soll das englische Magazin "Spectator" geurteilt haben. Hatte Anne Frank Glück im Unglück, weil sie nur umgebracht aber nicht vergewaltigt wurde? Und hätte sie nicht etwas weniger sentimental sein können? Es gibt schließlich Erfahrungen, die schmerzvoller sind als der Tod.

Auch der Claassen Verlag mag den Vergleich mit Anne Frank nicht missen. Unter dem Titel "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt" bringt er die Tagebücher des Schriftstellers Mihail Sebastian heraus, der in Rumänien "ein bekannter Theater- und Romanautor" war, den aber in Deutschland kaum jemand kennt. Im Gegensatz zu Anne Frank, die jedem Schulkind bekannt ist. Also wird Philip Roth mit dem Satz zitiert: "Dieses Buch verdient es, neben das von Anne Frank gestellt zu werden." Schon möglich, dass Roth so etwas gesagt hat, aber muss man ihn deswegen gleich mit seinen eigenen Worten abstrafen? Und kann man Anne Frank nicht endlich in Ruhe lassen? Muss sie für alles und jeden herhalten?

Revisionismus als Marketingkniff

Knaur hat für November ein Buch angekündigt, das endgültig mit dem Mythos aufräumt, die Nazis seien für den Holocaust verantwortlich gewesen. Es heißt: "Amerika und der Holocaust - Die verschwiegene Geschichte". Die Vorankündigung ist schon deswegen ein kleines Meisterwerk, weil sie einem die Lektüre des Buches erspart. Das ist alles drin, was man wissen muss: "Amerika galt lange als Hort der Freiheit und der Demokratie. Tatsächlich aber haben die Vereinigten Staaten bis in die vierziger Jahre hinein mit dem Dritten Reich paktiert."

 Tagebuch-Neuveröffentlichung "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt": Anne Frank als überstrapazierte Referenz

Tagebuch-Neuveröffentlichung "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt": Anne Frank als überstrapazierte Referenz

Und weiter: "Ein paar Beispiele: Die restriktive Einwanderungspolitik der US-Regierung kostete Zehntausende jüdischer Flüchtlinge das Leben. Die Union Banking Corporation von George W. Bushs Großvater finanzierte die Aufrüstung der Wehrmacht, zudem war er Mitinhaber einer Fabrik, die in Auschwitz Stahl produzierte. Ford, General Motors und die Standard Oil der Rockefellers verkauften Fahrzeuge und Flugbenzin an die Wehrmacht." Bis jetzt wurde "die Geschichte der Verstrickung der USA in den Holocaust totgeschwiegen", jetzt kommt "erstmals Licht ins Dunkel".

Da wird nicht mehr wie üblich geflunkert, da wird schon handfest geschwindelt, denn die sensationellen neuen Erkenntnisse, die "Licht ins Dunkel" bringen, sind allesamt alte Kamellen, die bis jetzt von revisionistischen Autoren und rechtsextremen Zeitschriften immer wieder ausgewalzt wurden, um die Nazis zu entlasten. Jetzt hat der Revisionismus den verlegerischen Mainstream erreicht. Während die Nazis eine großherzige Auswanderungpolitik betrieben und sogar kostenlose Transporte in den Osten anboten, hat die "restriktive Einwanderungspolitik" der US-Regierung Zehntausende von Juden das Leben gekostet.

Und während bei uns die Degussa, die das Zyklon B für die Gaskammern lieferte und anschließend das Zahngold der vergasten Juden verarbeitete, sich beim Bau des Holocaust-Mahnmals rehabilitieren darf, sitzt der Enkel des Mannes, dessen Firma "die Aufrüstung der Wehrmacht" finanzierte, unbußfertig im Weißen Haus, als wäre nix passiert. So gesehen, sind es die Amis, die ihre "dunkle Vergangenheit" bewältigen müssen, wobei ihnen eine deutsche "Amerikanistin", die seit 1998 in den USA lebt, unter die Arme greift.

Ehekrieg und Terrorkampf

Die ultimative Volte macht der List Verlag, der mit "Mundtot" "die wahre Geschichte einer Deutschen" veröffentlicht, "die ahnungslos einen Ägypter heiratet, der heute von den Geheimdiensten als eines der wichtigsten Al-Qaida-Mitglieder in Europa eingestuft wird". Jahrelang "durchleidet sie eine grausame Ehehölle", bis ihr schließlich klar wird: "Sie lebt an der Seite eines Gotteskriegers. Er ist mitten unter uns in Deutschland."

Terrorbuch "Mundtot": Anonym bis zur Beliebigkeit

Terrorbuch "Mundtot": Anonym bis zur Beliebigkeit

Man weiß nicht, was schlimmer ist: Die Qualen einer Ehefrau oder der Terror der Al-Qaida. Regina S., die das Buch geschrieben hat, wird es uns verraten. Zwar lebt sie "mit einer neuen Identität" irgendwo in Deutschland, aber sie wird "Interviews" geben und "Auftritte in Talk-Shows (anonym)" absolvieren - so steht's im List-Katalog. Wie aber tritt man anonym in einer Talkshow auf? Hinter einem Paravent? In einer Burka? Mit einer Aldi-Tüte über dem Kopf? Und wer garantiert uns dann, dass es tatsächlich Regina S. ist und nicht Heidi K. oder Tatjana G., die anonym Zeugnis ablegen wird?

Diese Geschichte ist noch toller als die von Anne Frank, einfach unerhört und sensationell. Jetzt müsste nur noch einer aufschreiben, wie Anne Franks Großvater mit den Nazis paktierte und wie die United Fruit Company die Taliban mit Rapsöl belieferte, damit noch mehr Licht ins Dunkel kommt. Mag der Pro7-Sommer auf der Alm zwar ziemlich unbefriedigend sein, der Bücherherbst wird richtig heiß.




Susan J. Brison: "Vergewaltigt". C.H. Beck Verlag; 192 Seiten; 17,90 Euro.

Samira Bellil: "Durch die Hölle der Gewalt". Pendo Verlag; 280 Seiten; 19,90 Euro.

Mihail Sebastian: "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt". Claassen Verlag; 560 Seiten; 24 Euro.

Eva Schweitzer: "Amerika und der Holocaust - Die verschwiegene Geschichte". Droemer/Knaur; 400 Seiten; 12,90 Euro.

Regina S.: "Mundtot". List Verlag; 225 Seiten; 16 Euro.

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