Buch: Rhett Butler unter Pleitegeiern

Von

Elf Jahre nach der Veröffentlichung seines Welterfolgs "Fegefeuer der Eitelkeiten" legt der US-Autor Tom Wolfe nun seinen neuen Roman "A Man in Full" vor: eine wuchtige Südstaaten-Saga ­ und ein wüstes Sittenbild aus dem Amerika der neunziger Jahre.

Stell dir vor, du bist nicht mehr so ein mieser, kleiner Schreiberling, der sich für eine Zeitung abquält. Stell dir vor, du hast einen Roman geschrieben, und der verkauft sich auch noch, und eines Tages schlägst du beim Frühstück die "New York Times" auf, und da schreibt so ein mieser, kleiner Schreiberling, also so einer wie du früher warst, du hättest das "Buch des Jahrzehnts" verfaßt.

Du weißt, was dann passiert. Ein paar Millionen Stück werden verkauft. Hollywood ruft an. Hochglanzzeitschriften wollen dich in deinem weißen Anzug fotografieren. Es ist soweit: Dein ganzes Leben hast du die Mächtigen beneidet, und jetzt bist du selbst einer. Du bist ein "Master of the Universe". Und dann kommt wieder so ein mieser, kleiner Schreiberling und fragt, was du eigentlich als nächstes hinlegst. Der Schweiß tritt dir auf die Stirn. Du fängst an zu tippen und stellst ein paar Jahre später fest, daß du immer noch tippst. Und irgendwann wachst du nachts auf, schaust in ein paar Krankenhaus-Blumen und weißt, daß sie dich gerade am Herzen operiert haben. Da bist du wieder: ein kleiner, mieser Schreiberling, der gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen ist.

So ungefähr ist es dem ehemaligen Reporter und späten Erfolgsschriftsteller Tom Wolfe in den letzten elf Jahren ergangen: Welterfolg mit seinem Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" im Jahr 1987; langes Grübeln über das Nachfolgewerk; fünf bis sieben Millionen Dollar Vorschuß; lange Strandspaziergänge mit Freunden auf Long Island; noch längere Telefonate aus der Zwölf-Zimmer-Wohnung in der Upper East Side in Manhattan. Endlich der treue Freund Jann S. Wenner, Herausgeber der Zeitschrift "Rolling Stone", der beginnt, die Manuskriptseiten zu lesen.

"Er sprach mit mir über die Charaktere, den Plot", sagt Wenner, "aber es war klar, daß er steckengeblieben war. Es gab da eine spezielle Szene im Whitney Museum, mit der er Probleme hatte. Daraufhin las ich ,The Bonfire of the Vanities' noch einmal. Das Problem mit dem Whitney-Kapitel war, daß er es schon einmal geschrieben hatte." Es war wohl nur ein Problem. Das andere bestand darin, daß Wolfe eigentlich das gesamte "Bonfire of the Vanities" noch einmal geschrieben hatte. Nicht gut, so was. Schon gar nicht, wenn einer das Ego von Tom Wolfe hat. Er fühlte sich gezwungen, besser als bei "Fegefeuer" zu sein, sagt er. "Ich wollte das beste Buch der Welt schreiben."

Im August 1996 erlitt er eine Herzattacke. Im Sommer 1998 Gerüchte über Dollarmillionen für Vorabdrucksrechte. Das Fieber bei den Buchhändlern steigt. "Der gesamte schwächelnde amerikanische Buchmarkt will sich mit diesem Buch sanieren", sagt Helge Malchow, Cheflektor beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Nun, im November 1998, legt Wolfe einen Ziegelstein von einem Buch vor: über zwei Pfund schwer, 752 Seiten lang, darauf in roten, schlagzeilengroßen Buchstaben "Tom Wolfe", durch das O von Tom spioniert ein Auge, und irgendwo dazwischen, ganz klein, in Schwarz der Titel "A Man in Full"*.

Dazu ein Anfang in Cinemascope: "Charlie Croker, hoch auf seinem liebsten Tennessee-Pferd, zog seine Schultern zurück, um sicherzugehen, daß er aufrecht im Sattel saß. Er holte tief Luft ... Ahhhh, so war es gut ... Er liebte die Art, wie sich unter seinem Khaki-Hemd seine gewaltige Brust hob und wieder senkte, und er stellte sich vor, daß jedem in der Jagdgesellschaft auffiel, wie kräftig er gebaut war. Jedem; nicht nur seinen sieben Gästen, auch seinen sechs schwarzen Bediensteten und seiner jungen Frau auf einem Pferd hinter ihm bei den La-Mancha-Mauleseln, die den Planwagen zogen und den Karren mit den Hundekäfigen. Obendrein ließ er jetzt die größten Rückenmuskeln anschwellen, die Latissimi dorsi, ganz in der Charlie-Croker-Version eines Pfaus oder eines Truthahns, der sein Gefieder putzt. Seine Frau, Serena, war erst 28, er dagegen war gerade 60 geworden, er war kahl oben, und nur noch an den Seiten und hinten fand sich ein wenig lockiges, graues Haar. Er ließ selten eine Gelegenheit vorübergehen, um sie daran zu erinnern, daß es da noch ein starkes Band - nein, geradezu ein Tau - gab, das ihn mit der rauhen animalischen Vitalität seiner Jugend verknüpfte."

In seiner Ankündigung gab der Verlag bekannt, was folgt: "Große Männer. Großes Geld. Große Spiele. Große Libido. Großer Ärger." Und das war nicht gelogen: Wolfe entwirft eine wuchtige Südstaaten-Saga, ein "Vom Winde verweht" für das späte 20. Jahrhundert.

Charlie Croker, der alternde Immobilienunternehmer aus Atlanta, ist pleite, genauer: Er hat eine 800-Millionen-Dollar-Pleite hingelegt, und nun will ihm die Bank sein riesiges Landgut wegnehmen - sein Refugium mit Flugzeuglandeplatz, das er sich hält, damit er auch außerhalb der Jagdsaison auf Wachteln schießen kann; sein kleines Königreich, wo er Witze reißen darf über Schwarze, Frauen und Schwule.

Natürlich wird Charlie Croker um das alles kämpfen, und deshalb streicht er gleich mal 15 Prozent der Arbeitskräfte in seinem Nahrungsmittelkonzern "Croker Global Food". Eines der Opfer heißt Conrad Hensley, ist 23 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder: Hensley darf plötzlich nicht mehr auf Nachtschicht für 14 Dollar die Stunde gefrorenes Essen aus einem Kühlhaus in Oakland, Kalifornien, in die wartenden Lastwagen tragen, und sein Abstieg endet erst einmal in der Vorhölle - er landet unschuldigerweise im Alameda County Jail.

Aus diesen und vielen anderen Milieus baut Wolfe seinen Roman, ein ebenso wüstes wie präzises Sittenbild aus dem Amerika der neunziger Jahre. Ein Werk, das dem Leser lauter Schlüsselloch-Blicke verschafft - in die Vorstandsetagen der Konzerne, in die Crackhäuser der Slums, in die Villen abgelegter Ehefrauen, in die Auktionshallen einiger Superreicher, in die "Church of the Sheltering Arms": immer geführt von einem Reporter, dessen große Kunst darin besteht, gerade durch Feinheiten zu verblüffen und zu verzaubern; einem Mann, der selbst den Slang koreanischer von dem chinesischer Einwanderer atemberaubend unterhaltsam unterscheiden kann.

Es war dieser Drive, mit dem Tom Wolfe Mitte der sechziger Jahre den amerikanischen Journalismus revolutionierte. Als er einem leitenden Redakteur des "Esquire" eine Geschichte über die Subkultur junger Autofanatiker in Kalifornien vorschlug, ließ der ihn reisen. Wolfe residierte zwei Wochen lang im teuren "Beverly Wilshire Hotel" in Los Angeles, und als er wieder in New York in seinem Büro saß, brachte er tagelang keine Zeile aufs Papier. Der "Esquire" hatte die Fotos, aber keine Story, und statt Wolfe zu feuern, bat man ihn, doch bitte einfach seine Notizen abzutippen - man werde sie zu den Fotos stellen.

Wolfe begann, einen Brief an seinen Redakteur zu schreiben, er tippte die ganze Nacht, und als er fertig war, lagen 49 Seiten vor. Unter dem Titel "The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby" wurde seine Story zu einem der ersten Klassiker des "New Journalism", einer Haltung, die weniger einer Schule entsprang als einem Gefühl: Geprägt von Jazz und Pop, vom Gespür für Tempo und vibrierend durch die Schnitt-Techniken des Kinos und die Nervosität des modernen Großstadtlebens sollte eine Story abzischen wie ein Song der Beatles, wie eine Mondrakete, sie sollte explodieren wie Muhammad Ali, wenn ihm einer dumm kam.

Gut schreiben war die eine Sache - doch wenn einer zum Popstar werden wollte, dann brauchte er ein Image, und Wolfe begriff das. Also besorgte er sich einen weißen Anzug, und der wurde für ihn das, was für Batman der schwarze Umhang ist: Gimmick, Erkennungsmerkmal, Markenzeichen. Wo immer Wolfe auftauchte, erkannten ihn die Leute sofort: Da war er wieder, der Irre mit seinem weißen Anzug.

Mit 67 Jahren ist Wolfe heute ein Veteran des New Journalism, aber eben immer noch dessen größter Star. Er kann es sich leisten, Werke wie den in anspruchsvollen Feuilletons fast totgelobten Roman "Underworld" von Don DeLillo nicht nur unwichtig zu finden, sondern einfach nicht zu kennen. "Wie ... Wonderworld?" fragt er.

Auf seinem handgemachten Mahagoni-Schreibtisch liegen zwei Taschenbücher aus dem 19. Jahrhundert. Das eine: "Nana" von Emile Zola. Das andere: "Mademoiselle Fifi" von Guy de Maupassant.

Jetzt, wo er wieder obenauf ist, verrät er, daß er als nächstes einen Roman über Schulen und Erziehung plant. "Ich weiß, das klingt eher langweilig", sagt er, "aber es gibt auch da die verrücktesten Dinge zu entdecken, und es könnte eine Menge Spaß machen, darüber zu schreiben."

Also wird er sich demnächst wieder an seine kleine mechanische Schreibmaschine setzen und sich wahrscheinlich ebenso schnell wieder wie ein kleiner mieser Schreiberling fühlen.

Zur Beruhigung hat er mittlerweile 40 weiße Anzüge im Schrank hängen, und weil er nie zufrieden ist, läuft er gern durch New York und schaut, was es so Neues in den Läden gibt.

"Ich wünschte, ich hätte ein anderes Hobby", gesteht er. "Drachenfliegen oder Bungee-Springen. Aber es ist nun mal so: Mein Hobby ist Schaufensterbummeln."

* Tom Wolfe: "A Man in Full". Farrar, Straus and Giroux, New York; 752 Seiten; 28,95 Dollar.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback