Buch über Meinhof und Dutschke Die trügt wie gedruckt

Zwei 68er-Ikonen, ein super Thema: Das muss sich Jutta Ditfurth gedacht haben, als sie ein Buch über die Freundschaft von Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof schrieb. Einziges Problem: Die beiden Politstars kannten sich kaum.


Berlin - Eines hatten diese Frau und dieser Mann ohne Zweifel gemeinsam: Sie starben einen ungewöhnlichen und tragischen Tod. Sie erhängte sich im Mai 1976 am Fenster ihrer Zelle im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim. Er starb Weihnachten 1979 an den Spätfolgen des 1968 auf ihn verübten Attentats: im Exil im dänischen Aarhus ertrank er bei einem epileptischen Anfall in der Badewanne.



Ulrike Meinhof und Rudi Dutschke waren Galionsfiguren der "Außerparlamentarischen Opposition" der sechziger Jahre. Meinhof prägte als Kolumnistin des Magazins "konkret" die radikalen Meinungen der Studentenbewegung; Dutschke war nicht nur der Kopf der Neuen Linken, sondern marschierte auch bei den Demonstrationen in der ersten Reihe. Beide bewunderten Che Guevara und glaubten an die Revolution.

Und beide faszinieren offenbar in hohem Maße Jutta Ditfurth, die spätgeborene Revolutionsromantikerin und einstige Grünen-Vorsitzende. Jedenfalls hat die Frankfurter Fundamental-Journalistin nun ein erstaunliches Buch über Dutschke und Meinhof geschrieben. Der herzige Titel des Werks: "Rudi und Ulrike". Der Untertitel des Buches, das Ende dieser Woche erscheint, lautet "Geschichte einer Freundschaft" – und versetzt zumindest Kenner der Berliner Szene des Jahres 1968 in Staunen.

Falsche Freunde

"Ulrike Meinhof und mein Mann waren nicht befreundet", sagt Gretchen Dutschke, die Witwe des einstigen Studentenführers. "Das ist Unsinn." Ditfurth räumt zwar ein: "Ihre Freundschaft war nur wenigen bekannt", aber sollte sie tatsächlich Dutschkes Frau und seinen Freunden entgangen sein?

Die Biografien von Dutschke und der fünfeinhalb Jahre älteren Meinhof unterscheiden sich deutlich: Er wuchs als vierter Sohn eines Postbeamten in Luckenwalde, südlich von Berlin auf, eckte als junger Christ im DDR-Sozialismus an und flüchtete kurz vor dem Bau der Mauer nach West-Berlin, um dort Soziologie zu studieren.

Sie kam aus einem Elternhaus von Nazi-Karrieristen im Westen, schloss sich der illegalen KPD an. Und während sie nach der Heirat mit dem "konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl im feinen Hamburg-Blankenese residierte und auf Sylt Ferien machte, hauste der asketische Dutschke mit Gattin Gretchen und Sohn Hosea Ché in einer Ein-Zimmer-Wohnung.

Im selben politischen Milieu bewegten sie sich erst, nachdem Meinhof sich von ihrem Mann getrennt hatte und im Februar 1968 nach West-Berlin, dem Zentrum der Studentenbewegung, gezogen war. Doch obwohl auf dem Umschlag des Ditfurthschen Werks "eine Freundschaft, die die Republik veränderte" postuliert wird, gibt es offenbar kein Foto, das die beiden zusammen zeigt. Das Bild der vermeintlichen Freunde auf dem Buchcover ist eine Montage. Ditfurth beschreibt auch nur drei Situationen genauer, in denen sich die beiden angeblichen Freunde wenigstens mal trafen.

Vier Monate nach dem Attentat auf Dutschke reiste Meinhof im August 1968 nach Italien, um mit ihm das erste Interview nach dem Anschlag zu führen. Er aber gab ihr einen Korb. Die Journalistin schloss sich im Mai 1970 Andreas Baader und Gudrun Ensslin an und nahm in der "Roten Armee Fraktion" einen terroristischen Kampf auf, den Dutschke stets ablehnte.

"Man kann an einer Hand abzählen, wie oft die beiden sich getroffen haben", sagt Gretchen Dutschke. "Völliger Quatsch" sei es, von einer Freundschaft zu sprechen, ärgert sich der damalige Vertraute der Dutschkes Clemens Kuby. Auch Dutschkes einstiger Weggefährte Bernd Rabehl bekundet: "Die beiden waren nicht befreundet."

Unmoralisches Angebot

Kurz nachdem sie nach Berlin gezogen war, so erinnert sich Rabehl, habe Meinhof Dutschke im Republikanischen Club angesprochen. "Ich, die Feder, du, die Stimme der Bewegung, das wäre doch was", habe sie gesagt. Dutschke allerdings, so Rabehl, sei ziemlich irritiert gewesen: "Ich bin doch verheiratet und habe ein Kind", habe er die Offerte kommentiert.

Auch Gretchen Dutschke berichtet, dass Meinhof offenbar an mehr als an politischer Diskussion mit ihrem Mann interessiert war. So habe Rudi ihr, nachdem er Meinhof im Mai 1969 in West-Berlin getroffen hatte, erzählt: "Ulrike hat mir etwas seltsames vorgeschlagen. Ich soll dich verlassen und mit ihr zusammen leben."

Meinhofs Avancen tauchen in Ditfurths Buch allerdings nicht auf. Einer Genossin den Mann auszuspannen, passt nicht so gut in das Bild der hehren Revolutionärin, das Ditfurth von Meinhof zeichnet.

Ditfurth schreibt detailversessen, aber ihre Grundthese ist falsch. "Sie sollte das als Fiction kenntlich machen, wenn sie eine Freundschaft zwischen den beiden erfindet", schlägt deshalb der einstige Dutschke-Genosse Tilman Fichter vor.

Ditfurth hat immerhin schon schon einen historischen Roman und einen "Anti-Esoterik-Krimi" veröffentlicht. Und der Droemer Verlag führt "Rudi und Ulrike" auf seiner Website zwar in der Abteilung Sachbuch, aber unter dem Stichwort "Romanhafte Biografie".


Jutta Ditfurth: "Rudi und Ulrike. Geschichte einer Freundschaft". Droemer Verlag,"240 Seiten; 16,95 Euro



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