Möbel-Manifest: Bauhaus und Hausbau

Von Maren Keller

Konstruieren statt konsumieren: Der Architekt Van Bo Le-Mentzel hat die Bau-Anleitungen für seine sogenannten Hartz-IV-Möbel als Buch herausgegeben. Ein Bastelbuch für alle, die sich hin und wieder davon überzeugen wollen, dass die Welt doch ein guter Ort ist.

Möbel-Manifest: Bauhaus und Hausbau Fotos
Van Bo Le-Mentzel/ Hatje Cantz

Die Berliner Passanten wunderten sich eines Tages über eine Frau, die in einem seltsamen Häuschen mitten auf dem Bürgersteig hauste. Die Frau war eine Rucksackreisende aus Neuseeland. Und ihr Häuschen war gerade mal einen Quadratmeter groß. In der Nacht kippte die Frau das Häuschen auf die Seite, so dass eine Matratze auf der Seitenwand Platz fand. Und am Tag wurde aus dem Häuschen ein Café, und die Frau schenkte Kaffee gegen Spenden aus. Die Idee mit dem Häuschen war der Frau gekommen, als sie den Mann kennengelernt hatte, dessen Entwurf das Häuschen war. Der Mann heißt Van Bo Le-Mentzel, und sein Häuschen wegen seiner Größe das Ein-Quadratmeter-Haus.

Und es ist schwierig zu sagen, ob die Leute sich mehr darüber wunderten, dass das Häuschen so klein oder die Idee dahinter so groß war. Denn der Häuschen-Designer Van Bo Le-Mentzel glaubt wirklich daran, dass Design die Welt besser machen kann. Er glaubt, dass jeder Mensch ein Zuhause haben soll. Er glaubt, dass es schöne Möbel geben soll für Menschen, die viel Geschmack haben und nur wenig Geld. Er glaubt an Karma. Er glaubt, dass die Leute weniger kaufen sollen, und dass sie darüber nachdenken sollen, was sie brauchen. Und er glaubt, dass man all diese Ideen den Menschen nahebringen kann, wenn man sie Möbel bauen lässt.

Begründung statt Bezahlung

Deshalb hat Van Bo Le-Mentzel nicht nur das Häuschen entworfen, sondern auch einen Stuhl, ein Schlafsofa, einen Tisch, einen Hocker, einen Schreibtisch und einen Sessel. Die Anleitungen hat er ins Internet gestellt, wo sie von anderen verbessert, weiterentwickelt und nachgebaut wurden. Van Bo Le-Mentzel will kein Geld für die Anleitungen, sondern Geschichten, Fotos und gute Begründungen. Wie die von Martin, der Angst hatte, sich in einer anonymen Ikea-Wohnung in der großen Stadt nicht zu Hause zu fühlen. Oder die von Luise, die in der Reha-Klinik nicht nur eine Holzwerkstatt, sondern auch Zeit zum Bauen zur Verfügung hat. Und neuerdings gibt es die gesammelten Anleitungen auch als Buch: "Hartz-IV-Möbel.com" heißt es, und es ist eine wunderschöne Mischung geworden aus Bastelbuch, Design-Geschichtsbuch, Bildband und Manifest. Erst lernt man, wie man die Möbel bauen kann, dann sieht man, wie Menschen mit ihren selbstgebauten Möbeln leben. Das ist das Wohn-Blog The Selby für Selberbauer. Die Möbel sind schlicht, modern und vom Bauhaus inspiriert. Die Materialien sind billig. Und die Möbel sind dem modernen Leben angepasst: vielseitig nutzbar. Der Berliner Hocker zum Beispiel ist Stuhl, Pult und Regalsystem. Das Siwo-Sofa ist entweder Sofa und Bank oder Bett. Der Leitspruch des Buches und der gesamten Bewegung lautet "konstruieren statt konsumieren".

Karma-Economy

Im Vorwort kann man lesen, das Buch sei für folgende vier Gruppen gedacht: 1.Erstens DIY-Fans, zweitens Interiordesign-Fans, drittens Start-ups und Marketingmanager, viertens Kommunisten und andere schräge Vögel. Das ist zwar irgendwie richtig, aber fünftens und vor allem ist dies ein Buch für Leute, die sich hin und wieder davon überzeugen wollen, dass diese Welt doch ein guter Ort ist.

Denn das Buch ist nicht nach der üblichen Verlags- und Verwertungslogik entstanden. Über Facebook wurde über den Inhalt des Buches diskutiert. Ohne das Internet wäre das Buch nicht denkbar, in ihm stecken die Ideen und die Unterstützung einer Menge von Menschen. Und statt der üblichen Autorenzeile steht auf dem Buch: "Le Mentzel & The Crowd". Per Crowdfunding hat Van Bo Le-Mentzel Geld für das Buchprojekt gesammelt und wurde dabei von seinem Verlag entdeckt. Van Bo nennt das Karma-Economy. Noch so etwas, an das er glaubt. Wie auch an die wichtigste Einrichtungsregel: "Heute weiß ich, dass man sich mit den Dingen umgeben muss, die man liebt."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak 10.09.2012
Vielleicht lenkt er auch nur viele Leute davon ab, sich gegen die bestehenden Verhältnisse einzusetzen und wirklich etwas an der Welt zu verändern. Nur mit sich-gut-fühlen-wollen ist das nämlich selten zu erreichen gewesen. Diese Sozialromantisiererei geht mir dabei ziemlich auf die Nerven.
2. optional
dare45 19.09.2012
Worte wie Sozialromantiker, Gutmenschen oder Multikulti-Träumer stehen für mich für Stagnation. Meines Erachtens verändert genau das im Artikel beschriebene Verhalten die Welt. Guerilla-Gardening, Couch-Surfing, Komplementärwährungen, Open-Source-Projekte und Do-it-yourself Strategien verändern das eigene Erleben von Konsum, Empowerment und Gemeinschaft und prägen in ansteckender Weise die Gemeinschaft. Mehr Einfluss auf die bestehenden Verhältnisse kann man doch gar nicht wollen!?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Buchtipp

Facebook