Deutschland im Wandel Für die offene Gesellschaft

Viele halfen, als die Geflüchteten kamen. Jetzt wird der Sommer 2015 von rechts als Staatsversagen verunglimpft - dabei war er das Gegenteil: ein Staatsgelingen, findet SPIEGEL-Autor Georg Diez. Hier ein Auszug aus seinem neuen Buch.

Flaggen in Lübeck)
DPA

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Lesen Sie hier einen gekürzten Auszug aus dem neuen Buch "Das andere Land" von Georg Diez. Es ist am 17. September erschienen.


Erzählungen sind wichtig. Die Geschichten, in denen wir uns selbst erkennen, liefern die Worte und Bilder dafür, wie wir sein wollen und wer wir sein wollen, sie schaffen ihre eigene Realität, weil die Dinge, die getan werden oder die geschehen sollen, erst einmal gedacht werden müssen.

Die Geschichte vom Sommer 2015 hätte so eine Erzählung sein können, sie hätte die Grundlage sein können für eine positive Veränderung dieser Gesellschaft, für ein anderes Land, eine andere Politik, weil sich viele Menschen wie zum ersten Mal erkannten, als sie den Geflüchteten halfen.

Viele von denen, die damals aktiv wurden, als die Geflüchteten in ihr Dorf oder in ihre Stadt kamen, schienen selbst überrascht von sich zu sein, wie sie Schlafsäcke packten und Shampoos und Plastikrasierer und Wasserflaschen und im Keller nach Kleidern suchten und die Stadt, in der sie lebten, neu entdeckten.

Ein Akt politischer Schönheit

Viele Menschen entdeckten für sich, was es heißt, ein Bürger zu sein, aktiv zu sein, Menschen direkt zu helfen, nicht abzuwarten, bis jemand kommt und einen auffordert, wie das geht, selbst zu handeln, selbst Verantwortung zu übernehmen, sich selbst als Teil dieser Gesellschaft zu definieren, die offen ist und human.

Das, was sie hier sahen, war real, es war ein Bruch mit der medialen Routine des Leidens, die man hinzunehmen gelernt hatte, es war eine Not, die nicht durch Ironie abgefedert werden konnte, es war eine Frage, die sich auch dem eigenen Leben, der eigenen Biographie, dem eigenen Milieu stellte.

Und all das, was später an Argumenten und an Argwohn und an Angst in die Diskussion eingebracht wurde, wirkt künstlich und fern und auch bösartig diesem Moment gegenüber, der so anders war, so unmittelbar und doch reflektiert.

Es war ein Akt der politischen Schönheit, das war der revolutionäre Kern dieser Tage, eine neue Formel für die Veränderung des Alltags und des Gemeinwesens.

Was sich hier zeigte und was viele Deutsche zum ersten Mal in ihrem Leben verstanden, war der Kern dessen, was John F. Kennedy so schön und klar formuliert hatte: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt - ein Satz, der erst einmal die Direktheit der amerikanischen Demokratie ausdrückt, eine idealtypische Durchlässigkeit, die dieses Land immer noch mehr prägt als alle anderen Demokratien dieser Welt.

Das ist jedenfalls das Versprechen, das immer auch mit einer Verpflichtung kommt: Demokratie ist kompliziert und anstrengend und eine tägliche Erfahrung. Es war eine konstruktive Art, die bestehende Ordnung auf vielen Ebenen infrage zu stellen, und die Provokation war so grundlegend und so groß, dass der Rassismus und das Ressentiment, die folgten, erst einmal wie ein Akt der Hilflosigkeit und Überforderung wirkten.

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Wie kann man Wandel institutionalisieren?

Die Verunsicherung war aber auch grundlegend: Es ging um eine Offenheit für Innovation und die Starrheit von Institutionen, es ging also durchaus darum, die Gelegenheit zu nutzen und aus der Herausforderung, die die Geflüchteten bedeuteten, einen Prozess des Nachdenkens über die Grundfragen der politischen Ordnung in diesem Land zu beginnen, die direkter, experimenteller, unfertiger, offener, von mehr Vertrauen und mehr Möglichkeiten geprägt sein sollte.

Wie also könnte diese kommende Ordnung aussehen, wie kann man Wandel institutionalisieren, wie kann man Institutionen und Prozesse schaffen, die für Veränderung offen sind, porös und stabil zugleich - und was ist, wenn man keinen Plan hat, weil die Wirklichkeit sich zu schnell wandelt und nicht mehr planbar ist, wenn man statt eines Plans nur eine Art Kompass besitzt, eine Vorstellung für das Gute und Richtige?

Oder, genauso wichtig fast, wie kann man Scheitern etablieren als Form von Veränderung, wie würde eine Politik aussehen, die nicht auf das Gelingen setzt und damit oft auf Versprechen, die gebrochen werden, eine Politik, die die Möglichkeit des eigenen Scheiterns offenlegt?

Die Fragen, die die Geflüchteten mit sich brachten, waren die nach einer fundamentalen Veränderbarkeit von Gesellschaft im frühen 21. Jahrhundert, nach Reform, Disruption, Erneuerung und Energie - der Widerstand und die Aggression gegen die Geflüchteten ist damit teilweise auch ein Widerstand gegen das Neue überhaupt, gegen die Unsicherheit, die die Welt ausmacht, gegen eine Veränderung von Gesellschaft.

Es ist ein Widerstand, der an die Wurzeln dessen geht, was die Ängste von Menschen sind, die eine Welt verschwinden sehen und die neue nur erahnen.

Demokratie - Anstrengung, Experiment, Auseinandersetzung

Die neue Zeit nun braucht andere Antworten, es braucht mehr Recherche, was die Bedürfnisse angeht, es braucht mehr Genauigkeit, mehr Individualität, mehr Verschiedenheit der Ansätze, eine Mischung aus Vision und Experiment, angetrieben von einem Optimismus der Machbarkeit.

Das war es letztlich auch, was Angela Merkel ausdrückte mit ihrem so oft zitierten Satz, der, wenn man ihn ernst nimmt, viel mehr als eine politische Parole war, sondern ein gesellschaftliches Konzept für eine gelingende Demokratie.

Das war das "wir" in "Wir schaffen das", das sind alle, die hier sind, egal, ob sie hier geboren sind oder nicht. Das war das "schaffen", der Prozess der Anstrengung und Veränderung, der die Demokratie ist, das Experiment und die Auseinandersetzung. Das war das "das", in merkeltypischem Understatement die große Aufgabe des Zusammenlebens, was den Kreis zum "wir" schließt - eine Beschwörung von Demokratie als alltäglichem Akt und nicht als Volks- oder Schicksalsgemeinschaft.

Und darum war das, was im Sommer 2015 geschah, die Grenzen, die offen blieben für die, die nach Deutschland wollten, kein Staatsversagen, wie so oft beschworen - es war vielmehr ein Staatsgelingen, es war Demokratie ohne Anleitung, es war ein Bürgertriumph, weil die Menschen von selbst das Richtige taten, ohne zu warten, was gewünscht oder gefordert war, es war etwas, das in der deutschen Geschichte, die so obrigkeitsstaatlich von Abwarten und Argwohn und Angst geprägt ist, eher rar ist.

Verschwendete Chancen

Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Merkel diesen Satz sagte, der so eine direkte Verbindung hat zu dem anderen Satz, der die Geschichte voranbrachte, etwas mehr als 25 Jahre zuvor, das andere Epochenereignis dieser Generation, die damals jung war und die nun zwischen 45 und 65 Jahre alt ist und zum zweiten Mal erlebt, wie die Welt, wie wir sie kannten, sich grundsätzlich verändert, wie bestehende Wahrheiten wanken und Gewissheiten neu bestimmt werden müssen.

Denn das "Wir schaffen das" vom Sommer 2015 ist verwandt mit dem "Wir sind das Volk" vom Herbst 1989, es könnte eine Fortschreibung dieses Satzes sein, hinein in eine Zukunft, die nicht auf dem Volk beharrt, sondern auf dem Wir, aus dem Gesellschaft entsteht, unabhängig von der Geburt, frei und flexibel - zwei Epochenereignisse, angetrieben nicht von den Mächtigen, sondern von einer breiten Bürgerbewegung, zwei Möglichkeiten, die Bedingungen des Zusammenlebens nicht nur oberflächlich, sondern grundsätzlich neu zu formulieren.

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Georg Diez:
Das andere Land

Wie unsere Demokratie beschädigt wurde und was wir tun können, um sie zu reparieren

C. Bertelsmann; 224 Seiten; gebunden; 16,00 Euro

Verwandt sind die beiden Ereignisse auch darin, dass diese Chance erst einmal verschwendet wurde, bekämpft oder gar nicht gesehen, aus direkten ökonomischen Interessen und Gedankenlosigkeit im Fall der Wiedervereinigung, aus rassistischen Reflexen verbunden mit einer normativ entleerten Vorstellung von Demokratie im Fall der Geflüchteten. Zwei verpasste Neugründungen Deutschlands.

Geschichte hört nicht einfach auf, wenn ein Land verschwindet. Geschichte geht weiter, sie ballt sich, sie wickelt sich um die Menschen, sie droht sie manchmal zu ersticken, und die wehren sich dann, sie schlagen um sich, das Dunkle, der Hass, der Rassismus kommen auf gefährliche Weise an die Oberfläche.

Das Land, so war die Wiedervereinigungslogik, wurde westlicher, offener, internationaler, kosmopolitischer. Das war die Idee. Es war die Wahrheit, die man sehen wollte. Es war in vielem eine Täuschung, eine Selbsttäuschung. Das Land wurde deutscher nach 1990, enger, angstvoller, nationalistischer. Es war eine andere Geschichte.

Der Widerstand des einen gegen das andere Deutschland war immer da. Die Ablehnung und der Hass flackerten 1992 und 1993 in den ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Brandanschlägen auf, sie bestimmten den Terror der NSU zwischen 2000 und 2007, eine Art Ground Zero des wiedervereinigten Deutschland, sie zeigten sich auf den Kundgebungen von Pegida seit 2014 und schließlich in den fast täglichen fremdenfeindlichen Exzessen seit 2015. Nicht nur im Osten, aber anders im Osten.

Die Fehler der Vergangenheit sind die Probleme der Gegenwart. Wir erkennen uns in unseren Geschichten.

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insgesamt 167 Beiträge
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so-long 17.09.2018
1. Pfeifen im Wald
Schönreden hilft nichts. Jeder, der PRAKTISCHE Erfahrung im persönlichen Umgang mit den Flüchtlingen hat, weiß, dass da noch gewaltige Probleme warten. Nur sind bis dahin alle jetzt dafür Verantwortliche längst von der politischen Bühne verschwunden. Details erwünscht? Lieber nicht.
vox veritas 17.09.2018
2.
Ich hätte nicht gedacht, daß der Spiegel Online seinen Autoren Platz einräumt, um für die eigenen Bücher Werbung zu machen. Man sollte dann aber den Artikel zumindest als Werbung kennzeichnen.
Nachtsegler 17.09.2018
3. Warum ein anderes Land?
Deutschland, so wie es ist, möchten es die meisten Deutschen haben.
advocatus diaboĺi 17.09.2018
4. Ein interessanter Artikel
aber ist da nicht auch zu viel Schwarzmalerei? Gerade hat Spon auf eine Studie hingewiesen, nach der der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung der Situation 2015 positiv gegenübersteht und die großen Chance der Einwanderung für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Landes begreift. Man sollte sich nicht von den Schreihälsen auf der Straße, den ewig gestrigen Politikern und den "intellektuellen" Brunnenvergiftern blenden lassen. Nicht wer am lautesten schreit, repräsentiert auch die Mehrheit im Land.
Hammelinda 17.09.2018
5. Kein Versagen ist noch lange kein Gelingen
Ist es nicht genau diese extreme Dissonanz in der Wahrnehmung, die das Land gerade auseinander reißt? Die eine Seite sieht ein totales Versagen - und Herr Diez ein buntes Gelingen. Am Ende ist es vielleicht doch eine etwas komplexere Angelegenheit.
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