Buchhandel Anselm Kiefer erhält Friedenspreis

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2008 geht an Anselm Kiefer. Der Maler und Bildhauer habe eine Bildsprache entwickelt, "die aus dem Betrachter auch einen Leser macht", begründete der Stiftungsrat die ungewöhnliche Wahl.


Frankfurt am Main - Mit dem 63-jährigen Anselm Kiefer werde ein weltweit anerkannter Künstler mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, "der seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert", erklärte der Stiftungsrat. Weiter heißt es in der Begründung: "Die starke Resonanz seines Werks beruht auf der Fähigkeit, für die zeitlosen und für die akuten Themen, die Anselm Kiefer behandelt, eine Bildsprache zu entwickeln, die aus dem Betrachter auch einen Leser macht."

Kiefer, Jahrgang 1945, zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern und beeinflusst seit Beginn seines künstlerischen Schaffens die zeitgenössische Kunst. Von der ersten Bilderserie "Besetzungen" im Jahr 1969 bis zu seiner großen Ausstellung "Monumenta" im Jahr 2007 im Pariser Grand Palais zeigt sich seine andauernde künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit Religion, Philosophie und Mystik sowie mit Literatur und Poesie.

Durch die Verbindung von Kunst mit politischer Aussage löst Anselm Kiefer in der Öffentlichkeit immer wieder Diskussionen aus. So beschäftigt er sich mit der Frage, ob es nach dem Holocaust und der Vereinnahmung der nationalen kulturellen und künstlerischen Tradition durch das Dritte Reich überhaupt noch deutsche Künstler geben kann und setzt in seinen Bildern symbolische und mythische Elemente aus der deutschen Geschichte ein.

Kiefer ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, unter anderem des Goslarer Kaiserrings und des Internationalen Jury-Preises der Kunst-Biennale Venedig 1997. Vor neun Jahren erhielt Kiefer den japanischen "Praemium Imperiale" als Würdigung für einen zeitgenössischen Künstler, der einen ausgeprägten Sinn für die Auseinandersetzung der Kunst mit der Vergangenheit und der Ethik und Moral der Gegenwart entwickelt hat. Der künftige Friedenspreisträger ist in zweiter Ehe mit der Österreicherin Renate Graf verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt und arbeitet im südfranzösischen Barjac und in Paris.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Preisträger seit 1997

2011 - Boualem Sansal , algerischer Schriftsteller

2010 - David Grossman , israelischer Schriftsteller und Publizist

2009 - Claudio Magris , italienischer Schriftsteller

2008 - Anselm Kiefer , deutscher Künstler

2007 - Saul Friedländer , israelischer Historiker

2006 - Wolf Lepenies , deutscher Soziologe

2005 - Orhan Pamuk , türkischer Schriftsteller

2004 - Peter Esterhazy , ungarischer Schriftsteller

2003 - Susan Sontag , amerikanische Schriftstellerin

2002 - Chinua Achebe , nigerianischer Schriftsteller

2001 - Jürgen Habermas , deutscher Soziologe und Philosoph

2000 - Assia Djebar , algerische Schriftstellerin und Historikerin

1999 - Fritz Stern , amerikanischer Historiker

1998 - Martin Walser , deutscher Schriftsteller

1997 - Yasar Kemal , türkischer Schriftsteller


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Verliehen wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung am 19. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Träger ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Dachverband der deutschen Buchbranche.

Traditionsgemäß findet die Ehrung in der Frankfurter Paulskirche statt, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.

Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zusammen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988) und Václav Havel (1989).

Der Preis wurde erstmals im Frühjahr 1950 verliehen. Seitdem hat es wiederholt Auseinandersetzungen um die Preisträger gegeben. 1995 war das Votum für die Annemarie Schimmel umstritten, Kritiker warfen der Orientalistin mangelnde Distanz zum islamischen Fundamentalismus vor. Eine Kontroverse löste auch 1997 Günter Grass aus, als er in seiner Laudatio auf den türkischen Preisträger Yasar Kemal die deutsche Kurdenpolitik kritisierte.

1998 schließlich sorgte Preisträger Martin Walser mit seiner Rede für einen Skandal, in der er sich gegen eine "Instrumentalisierung unserer Schande", gemeint war die deutsche NS-Vergangenheit, wandte. Der Ansprache Walsers folgte eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.

tdo/dpa/AFP



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