Westernroman Erst kommt die Bürste, dann das Bordell

Odyssee ins finstere Herz des amerikanischen Traums: In Patrick deWitts Westernroman "Die Sisters Brothers" machen sich zwei Brüder auf die Suche nach einer Gold-Formel. Sie stoßen auf Glücksritter, Outlaws, Huren - und den Erfinder der Zahnbürste.

Corbucci-Western "Django": Dann kamen die beiden Sergios
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Corbucci-Western "Django": Dann kamen die beiden Sergios


Zwei Männer, eine staubige Straße, zwei Schüsse, ein Toter - das war jahrzehntelang die Quintessenz des Westerns. Am Ende musste der Böse tot im Dreck liegen und der Gute in den Sonnenuntergang reiten, gen Westen, dem Versprechen folgend, dass es hinter dem Horizont immer weiter gehen würde.

Dann kamen die zwei Sergios - Corbucci und Leone - und nahmen das Duell, das heilige Herzstück des klassischen Westerns, zerdehnten und verzerrten es so lange, bis es nur noch als Parodie denkbar war. So wurden die beiden italienischen Regisseure zu Totengräbern des Genres; deshalb war Henry Fonda, strahlender Mittelpunkt unzähliger amerikanischer Heldenepen, die perfekte Wahl, um in Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" den amoralischen Schurken Frank zu spielen - und am Ende zu sterben.

Wie Frank sind auch die meisten Figuren in Patrick deWitts zweitem Roman "Die Sisters Brothers" vor allem von Gier getrieben. Der Gier nach dem Gold, das Mitte des 19. Jahrhunderts ein ganzes Land (und die halbe Welt) in einen kollektiven Rausch stürzt. Glücksritter, Outlaws, Huren, sie alle folgen dem Lockruf des Goldes nach Kalifornien. Auch Charlie und Eli Sisters, gefürchtet als Killer-Duo Sisters Brothers, machen sich auf den Weg von Oregon in Richtung Süden. Sie sollen im Auftrag eines skrupellosen Provinzfürsten namens Kommodore einen gewissen Hermann Kermit Warm umlegen (ja, deWitt übertreibt es mit den originellen Namen) und ihn einer chemischen Formel berauben, die es angeblich leichter macht, Gold zu finden.

Es wird eine bizarre Odyssee ins finstere Herz des amerikanischen Traums. Auf ihrem Weg treffen die beiden Brüder im Rhythmus der meist kurzen Kapitel auf einen Goldsucher, der in der Wildnis wahnsinnig geworden ist, einen Entrepreneur, der sich nach verschiedenen Fehlschlägen als Zahnarzt selbständig gemacht hat und unsere Helden mit einer mysteriösen neuen Erfindung namens Zahnbürste bekannt macht, diverse Outlaws, die erst schießen und auch dann keine Fragen stellen, eine Teilzeithure mit einem Herzen aus Gold (nicht im Neil Youngschen Sinne) - und schließlich den Gesuchten selbst, Hermann Kermit Warm, einen zwar genialen, aber dem Alkohol verfallenen Erfinder. Keine Spur hingegen von aufrechten Sheriffs, tapferen Soldaten, findigen Trappern und edlen Wilden, den Heldenfiguren klassischer Western.

Ums kranke Pferd kümmern

Der Kanadier Patrick deWitt spannt in "Die Sisters Brothers", der es 2011 auf die Shortlist des Man Booker Preises schaffte, einen weiten Referenzrahmen: Anspielungen auf "Don Quixote" glaubt man zu erkennen, an "Zwei glorreiche Halunken" und "Dick und Doof", an Cormac McCarthy und Voltaires "Candide". Doch wie jeder gute Rahmen bleibt er fast unsichtbar und erfüllt so perfekt seine eigentliche Aufgabe: das Bild besser zur Geltung zu bringen.

Die Story, die dem Muster des klassischen Schelmenromans folgt, wird aus der Perspektive von Eli erzählt, dem gutmütigeren, wenn auch zunächst kaum weniger gewaltbereiten der Sisters-Brüder. Fast hat man Mitleid mit diesem übergewichtigen, geradezu naiven Mann, der im Laufe der Geschichte ein Bewusstsein entwickelt für die Schuld, die er auf sich geladen hat, und für die Verdorbenheit des Menschen an sich. Eli möchte Schluss machen mit dem Morden, sehnt sich nach wahrer Liebe (ohne eine Vorstellung davon zu besitzen, was das ist), kümmert sich rührend um sein krankes Pferd und scheint überhaupt für jede verlorene Seele, die ihm über den Weg läuft, ein offenes Ohr (und eine Handvoll Dollar) übrig zu haben.

DeWitt lässt seinen Antihelden in einem schlichten, zuweilen gestelzten Stil erzählen; eben so, wie ein Mann des 19. Jahrhunderts, der keine besondere Bildung genossen hat, geschrieben hätte. Das ist einerseits eine Stärke des Romans, weil aus der Diskrepanz zwischen Stil und Story eine groteske Komik entsteht. Andererseits sind die kaum wechselnde Tonlage und das selten variierte Tempo auf Dauer etwas ermüdend - was deWitt aber durch die immer neuen Volten, die er die Handlung schlagen lässt, weitgehend wieder auffängt.

"Die Sisters Brothers" nähert sich dem Genre Western wie es zuletzt auch die TV-Serie "Deadwood" und die Coen-Brüder mit "True Grit" taten: neugierig, aber skeptisch; fasziniert, aber ironisch. Fast ein halbes Jahrhundert, nachdem man nicht mehr hinter jeder Flussbiegung John Wayne und in jedem Saloon Dean Martin vermuten muss, kann man Western nicht mehr anders erzählen. Außer man heißt Kevin Costner. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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RobinB 03.07.2012
1. Buch nicht gelesen?
Zitat von sysopddp imagesOdyssee ins finstere Herz des amerikanischen Traums: In Patrick deWitts Westernroman "Die Sisters Brothers" machen sich zwei Brüder auf die Suche nach einer Gold-Formel. Sie stoßen auf Glücksritter, Outlaws, Huren - und den Erfinder der Zahnbürste. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,841194,00.html
Die beiden sind nicht auf der Suche nach irgendeiner Gold-Formel (mit Bindestrich - bähhhh!). Das sind Kopfgeldjäger. Sie sind auch nicht "von Gier getrieben", sondern lassen sich eigentlich meistens treiben und reagieren öfter, als sie agieren. Dem einen Bruder geht es offenkundig um Macht, wobei Geld nur ein Mittel ist, diese auszuüben, und sicher nicht das wichtigste in diesem Buch. Der andere ist ein etwas behäbiger, von Natur aus eher gutmütiger Mitläufer. Die wichtigste Wandlung ist wohl die Emanzipation Elis von seinem Bruder. Und warum eine "Diskrepanz zwischen Stil und Story" entsteht aus der Verwendung eines "schlichten, zuweilen gestelzten Stil [...] eben so, wie ein Mann des 19. Jahrhunderts, der keine besondere Bildung genossen hat, geschrieben hätte", das verstehe ich auch nicht. Zuerst passt der Stil, im nächsten Satz ist es eine "Diskrepanz". Ich habe nicht den Eindruck, dass dieses Buch aufmerksam gelesen wurde, vermutlich nur überflogen. Schade. Es ist ein gutes Buch, dessen Lektüre dem Rezensenten nur wärmstens empfohlen werden kann!
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