Sowjetroman von Victor Serge: Der Revolution wird der Prozess gemacht

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Vom Revolutionär zum Sowjet-Kritiker: Romanautor Victor Serge

Ein Schuss als Startsignal zu Stalins Terror: Victor Serges Roman "Die große Ernüchterung" zeigt, wie das Attentat auf einen Parteifunktionär die große Unterdrückungs-Maschinerie des Sowjetstaates in Gang bringt. Der Autor hat die Zeit selbst miterlebt - für Susan Sontag ist er ein Held.

Die Sowjetunion in den späten dreißiger Jahren. Josef Stalin regiert sein Land mit eiserner Härte. Kritik am Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ist verboten, wer sich öffentlich beklagt, wird als Landesverräter verhaftet. Es ist die Phase der Schauprozesse und politischen Säuberungen, die als der "Große Terror" in die Geschichtsbücher einging.

2,5 Millionen Menschen soll das Stalin-Regime allein während der Jahre 1937 und 1938 verhaftet, 680.000 von ihnen hingerichtet haben. Die Gräuel dieser Zeit sind weitgehend aufgearbeitet, doch Statistiken verraten wenig über den Alltag der Bevölkerung. Wie lebte man in einem System aus Paranoia, Denunziationen und permanenter Überwachung? Dieser Frage widmet sich ein Roman des hierzulande in Vergessenheit geratenen russischen Autors Victor Serge. "Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew", das 1950 erstmals in deutscher Sprache erschien und jetzt neu aufgelegt wurde, schildert die Mechanismen, mit denen ein Volk unter Druck gesetzt wird.

Serge siedelt seinen Roman in der Hochphase des Stalin-Terrors an, mitten im Moskau des Jahres 1939. Der junge U-Bahn-Bauarbeiter Kostja gerät durch Zufall an einen Colt. Als er eines Nachts auf verlassener Straße dem für Säuberungsaktionen an der Universität bekannten Oberst Tulajew begegnet, greift er zur Waffe. "Es war eine Wolke, die schwoll, zu einer ungeheuren schwarzen, flammengezündeten Blume wurde, verschwand." Der Täter entkommt, doch mit der Flucht setzt er neue Repressalien in Gang.

"Gestern ein Held, heute Abfall"

Der Fall Tulajew wird zum Politikum. Schon in den ersten drei Tagen danach kommen 67 Menschen in Haft, eine Liste mit Terrorismusverdächtigen wächst auf 1700 Personen an. Schnell wird klar, dass die Partei den Fall instrumentalisiert, um ihre Reihen von Abtrünnigen und Querdenkern zu reinigen. Ins Raster geraten ein Oberkommissar der Geheimpolizei, ein Regionalsekretär der sibirischen Provinz, ein Historiker, schließlich sogar ein Vertrauter Stalins, der die Kommunisten in Spanien unterstützt hatte. Als Revolutionäre der ersten Stunde scheinen sie die Macht der Partei besonders zu untergraben, ihre Liquidierung ist unausweichlich. Oder, wie der Beschuldigte Artem Makejew erklärt: "Gestern ein Held, heute Abfall, das ist die Dialektik der Geschichte."

Serge baut die Fälle wie Kriminalgeschichten auf. Jeder Figur wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in der sie als Parteifunktionäre und Privatmenschen gezeigt werden. Erst später verbinden sich ihre Schicksale in einem nervenaufreibenden Untersuchungsprozess. Das alles geschieht in einer Sprache, die an die großen Historienromane eines Victor Hugo erinnert. Stets wartet man als Leser auf den einen Fehltritt, der die loyalen Genossen diskreditiert. Dass ihre Beziehung zu Tulajew oft nur oberflächlich ist und sie als Täter gar nicht in Frage kommen, interessiert niemanden. "Jeder kommt an die Reihe, jeder auf seine Art", lautet die Parole.

Serge gelingt ein Psychogramm der sowjetischen Gesellschaft. Russland wird bei ihm "das Volk des Umschmelzens der Menschen", eine Nation, die trotz Hungersnöten und Ausbeutung immer noch die marxistischen Ideale hochhält. Für die US-amerikanische Essayistin Susan Sontag ist "Die große Ernüchterung" vor allem "Lebenszeugnis": Serge schreibe in der "Verpflichtung, denen eine Stimme zu geben, die stumm sind oder zum Schweigen gebracht wurden." Dass die Schilderungen so authentisch wirken, verdankt sich dem Wissen des Autors, der selbst nur knapp der stalinschen Säuberung entkam.

Im Gulag

1890 in Brüssel geboren, wuchs Serge als Sohn russischer Flüchtlinge unter dem bürgerlichen Namen Wiktor Lwowitsch Kibaltschitsch in Belgien auf. Mit 19 Jahren zog er nach Paris, wo er sich der anarchischen Bande à Bonnot anschloss und Banken überfiel. Die Gruppe flog auf, der spätere Schriftsteller wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung seiner Strafe musste er Frankreich verlassen, ging kurzzeitig nach Spanien und legte sich den Autorennamen Serge zu. Als er vom Zarensturz in Russland hörte, reiste er in das Land seiner Eltern, wurde Parteimitglied und setzte sich für die Kommunistische Internationale ein.

Doch nach der Machtübername Stalins kam es zum Bruch mit den Genossen. Als Gegner der Diktatur wurde Serge verhaftet und in den Gulag geschickt. Erst durch den Druck französischer Autoren, unter anderem André Gides und des Literaturnobelpreisträgers Romain Rolland, wurde er freigelassen - kurz vor Beginn des "Großen Terrors". Serge zog nach Frankreich, von wo aus er die sowjetische Politik kritisierte und die Schriften Trotzkis übersetzte. Nach Einmarsch der Deutschen floh er nach Mexiko. Susan Sontag nannte ihn "einen der faszinierendsten moralischen und literarischen Helden des 20. Jahrhunderts."

Serges Erfahrungen in Europa flossen in seine Erzählungen ein. Konsequenterweise verlegt er den Schauplatz in "Die große Ernüchterung" gegen Ende des Romans nach Paris. Hier versucht eine Funktionärstochter, mithilfe französischer Zeitungen die Hinrichtung der Verurteilten zu verhindern. Doch ihre Bitten verklingen ungehört in einem Land, das nostalgisch auf seine revolutionäre Vergangenheit blickt. "Alle Revolutionen haben in Einzelfällen schwere Ungerechtigkeiten begangen", sagt ein alter Intellektueller der jungen Genossin. "Man muss aber das Ganze betrachten!"

Eine derartige Verklärung der Sowjetunion jenseits ihrer Grenzen führte auch dazu, dass Serges Romane in ihrer Entstehungszeit kaum wahrgenommen wurden: Nazideutschland galt als Feind und die Sowjetunion als Verbündeter der westlichen Staaten. Kritische Abhandlungen über Stalin waren verpönt.

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