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Buchmarkt: Amazon startet Offensive gegen Verlage

Aus Las Vegas berichtet

Amazon will die Verleger ausbooten. Bisher hatte das Versandunternehmen nur Händler im Visier - jetzt funkt es auch den Buchproduzenten ins Geschäft. Immer mehr Autoren veröffentlichen ihre Werke direkt über das Online-Kaufhaus, sie werden angelockt von mehr Geld und mehr Mitsprache.

Amazon-Pakete: Bücher nicht mehr nur versenden, sondern auch verlegen Zur Großansicht
REUTERS

Amazon-Pakete: Bücher nicht mehr nur versenden, sondern auch verlegen

Wer in Las Vegas Bücher sucht, hat es schwer. Barnes & Noble (B&N), die letzte große US-Buchhandelskette, unterhält nur drei Filialen hier, zwei davon weit draußen, in den Vororten am Wüstenrand. Am "Strip", der berühmten Entertainment-Meile, gibt es in Dutzenden Shopping Malls zwar alles andere zu kaufen, von essbarer Reizwäsche bis zu 25.000-Dollar-Uhren - aber eben keine Bücher.

Zugegeben: Keiner kommt nach Las Vegas, um zu lesen. Trotzdem ist die literarische Dürre in der Zocker-Oase symptomatisch. Der gesamte US-Buchhandel ächzt, vor allem unter dem Druck des Online-Kaufhauses Amazon. B&N-Rivale Borders wurde im Februar liquidiert, B&N machte in sechs der letzten acht Quartale Verluste; der "Amazon-Effekt".

Ginge es nach Amazon, droht nun den Buchverlagen ein ähnliches Los, die der Konzern aus Seattle immer aggressiver attackiert. Kriegsruf: Leser brauchen keine Läden - und Autoren keine Verlage. "Die Einzigen, die im Verlagswesen noch nötig sind", sagte Amazon-Buchvize Russell Grandinetti der "New York Times", "sind der Autor und der Leser."

Zum Beispiel Penny Marshall. Die 69-jährige Schauspielerin, die nach ihrer Leinwand-Karriere zu einer erfolgreichen Hollywood-Regisseurin wurde ("Eine Klasse für sich"), hat ihre Autobiografie geschrieben. Doch "My Mother Is Nuts" wird demnächst nicht bei einem traditionellen US-Verlag erscheinen, sondern bei Amazon - und zwar als gedrucktes Buch wie auch als E-Book.

Dafür hat Amazon Marshall angeblich 800.000 Dollar gezahlt. Amazon habe gegen die Verlage geboten und gewonnen, sagte Marshalls Agent Dan Strone nur, der den Deal kurz vor der Frankfurter Buchmesse aus dem Hut zog. Es sei eine Frage von "alter oder neuer Schule".

Sorge vor "gigantischer Machtkonzentration"

Penny Marshall ist der jüngste und bisher prominenteste Fall, in dem die "neue Schule" siegt, sprich Amazon den Verlagen einen Autor wegschnappt. Amazon wälzt nun die gesamte Buchindustrie um - und kannibalisiert dabei gerne auch seine Warenquelle, die Verlage.

Seit einiger Zeit ist klar, dass Amazon Laden und Verlag in einem sein will. Doch die Vehemenz, mit der sich der erst 1994 gegründete Online-Händler unter CEO Jeff Bezos nun auch die Buchbranche vorknöpft, ist eindrucksvoll: Allein in diesem Herbst will Amazon nach Berechnung der "New York Times" 122 neue, eigene Titel herausbringen.

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Amazon: Auf dem Weg zum Verlagshaus
Bislang vollzog sich der Angriff eher diskret und im Verborgenen. Jetzt aber tritt Amazon als Verlag aus dem Schatten - und jagt den behäbig gewordenen Platzhirschen der Branche viel Schrecken ein.

Spätestens auf der Frankfurter Buchmesse - auch für US-Verlage ein Pflichttermin - war diese Nervosität greifbar. Von Panik wollen die Betroffenen zwar nicht reden. "Aber man beobachtet zu Recht mit großer Sorge, wie Amazon, analog zu Google, nach dem großen Ganzen greift", berichtet ein Branchen-Insider. "Das ist eine gigantische Machtkonzentration."

Die Sorge: Wenn einem die großen, lukrativen Autoren von der Fahne gehen, dann bricht die gesamte Verlagskalkulation zusammmen. Als "Menetekel" wird dabei gerne "Harry Potter"-Rekordautorin J.K. Rowling genannt, die ihre E-Books neuerdings mit Erfolg selbst vertreibt. "Ja, die Furcht vor dem Systemkollaps ist nicht unberechtigt", bestätigt der Insider grimmig.

"Amazon hält die gesamte Buchindustrie als Geisel", klagt Oren Teicher, der Chef der American Booksellers Association, auf CNN. "Erst funkten sie den Einzelhändlern dazwischen, und jetzt sind es die Verleger und Autoren."

Bessere Konditionen und schnellere Abläufe

Amazons Sturm auf die Verlagsbastionen begann 2009, als es still und leise seinen eigenen Imprint gründete. In diesem Sommer dann heuerte es den Verlegerveteran Larry Kirshbaum an. Dessen erster großer Coup: Er holte Lifestyle-Guru Timothy Ferriss an Bord, der zuvor bei Random House war. Ferriss' nächstes Buch erscheint 2012 bei Amazon - auf Papier, digital und als Audiobuch.

Amazon Publishing ("Verlegt mit uns") umfasst mittlerweile fünf Einzelverlage: AmazonEncore (Bestseller, neue Autoren), AmazonCrossing (internationale Bücher), Montlake Romance (Liebesromane), Thomas & Mercer (Thriller) - sowie das erst vergangene Woche gelaunchte 47North (Science-Fiction, Horror, Kultromane).

Amazon offeriert bessere Konditionen und schnellere Abläufe als die oft knauserigen Verlage. Es ermöglicht einfachen Kontakt zu den Fans. Und es bietet allen Schreibern direkten Zugang zu den begehrten Nielsen-Verkaufsstatistiken.

Das hat unter anderem den Bestseller-Autor Barry Eisler überzeugt. Der frühere CIA-Mann, der heute Krimis schreibt, verzichtete auf einen 500.000-Dollar-Vertrag mit St. Martin's Press und veröffentlichte sein letztes Buch "The Detachment" im September lieber als Kindle-Edition, für 5,99 Dollar pro Exemplar. Auch das Taschenbuch erscheint diese Woche bei Amazon. Auf der Amazon-Hitliste für Spionagethriller schoss es prompt auf Platz 6.

"Die Umsätze für 'The Detachment' schlagen die aller meiner früheren Titel", jubelt Eisler im "New York Observer". Sein alter Verleger sei viel zu langsam gewesen und habe sich nur um die eigenen Vorteile geschert. Amazon habe die E-Version einen Monat nach Erhalt des Manuskripts auf den Markt gebracht, ein in der etablierten Maschinerie unerhörtes Tempo, und ihm mehr Kontrolle über sein Produkt gegeben. Auch der finanzielle Schnitt sei viel besser.

J.A. Konrath (alias Jack Killroy) ließ seine Romane lange von etablierten Verlagen wie Hyperion betreuen. Ab 2009 veröffentlichte er sie im Eigenverlag auf dem Kindle - und verdiente damit in diesem Jahr laut eigener Aussage bereits mehr als in den neun vorherigen Jahren insgesamt. Im Mai wechselte er offiziell zu Amazon. "Amazon behandelt seine Autoren als Partner", sagte er auf CNN, "nicht als notwendige Übel."

"Ich habe mit dem Feind geschlafen"

Die hawaiianische Autorin Kiana Davenport überwarf sich wegen Amazon mit ihrem Hausverlag Penguin. Als sie eine Reihe alter Kurzgeschichten in Eigenregie als Kindle-Book herausbrachte, "um in diesen Rezessionszeiten zu überleben", kündigte Penguin ihren Vertrag, blockiert seither ihren nächsten Roman, an dem sie fünf Jahre gearbeitet hat, und hat sie auf Rückzahlung der 20.000 Dollar Vorschuss verklagt. Ihr Delikt, so Davenport auf ihrem Blog: "Ich habe mit dem Feind geschlafen."

Für die bis dato unbekannte Autorin Laurel Saville war Amazon überhaupt erst der Weg zur Veröffentlichung. "Ich bekam jede Menge Lob", sagte sie der "New York Times" über die Reaktion der klassischen Verlage, "aber keiner biss an." Dann wurde Amazon aufmerksam. Anfang November kommt ihr erstes Buch dort als Taschenbuch und Kindle-Version heraus - samt detaillierter Beschreibung und Vorverkaufsrang in der Sparte "Familien-Memoiren" (aktuell Nummer 26).

Trotz dieser Entwicklungen wagen es die meisten Verleger (noch) nicht, den mächtigen Geschäftspartner zu kritisieren. Einer der wenigen ist Dennis Loy Johnson, Mitbegründer des Brooklyner Verlags Melville House. Johnson wettert auf seinem Blog regelmäßig gegen Amazon-Chef Bezos: Der habe "Amerikas Buch-Kultur zerstört".

So echauffiert sich Johnson auch über den jüngsten Versuch Bezos', Schriftsteller um den Finger zu wickeln: Er soll eine erlesene Gruppe von Bestsellerautoren zu einer "dreitägigen Ideenrunde" ("Amazon Campfire") nach Santa Fe eingeladen haben, darunter die Pulitzer-Preisträger Alice Walker und Michael Chabon.

Bezos, schreibt Johnson unter Berufung aufs Branchenblatt "Publishers Lunch", habe alle Kosten übernommen und Hollywood-Legenden wie Werner Herzog als Bonbon mitgebracht. Besonders bezeichnend sei das Timing gewesen: Die Klausur habe zur gleichen Zeit stattgefunden wie die Frankfurter Buchmesse.

Auch auf dem deutschen Markt wildert Amazon schon. So erwarb es die US-Rechte für den 2008 bei Ullstein erschienen Historienroman "Die Henkerstochter" von Oliver Pötzsch. Die englische Übersetzung ("The Hangman's Daughter") erschien im August als Kindle-Edition, hat so schon eine Viertelmillion digitale Exemplare verkauft - und liegt auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste für deutsche Literatur.

Und via Amazon gibt's das Werk auch in Las Vegas.

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insgesamt 96 Beiträge
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1. Die Zeiten ändern sich eben!
Atermortuus 18.10.2011
Es gab mal eine Zeit, da war der Beruf des Nachtwächters, der des NAchts durch die Straßen zog und verkündete, dass alles ruhig ist, etwas völlig normales. Unvorstellbar, dass es den irgendwann nicht mehr geben könnte. Aber das ist geschehen. Wissen wird zu Papier gebracht und unter das Volk gebracht. Das Vokk wurde größer und es wurde die Druckerpresse erfunden. Diese Waren teuer und auch die Verteilung des Produktes "Buch" wurde komplizierter - die Geburtsstunde der Verlage. Unvorstellbar, dass es diese irgendwann nicht mehr geben könnte. Aber das geschieht gerade. Welches Existenzrecht haben Verlage heute noch? Sie sind ein Großhändler in einem Markt, der den Großhandel nicht mehr braucht. Drucken auf Papier ist genauso anachronistisch wie das meißeln von Buchstaben in Steinplatten - eben Geschichte. Gibt es hier einen, der noch glaubt, das in 20 Jahren noch irgend jemand so etwas wie "Papier" zu Hause hat? Abgesehen vom WC natürlich... Das es im Bereich "Buch" wohl Amazon sein wird, der fürs erste die Nase vorn ist nur ein Beweis dafür, dass dieses Unternehmen die neue Realität als erster erkannt und auch aktiv gefördert hat - so was nennt man Schaffung eines Marktes. Das dabei andere Gewerke in die Opferrolle kommen ist, historisch gesehen, das normalste auf der Welt. Buch-Verlage sind zu Opfer geworden, weil sie im grunde nichts produzieren. Sie wandeln lediglich ein existierendes Produkt in ein anderes Medium um. Hier leigt wohl auch die Rettung der Zeitungs- und Magazinsverlage: Die erschaffen ihr Produkt wirklich selbst - und das genutzte Medium ist nicht von Wichtigkeit. Dem "Spiegel" ist es doch völlig egal, ob es ihn in 10 Jahren noch gedruckt gibt oder nicht - solange er in seiner E-Ausgabe da ist.
2. Schlimm, schlimm
j.vantast 18.10.2011
Jeder zweite Artikel heute ist angefüllt mit Fehlern. Feiert man bei SPON eine verfrühte Weihnachtsfeier oder ist dort wirklich keiner in der Lage die Artikel vor der Veröffentlichung noch einmal Korrektur zu lesen? "der den Deal kurz vor der aus dem Hut zog" Hmm, vor der was? Vor der Konkurrenz? Vor der Abenddämmerung? Vor der Regenzeit? Liebe Leute, gebt euch doch mal etwas mehr Mühe. Danke.
3. Polemischer Artikel
robinium 18.10.2011
Im Artikel wird nicht gerade mit Polemik gegeizt. Kannibalismus, Wildern, ... Wie furchtbar auch, dass ein Unternehmen sich erdreisten konnte, die Entwicklung der Medienlandschaft und des Internets zu nutzen und den Autoren bessere Bedingungen anzubieten! Wie unverfroren, dass Amazon vom Dauerschlaf der Verlage profitiert hat, die sich an die veränderten Bedingungen nicht anpassen wollten! Hier passiert etwa dasselbe wie mit der Musikindustrie. Fehlt nur noch, dass die Verlagslobby genauso bockt und mit aller Macht versucht, irrwitzige Gesetzesänderungen durchzudrücken, um sich nicht anpassen zu müssen. Oder tut sie das schon?
4. Verwerflich
demut 18.10.2011
wäre das Geschäftsgebaren von Amazon nur, wenn sie ausschließlich Erfolgsautoren mit besseren Konditionen und besseren Verlagsbedingungen ködern würden. Solange aber Amazon keine Sonderbedingungen für erfolgreiche Autoren schafft, solange kann ich das nicht für verwerflich halten. Die meisten Autoren verdienen mit Ihren Büchern bei normalen Verlagen sehr wenig. So wenig, dass in Deutschland nur eine Hand voll von Romanautoren von der Arbeit leben kann. Wenn Amazon bessere Konditionen bietet, muss man die Autoren verstehen, dass vielleicht der eine oder andere so vielleicht doch als Autor leben kann. Verlage sind schließlich kein Selbstzweck. Und wenn die angeboten Gegenleistungen im Marketing und Lektorat von den Autoren nicht als angemessen für die hohen Verlagsmargen gesehen werden, dann ist es deren gutes Recht sich nach besseren Bedingungen umzusehen.
5. gelauncht?
Daniel 1956 18.10.2011
"...sowie das erst vergangene Woche gelaunchte 47North (Science-Fiction, Horror, Kultromane)." 'Diskutieren Sie diesen Artikel' Aber gerne doch. Schrecklich, dieses Denglish! Scheußlich! Nach Lektüre dieses Artikels überaus schlecht gelaunt! Was die Spon-Schreiberlinge heutzutage alles so vom Stapel lassen. Liegt wohl zu nah am Hafen, die Redaktion, hä? Könnt Ihr denn kein deutsch mehr?
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