Buchmarkt Richtig an die Nieren

Bertelsmann mauschelt, die Branche schreit auf, und der zuständige Minister zeigt sich brüskiert: Der Gesetzentwurf zur Buchpreisbindung ist ein Flop.


Gütersloher Bertelsmann-Zentrale: Freudige Gesichter
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Gütersloher Bertelsmann-Zentrale: Freudige Gesichter

Der Staatsminister war schon auf dem Weg zum Podium, um in Leipzig die Buchmesse zu eröffnen, als Dieter Schormann auf ihn zusteuerte. Schormann ist Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und bei solchen Anlässen um nette Worte nicht verlegen. Doch gerade hatte er von dem im Kabinett verabschiedeten Gesetzentwurf zur Buchpreisbindung erfahren. "Dafür", so Schormann zu dem überraschten Julian Nida-Rümelin, "werde ich Sie nicht loben."

In der Gütersloher Bertelsmann-Zentrale dagegen dürfte es zur gleichen Zeit freudige Gesichter gegeben haben. Den Managern war es offenbar gelungen, den Entwurf so unauffällig in ihrem Sinne zu beeinflussen, dass es nicht einmal der zuständige Minister mitbekam.

Stimmt der Bundestag im Mai zu, könnten Neuerscheinungen künftig in Clubs wie dem mit 4,8 Millionen Mitgliedern dominierenden von Bertelsmann zur gleichen Zeit wie im normalen Buchladen erscheinen - aber viel billiger. Das wäre der Anfang vom Ende der bisherigen Preisbindung.

Seither ist die Branche in Aufruhr und Bertelsmann unter Beschuss. Aufgescheucht vom Buchhandel, verständigten sich Nida-Rümelin und Wirtschaftsminister Werner Müller vor wenigen Tagen, den missratenen Entwurf zu ändern.

Der Gütersloher Medienkonzern sieht sich zum Einlenken gezwungen: Am vergangenen Montag übergab Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff Wirtschaftsminister Müller einen Kompromissvorschlag. Justiziare von Bertelsmann und Börsenverein erarbeiteten Ende vergangener Woche einen gemeinsamen Vorschlag, der eine ersatzlose Streichung des umstrittenen "Club-Paragrafen" vorsieht. Am Dienstag soll die Lösung bei einem Spitzengespräch zwischen Eierhoff und Schormann verabschiedet werden.

Die Zeit drängt: Wenn man sich nicht einige, so drohte der Kanzler, werde er das gesamte Gesetz kippen. Der Buchhandel hält den Gesetzentwurf für "existenzgefährdend" und schwelgt in Horrorszenarien: Was, wenn künftig auch Aldi oder Aral unterm Deckmantel einer laxen Clubmitgliedschaft Bücher verramschen würden? "Das ist kein Sturm im Wasserglas", sagt selbst ein Bertelsmann-Manager, "das geht dem Buchhandel richtig an die Nieren." Deshalb, so der Chef der Mayerschen Buchhandlungen, Helmut Falter, denke man bei den großen Ketten ernsthaft darüber nach, gemeinsam mit einem eigenen Buchclub zu kontern. Als sorgte Bertelsmann nicht schon für genug Furore: Zurzeit lässt der Heyne-Verlag den neuen John-Grisham-Bestseller "Die Farm" exklusiv im Bertelsmann-Club verkaufen - vier Monate früher als in den Buchläden.

Grisham-Fans ohne Ausweis würden in den Bertelsmann-Läden "auf rüdeste Weise vor den Kundenkopf gestoßen", erboste sich das "FAZ"-Feuilleton am vergangenen Donnerstag, obwohl das Modell nicht neu ist. Seit 1993 feierten Bestseller-Autoren wie Barbara Wood ihre Premieren immer mal wieder in Buchclubs. Im Gegenzug müsse man nun "den Verlagen weh tun, damit sie es auch merken", sagt Jürgen Könnecke, Chef der größten Buchhandelskette Thalia. Könnecke droht Verlagen wie Heyne mit Boykott. Die Konkurrenz-Kette Hugendubel will die sündigen Heyne-Vertreter nicht mehr empfangen. Die Mayersche Buchhandlung erteilte schon im März Hausverbot und schmiss alle Titel aus dem Lager.

Dabei geht es nicht nur um Kultur. Es geht um die Vorherrschaft auf dem drittgrößten Buchmarkt der Welt und um politisches Prestige.

Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff: "Total überzogen"
Bertelsmann

Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff: "Total überzogen"

Bislang hatten sich Händler und Verlage bei den Preisen abgesprochen - ein Kartell mit Segen des Staates. Schließlich, so die einhellige Meinung von Feuilletonisten, Handel und Politik, sei das Buch nicht irgendeine Ware, sondern ein Kulturgut, auf das man nicht einfach den freien Wettbewerb loslassen könne. Die Folge wäre eine Pleitewelle von Kleinverlagen und Geschäften.

Der EU gefallen solche Absprachen dennoch nicht. Deshalb forderte Brüssel Gesetze. Also gab es im Frühjahr etliche Gespräche zwischen dem Börsenverein, dem Kulturstaatsminister und dem Kanzler, der sein Faible für die deutsche Literaturszene gerne bei hausinternen Lesungen mit der deutschen Autoren-Bohème inszeniert. Man werde, versprach Gerhard Schröder dem Buchhandel, den Status quo einfach in einen Gesetzestext gießen.

Das Ergebnis war für den Börsenverein "ein Schock", sagt Schormann. Der Kanzler müsse sein Versprechen einhalten, sonst drohe ihm eine Protestwelle. In Berlin aber galt es zunächst, die Ursache für den misslungenen Entwurf ausfindig zu machen.

Der "Club-Paragraf" pro Bertelsmann, so stellte sich heraus, entstand im Wirtschaftsministerium. Dort heißt es, auch der Wirtschaftsminister sei erst durch Nida-Rümelin alarmiert worden. Was Müller ihm denn da untergejubelt habe, wollte der Kultur-Mann des Kanzlers daraufhin von seinem Kabinettskollegen wissen. Die Bertelsmänner seien bei ihrer Lobbyarbeit "verdammt clever vorgegangen", räumen Regierungsvertreter ein. So speisten die Abgesandten ihre Vorstellungen nicht beim Minister, sondern direkt auf Fachebene ein. "Das war absolut professionell", heißt es in Regierungskreisen.

Bertelsmann dagegen fühlt sich ungerecht behandelt. Nie habe man vorgehabt, alle Bücher gleichzeitig mit dem Buchhandel herauszubringen, sagt Clubchef Wulf Böttger. Die Reaktionen seien "total überzogen", so Vorstand Eierhoff.

Doch auch im eigenen Konzern sorgte der Vorstoß nicht für einhellige Begeisterung. Bei der Verlagstochter Random House hieß es, man wolle den Buchhandel nicht verärgern. Die grassierende Antipathie gegen den Gütersloher Konzern sei schon bei der letzten Vertreterkonferenz deutlich zu spüren gewesen.

Ulrich Schäfer, Thomas Schulz



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