Missverständnis des Tages: Als Denis Scheck den italienischen Starautor Umberto Eco zu dessen Roman "Der Friedhof in Prag" befragt und dabei auf die Rolle Sigmund Freuds (der im Buch "Froide" heißt) zu sprechen kommt, sagt Eco, Freud sei zur Zeit der Romanhandlung nicht im Geringsten an Psychotherapie interessiert gewesen, sondern nur am Kochen. Am Kochen?! Nein, wohl eher am Kokain, wie Scheck, aus dem Publikum korrigiert, sogleich richtigstellt. Seine Erklärung für den kleinen Übersetzungsfehler: Bei der ARD werde man so schlecht bezahlt, dass an Kokain nicht zu denken sei. Dass Eco seine Bücherleidenschaft mit Pädophilie verglich und den Diebstahl eines Buches mit Vergewaltigung, das verstand er allerdings sofort.
Zitat des Tages: "Es gibt doch nur vier oder fünf neuseeländische Autoren" (Der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten). 2012 ist Neuseeland übrigens Gastland der Frankfurter Buchmesse.
Gerücht des Tages: Wann steht die Gründung von Hanser Berlin bevor, dem Hauptstadtableger des Münchener Über-Verlags? Bei einem Essen im Frankfurter Hof soll der legendäre Hanser-Verleger Michael Krüger bereits sehr konkrete Ankündigungen gemacht haben. Elisabeth Ruge, beim Berlin Verlag im Unfrieden ausgeschieden, soll die Leitung übernehmen; Autoren wie Ingo Schulze mit ihr zum neuen Sub-Label wechseln. Bei Hanser wollte man das Gerücht auf Nachfrage zumindest ausdrücklich "nicht dementieren."
Geständnis des Tages: Margot Käßmann hat nach eigenen Angaben noch kein einziges Buch von Charlotte Roche gelesen. Obwohl sich Roche nach unserer Kenntnis zu diesem Thema noch nicht geäußert hat (warum eigentlich nicht?), vermuten wir mal: Umgekehrt verhält es sich genauso.
Prognose des Tages: Manch ein Literaturkritiker weiß den Namen des diesjährigen Nobelpreisträgers Dingsbums immer noch nicht zu buchstabieren - der Feuilletonchef einer nicht ganz unbedeutenden Tageszeitung kennt bereits den Preisträger des Jahres 2031: "Wenn Najem Wali diese Qualität halten kann, bekommt er in zwanzig Jahren den Literaturnobelpreis." Gemeint ist der kunstvoll konstruierte Roman "Engel des Südens" des in Berlin lebenden Exil-Irakers.
Bordellbesitzer des Tages: Von der Arte-Reporterin auf seinen neuen, bislang nur in französischer Sprache veröffentlichten Roman "Rue Darwin" angesprochen, überraschte der Algerier Boualem Sansal, 2011 Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, das Auditorium mit dem Geständnis, nicht nur sei seine eigene Großmutter (ganz wie die Großmutter im Buch) Betreiberin mehrerer Freudenhäuser gewesen - nach dem überraschenden Tod seines Vaters sei das maghrebinische Rotlichtimperium dann auch noch in seinen Besitz übergegangen. Mittlerweile könne er aber von der Schriftstellerei leben.
Omnipräsenz des Tages: Wer glaubt, Charlotte Roche sei durch geschätzte 24 (manche sagen: 48) Buchmessenauftritte pro Tag bereits ausgelastet, wurde bei der Party der jungen Verlage im Sinkkasten eines Besseren belehrt: An Nino Haratischwili überreichte sie dort den Hauptpreis der Hotlist 2011 - also nichts Geringeres als der Indie-Gegen-Buchpreis. Roches Daueranwesenheit aber ist nichts gegen Jan-Peter Bremer, dessen Buch "Der amerikanische Investor" von der "FAZ" bereits zur luziden Zeitdiagnose erhoben wurde und der sich auf der Frankfurter Messe ganz offenbar von einem ganzen Heer von Doppelgängern vertreten lässt: Wohin man auch kommt, der Schriftsteller mit dem markanten Lockenhelm ist schon da.
Schön: Neil MacGregors Vortrag im "Hessischen Hof", ein kleiner Anklang seines hier für den C.H. Beck -Verlag vorgestellten Buches "Eine Geschichte der Welt in 100 Dingen", war der Höhepunkt dieser Frankfurter Buchmesse: leicht, unterhaltsam, dabei aber höchst gebildet, hat er die Illusion, Europa sei das kulturelle Zentrum der Welt, als selbstgefällige Lüge enttarnt. Dieses Buch wollen wir nicht geschenkt, wir werden es kaufen.
Nicht so schön: Gar nichts.
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