Buchmessenthema Türkei Zu viele Exempel statuiert

Die Autoren in türkischer Haft sind nicht vergessen. Besonders Asli Erdogan erzählte in Frankfurt unermüdlich von ihren Erlebnissen im Gefängnis. Mehr Druck auf die Türkei würde sich Günter Wallraff von einem Außenminister Özdemir erhoffen.

Diskussion über türkische Autoren im Exil auf der Buchmesse
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Diskussion über türkische Autoren im Exil auf der Buchmesse

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Es wirkte, als kehre das Lächeln von Tag zu Tag mehr auf das Gesicht von Asli Erdogan zurück. Asli Erdogan war 2016 bei der Frankfurter Buchmesse zur Symbolfigur für die Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei geworden. Bei der Eröffnung der letztjährigen Messe wurde aus einem Appell der Romanautorin und Kolumnistin vorgelesen, sie im Gefängnis nicht zu vergessen.

Dass die Türkei auch in diesem Jahr wieder ein Dauerthema in Frankfurt war, liegt auf der Hand. 170 Schriftsteller und Journalisten sind nach Angaben der Autorenorganisation PEN International derzeit in der Türkei in Haft. Die genaue Zahl ist umstritten, sicher aber zählt das Land in dieser Wertung zur Spitzengruppe. Und umgekehrt rangiert die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" auf Platz 155 von 180.

132 Tage lang war Asli Erdogan inhaftiert, doch bei der diesjährigen Eröffnung konnte Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller sie im Saal willkommen heißen, was den größten Beifall des Abends auslöste. Ohne internationalen Druck wäre sie wohl nicht freigekommen, auch die deutschen Verlage hatten im vergangenen November bei der Istanbuler Buchmesse vor dem Frauengefängnis protestiert.

"Dass ich meinen Reisepass wiederbekommen habe, verdanke ich dem Druck aus Frankreich, Österreich und Deutschland", so Asli Erdogan, die im September ausreiste, um in Osnabrück den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis anzunehmen.

Aufmerksamkeit half Erdogan im Gefängnis

Doch längst ist die Lage für die Autorin nicht geklärt, sie wird sich vor Gericht verantworten müssen, ihr wird unter anderem vorgeworfen, die Einheit des Landes zu gefährden, was mit lebenslanger Haft bestraft werden könnte. Offenbar nur, weil sie im Beirat der prokurdischen Tageszeitung "Özgur Gündem" saß. Eine Situation, die sie nicht kafkaesk nennen wolle, sagt Asli Erdogan auf einem der zahlreichen Buchmessen-Podien, auf denen sie saß, "weil das eine Beleidigung für Kafka wäre".

Die Aufmerksamkeit aus dem Ausland habe ihr auch ganz direkt im Gefängnis geholfen. Erst habe auf der Zellentür "PKK" gestanden, später stand dort "Asli Erdogan" und dann "Schriftstellerin Asli Erdogan". Sie sah ihre französische Verlegerin im türkischen Fernsehen - und auch Martin Schulz forderte ihre Freilassung. Das habe sie zu einer privilegierten Gefangenen gemacht, aber die Wärter hätten sich davon auch bedroht gefühlt - und deshalb wiederum ihr unmissverständlich gedroht.

Sie und ihre Mitstreiter seien vom Regime als Gegner ausgewählt worden, gerade weil sie keine Kurden sind und so als Verräter angesehen werden könnten, sagt Asli Erdogan. Dem Westen gegenüber wolle die AKP-Regierung ihren Minderwertigkeitskomplex überwinden und zeigen: Auch die Schriftsteller, die ihr so mögt, können wir einfach ewig in den Knast stecken. Und der türkischen Gesellschaft werde das Signal gegeben: Keiner ist unberührbar, egal wie berühmt er ist.

Raif-Badawi-Award für Ahmet Sik

"Verräter" - diesen Vorwurf nimmt Can Dündar im Titel seines Buches auf, in dem der langjährige Chefredakteur der oppositionellen Zeitung "Cumhuriyet" von seinem Leben im deutschen Exil erzählt, wo er schon seit über einem Jahr lebt. Für "Cumhuriyet" schrieb auch der Autor Ahmet Sik, der im Dezember 2016 verhaftet wurde. Ihm wurde bei der Frankfurter Messe der Raif-Badawi-Award der Friedrich-Naumann-Stiftung zuerkannt. Im Innenhof der Messe verweist Amnesty International darauf, dass auch die Vorsitzende der türkischen Amnesty-Organisation, Idil Eser, am Messesamstag ihren Geburtstag in Haft feiere, wo sie seit dem 5. Juli 2017 sitzt: "Happy Birthday, Idil! Wishing you freedom" stand auf einem Plakat.

Am Stand der türkischen Verlagsvereinigung werden, neben Kinderbüchern, islamisch-religiöser Literatur und viel Geschichtlichem zum Osmanischen Reich, auch die Veröffentlichungen des regierungsnahen Think Tanks SETA präsentiert. In einer auf Englisch veröffentlichten Studie über die Pressefreiheit in der Türkei wird zwar eingeräumt, dass die nicht im gewünschten Maße gegeben sei. Das allerdings habe historische und strukturelle Gründe, sei nicht auf den politischen Wandel zurückzuführen - und man möge die Frage der Pressefreiheit bitte nicht auf die inhaftierten Journalisten reduzieren.

Drei Reihen entfernt vom großen Auftritt der offiziellen Türkei hat der Belge-Verlag seinen Stand mit einer kleinen Ausstellung darüber, wie es in der jüngeren Geschichte der Türkei immer wieder publizistische Tabus und verbotene Bücher gegeben habe. Belge-Verleger Ragip Zarakolu stand schon unter drei unterschiedlichen Regimes vor Gericht, spricht aber unbeirrbar weiterhin Tabuthemen wie den Genozid an den Armeniern oder den Kampf der Kurden an.

Bücher veröffentlichen als Widerstand

Bücher zu veröffentlichen, das sei Teil des Widerstandes, das sei ziviler Ungehorsam, sagt Zarakolu. Auch wenn er seit vier Jahren im schwedischen Exil lebt und sein Sohn den Verlag mühsam weiterführt, ist er überzeugt: So wie es in der Türkei eine Tradition der autoritären Herrschaft gebe, so gebe es auch eine Tradition des Freiheitskampfes.

Der Schauspieler und Menschenrechtsaktivist Mehmet Atak, der in Istanbul lebt, blickt mit größerer Skepsis auf den Zustand der Opposition. Die einzelnen Fraktionen seien viel zu sehr in ihrer jeweiligen Identitätspolitik verstrickt und diskriminierten wiederum andere Gruppen. Nur in den ersten Tagen der Gezi-Park-Proteste 2013 sei es gelungen, die Abgrenzungen zu überwinden, danach sei man wieder zurückgefallen.

Und immer noch ist Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert, der damals so eindrucksvoll über die Gezi-Park-Besetzung geschrieben hatte, seit 243 Tagen nun schon. Im vergangenen Jahr war der "Welt"-Korrespondent noch bei der Frankfurter Buchmesse zu Gast. Um ihm und den anderen politisch Verfolgten in der Türkei helfen zu können, wurde am Samstagnachmittag auf der Messe der erste von 50 Editionsdrucken eines Plakats versteigert, das der renommierte Künstler Daniel Richter extra für den Freundeskreis #FreeDeniz entworfen hatte. Es ging für 450 Euro an einen Herrn in Oberursel. Zwei weitere kamen am Abend bei einer Unterstützungslesung von Texten Deniz Yücels unter den Hammer.

Die diplomatischen Bemühungen der Bundesregierung, Yücel und die anderen in türkischen Gefängnissen sitzenden deutschen Staatsbürger freizubekommen, fruchteten bisher nicht. Kein Wunder, glaubt der Undercover-Journalist Günter Wallraff, der auf Türkei-Reisen noch immer wegen seiner Recherche als vermeintlicher Gastarbeiter "Ali" im Enthüllungsbuch "Ganz unten" erkannt werde. Wallraff glaubt, die türkische Regierung verstehe nur die Signale der klaren Worte und der wirtschaftlichen Sanktionen. Deshalb würde er sich freuen, wenn Cem Özdemir in einer Jamaikakoalition deutscher Außenminister wäre: "Das würde Erdogan beeindrucken." Und die Türkei müsste Özdemir empfangen, so wie Westerwelle als schwuler Politiker ja "auch nach Saudi-Arabien gereist und nicht geköpft" worden sei.

Wenigstens eine gute Nachricht erreichte die Buchmessenbesucher in Sachen Türkei: Dass der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli wohl bald Spanien verlassen kann, wo er nach einem internationalen Haftbefehl der Türkei festgesetzt war. Das freute Wallraff - wobei: "Zur Not hätten wir den auch über die grüne Grenze geholt."

So bleibt wenigstens Akhanli erspart, was Asli Erdogan so eindrücklich beschreibt: "Das Gefängnis verändert jeden", sagt sie. Den Versuch zu machen, dieses Trauma in Literatur zu verwandeln, werde eine große Herausforderung - der sie sich noch lange nicht gewachsen fühlt.

insgesamt 3 Beiträge
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lenslarque 15.10.2017
1. Dass der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli
wohl bald Spanien verlassen kann ist der klare Sieg eines funktionierenden Rechtstaates über einen diktatorischen Unrechtstaat. Unabhängige Richter eines europäischen Rechtstaates haben die vorgelegten Beweise der Türkei geprüft und für mangelhaft gefunden. Einzige Reaktion des amtierenden "sozialdemokratischen" Außenminister Gabriel: "er zeigt sich sehr erleichtert".
rainer_daeschler 15.10.2017
2. Am Nasenring vorgeführt
Zitat von lenslarquewohl bald Spanien verlassen kann ist der klare Sieg eines funktionierenden Rechtstaates über einen diktatorischen Unrechtstaat. Unabhängige Richter eines europäischen Rechtstaates haben die vorgelegten Beweise der Türkei geprüft und für mangelhaft gefunden. Einzige Reaktion des amtierenden "sozialdemokratischen" Außenminister Gabriel: "er zeigt sich sehr erleichtert".
Einen Dissidenten unter Druck zu setzen hat aber doch wunderbar geklappt. Einfach die Bestellung bei Interpol aufgeben, schon darf ein Regierungskritiker über ein Monat sein Urlaubsland nicht verlassen. Der Rechtsstaat hat, bevor er gesiegt hat, sich aber noch ordentlich am Nasenring herumziehen lassen.
ulrics 16.10.2017
3. Es ist offensichtlich
die Türkei strebt Platz 180 an. Und bei den derzeitigen Bemühungen vom Diktator ist hier ein Sieg absehbar. Aber ohnehin können Diktatoren gar nicht verlieren, dazu sind sie zu schlechte Verlierer.
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