Buchpreiskandidat Ulrich Peltzer Die Geldjäger sind los

Der Freestyler auf der Shortlist: Buchpreisanwärter Ulrich Peltzer setzt in "Das bessere Leben" die global operierenden Spekulanten in Szene. Dabei entsteht ein gegenwartsgesättigtes Wimmelbild.

Corbis

Von Thomas Andre


Jochen Brockmann ist Anfang 50, stammt aus der westdeutschen Provinz und lebt in Turin. Er sammelt moderne Kunst. Er raucht zu viel. Vor allem aber ist er der Verkaufsleiter eines ziemlich unglamourösen Konzerns: Der stellt "Anlagen zur Beschichtung und Lamination von Stückgut und Substraten" her. Irgendwas zur Versiegelung von Oberflächen also.

Brockmann ist ein dezent melancholischer Typ, der gerne standesgemäß in den besten Hotels logiert und seine weltmännische Ungebundenheit durchaus inszeniert. Einer wie er verkneift sich höchstens einmal den Kauf eines maßgeschneiderten 2000-Euro-Anzugs. Beim zweiten Blick in das Schaufenster wird das Ding geschossen.

Brockmanns Problem ist, dass er, nachdem ein Geschäft in Indonesien geplatzt ist, kurz vor dem Rauswurf steht. Er überschlägt den Wert seiner Gemälde-Sammlung und räumt sein Schweizer Schwarzgeldkonto, das Töchterchen will versorgt sein. Ehe er zur diamantenen Hochzeit seiner gutbürgerlichen Eltern nach Deutschland reist, gibt er noch ein wenig den geschäftigen Jetsetter, lässt sein Leben passieren, verliebt sich, trifft alte Bekannte.

Und in São Paulo trifft er zufällig den undurchsichtigen und ihm unbekannten Amerikaner Sylvester Lee Fleming, der unter allen Handelnden in Ulrich Peltzers jetzt für den Buchpreis nominiertem Zeitgeist-Roman "Das bessere Leben" am ehesten noch eine zweite Hauptfigur ist. Fleming macht einen rätselhaften und verdrehten Eindruck auf den alles in allem konformistischen Brockmann.

Ein widerborstiger Roman

Der Leser, vom ehrgeizigen Autoren Peltzer ("Teil der Lösung", "Bryant Park") in dessen fünften Roman am lockeren Band durch vordergründig disparate Episoden und Szenen geführt, kennt diesen Fleming da schon länger - als einen wie Brockmann um den Globus Reisenden. Fleming ist wie Brockmann ein Geldjäger. Aber seine Mittel sind definitiv schmutziger: Er ist ein skrupelloser Versicherungsmakler und Risikoberater.

Der Roman ist in seiner komplexen und nicht-linearen Anlage zunächst einmal entschieden widerborstig; man muss sich in die Bewusstseinsstrom-Kaskaden hineinarbeiten. Und wer nicht aufpasst, ist im Assoziationsreigen schon verloren gegangen: In seiner weit ausholenden Zusammenschau collagiert Peltzer ein ganzes Bündel von Erkenntnis- und Identifikationsmodellen. Sie tauchen in diesem Roman wie flüchtige Imagines auf und wieder ab, Aufblendungen des menschlichen und politischen Geistes im 20. Jahrhundert - die Revolte, der Sozialismus, die Kunst, die Religion, die Familie.

Unter den Finalisten des Buchpreises ist Peltzer der suggestivste. Auf meisterliche Weise gelingt es ihm, ein Fluidum des Verdächtigen in Gang zu setzen: All diese Geschäftsleute, Verkäufer und Spekulanten, deren Treibstoff das Geld ist! Aber wie famos, dass trotz dieses Personals die Ausschläge auf der Arschloch-Skala nicht übertrieben hoch sind, denn "Das bessere Leben" ist alles andere als ein Tribunal.

Es ist vielmehr die Transkription eines Zeitalters im Selbstgespräch: Wenn die Schönheit immer nur Beiwerk ist und die Utopie sich längst verraten hat, dann sind wir halt alle egoistische Individualisten. Kein Grund, moralisch zu werden.

Genau das ist der Roman in seinen dauerreflektierenden - Fleming! - Passagen nie. Die Kritiker haben Peltzers "gedankliche Raserei" gelobt, wenn er seinen Helden bisweilen arg freigeistige Extratouren gönnt. Man könnte Peltzer auch einen frechen Bedeutungs-Freestyle attestieren. Und man könnte das Stereotyp der ehemaligen Revolutionäre, die Jahrzehnte nach ihrer linken Jugend im kapitalistischen System ganz manierlich mitspielen, durchaus lahm nennen.

Abwandlung des Kleine-Welt-Phänomens

Peltzer schlägt in dem weitestgehend im Jahr 2006 angesiedelten Roman einen Bogen von den niederrheinischen Teenager-Revoluzzern zum Kent-State-Massaker in Ohio im Jahr 1970, als die Nationalgarde bei einer Anti-Vietnamkrieg-Demo vier unbewaffnete Protestierende erschoss. Was diesen Vorfall angeht, gibt es eine flüchtige und verborgene Verbindung zwischen Brockmann und Fleming: eine Abwandlung des Kleine-Welt-Phänomens, nach dem über ein paar Ecken jeder mit jedem bekannt ist und an das man sich bei der Lektüre erinnert fühlt.

Weil diese Lesart aber zu trivial sein könnte, installiert Peltzer als Mann an der Schnittstelle dieser Verbindungen mit Fleming einen Bösewicht, der über die Grenzen des Erlaubten hinaus dafür sorgt, dass die Versicherungen seiner Auftraggeber gekauft werden. In diesem kühn und kühl komponiertem Roman, in dem es viel um den Zufall geht, ist in formaler Hinsicht nichts zufällig: Fleming ist wie ein böser Geist, aber seine Pläne bleiben rätselhaft.

Bei aller Bewunderung für Peltzers handwerkliche Akkuratesse und den erzählerischen Mut, der mit der sprachlich zwar äußerst verschränkten, aber inhaltlich bewusst luftigen Konstruktion einhergeht, würde man sich ein semantisches Zentrum wünschen. Das verweigert Peltzer jedoch. Schließlich fließen auch die Geldströme, um die es in "Ein besseres Leben" geht, in viele Richtungen, aber nie auf den einen Punkt zu. Die Begegnungen sind flüchtig, der Transit durch Zeiten und Räume bricht die Biografien auf. Dass in diesem globalen Risiko-Individualismus Bedürfnisse unerfüllt bleiben oder Neurosen entstehen, greift Peltzer in mehreren Szenen auf, etwa wenn ein österreichischer Spekulant nervenzerfetzt auf der Couch des Psychologen hockt.

Wirklich nahe zoomt Peltzer trotz des direkten Zugangs zu deren Gedanken nicht an seine Figuren, das will er auch gar nicht. Und wenn man feststellt, dass der Roman auf beinah schon penetrante Weise keine Haltung entwickelt, dann ist das kein Ausschlusskriterium für die insgesamt wenig freundliche Darstellung der Wirtschaftsangelegenheiten. Trotzdem ist "Das bessere Leben" kein Wirtschaftsroman. Es ist auch kein Roman über die Globalisierung.

Am ehesten ist "Das bessere Leben", wenn man an die Hauptfigur Brockmann denkt, ein Roman über die Kontingenz von Lebensläufen: Nichts ist vorhersehbar, weder der nächste Rausschmiss oder die nächste Frau noch der nächste Interkontinentalflug.

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insgesamt 3 Beiträge
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Ju_Ka 28.09.2015
1. Nur mal so:
Einen Maßanzug kauft man nicht aus dem Schaufenster. Auch wenn die Formulierung "Beim zweiten Blick in das Schaufenster wird das Ding geschossen." für einen Nicht-Maßanzugträger noch so cool klingen mag...
querdenker1964 28.09.2015
2. Modernes Leben
halt. Nichts ist vorhersehbar. Die Welt ist ein Dorf. Alle rücken sich näher, aber jeder ist allein.
deglaboy 28.09.2015
3. So ist das moderne Leben...
unplanbar, chaotisch, mäandernd, unbefriedigend, moralisch zweideutig, doppelbödig, ferngesteuert vom Geld-nur noch vom Geld.
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