Buchpreis-Kandidat Thome Wenn im Westen die Bonner Sonne im Meer versinkt

Von Bonn über Paris nach Portugal - und doch keine Orientierung. Im für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Fliehkräfte" erzählt Stephan Thome die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach der entscheidenden Antwort: Soll er sein Leben ändern?

Stephan Thome
Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Stephan Thome

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Bonn, ausgerechnet Bonn - es gibt in der deutschsprachigen Literatur derzeit keinen vielsagenderen Ort, um eine Romanfigur anzusiedeln. Und so ist schon zur Eröffnung von Stephan Thomes zweitem Roman "Fliehkräfte" klar: Dieser Hartmut Hainbach, Ende 50, Philosophieprofessor, lebt und arbeitet nicht einfach nur in Bonn. Er lebt in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Er lebt im Gestern.

Selbst Dortmund, wohin es ihn zuvor verschlagen hatte, wirkt da mehr als Ort der Gegenwart. In Bonn allerdings hält Hainbach ebenso wenig wie in der akademischen Diaspora Westfalens. Das liegt nicht nur an seiner wenig befriedigenden Rolle im philosophischen Seminar der Bonner Universität, sondern vor allem daran, dass seine Tochter aus dem Haus und seine Frau aus Berufsgründen nach Berlin umgezogen ist. Noch so ein vielsagender Ort. Die neue Bundeshauptstadt. Das Heute. Wenn nicht gar die Zukunft.

"Fliehkräfte" ist reich an derartigen Orten. Begibt sich Hainbach, nach einem kurzen Abstecher in den Berliner Osten, doch auf eine gefühlsgeleitete Reise in die Gegenrichtung: In den Westen, Richtung altes Europa, dorthin, wo die Sonne unter- und nicht etwa aufgeht. Er macht Station in Paris bei einer alten Geliebten, reist weiter an die französische Atlantikküste zu einem ehemaligen Kollegen, dann Richtung Spanien (ausgerechnet Santiago de Compostela, Jakobsweg-Endstation) und Portugal.

Ein echter Mensch

Wohin er kommt, begegnet er Krankheit und Resignation, gut getarnt hinter geschmackvoller Kleidung, gut versteckt an schönen Orten. Er muss feststellen, dass das Bild, das er sich von anderen gemacht hatte, falsch ist, und die Art, in der er sich anderen nähert, so ungelenk ist, dass wirkliche Kommunikation kaum funktioniert. Hainbach, das wird während dieser Fahrt klar, mag sein Leben einmal geplant haben - das, was daraus geworden ist, aber hatte er nicht in der Hand, es hat sich ergeben.

Sein Ausbruch aus dem Alltag, die impulsive Reise Richtung Westen, ist auch eine Suche nach - wenn nicht Freiheit, so zumindest doch deren pragmatischer Schwundstufe: neuen Möglichkeiten. Hainbach hat seine Fahrt angetreten, um sich Rat zu holen. Soll er sein Leben ändern?

Doch wer kann Freiheit finden, wenn er sich nicht freimachen kann? Je weiter Hainbach nach Westen kommt, desto unüberwindbarer scheinen ihm die Zwänge, denen er zu unterliegen glaubt. Dass sie selbst konstruiert sind, merkt er längst nicht mehr. Ein tristes, lähmendes Gedankengebäude ist es, das Stephan Thomes Hauptfigur gefangen hält - doch gerade diese Welt, die sich in seinem Kopf befindet, ist es, die diesen Hainbach so real scheinen lässt. Dieser zögerliche Mann wirkt nicht wie ein Romankonstrukt, er wirkt wie ein echter Mensch.

Stephan Thome, der mit "Fliehkräfte" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, nimmt sich Zeit, Hainbach über vierzig Jahre zu beobachten, regelmäßig wird die Handlung von Rückblicken unterbrochen. Ruhig und unspektakulär wie das Leben des westdeutschen Vorort-Intellektuellen Hainbach entwickelt sich diese leise erzählte, ernsthafte Geschichte, deren literarische Konstruktion ebenso frei von Auftrumpfen ist wie Hainbachs Leben. Vieles fügt sich erst zum Schluss des Buches. Der Leser muss Geduld aufbringen, Thomes langem Atem zu folgen, und auch ein Faible haben für gewisse Gefühligkeiten, die sich nicht darin erschöpfen, dass Hainbach vom Erzähler durchgehend Hartmut genannt wird. Es passt einfach besser zu ihm als die Nennung beim Nachnamen, die ja immer etwas Nichtprivates, etwas von Hinaustreten aus dem engsten sozialen Bereich hat.

Erst als Hainbach bemerkt, dass ihm seine Verbindung zu diesem Engsten, dem familiären Kreis, längst abhanden gekommen ist und dass es ihm kaum mehr gelingt, sich einem Gespräch mit Frau oder Tochter ernsthaft zu stellen, spürt er sie nicht mehr, die Fliehkräfte, die ihn von Bonn bis nach Portugal getrieben haben. Und ist frei.

Wahrscheinlich, auch wenn das Buch davon nicht mehr erzählt, nur für einen kurzen Moment.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Rainald Goetz' "Johann Holtrop", Emmanuel Carrères "Limonow", Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes", Richard Fords "Kanada", Michael Frayns "Willkommen auf Skios" und Juli Zehs "Nullzeit".

insgesamt 1 Beitrag
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mhock 13.09.2012
1. endlicht einmal...
...ein Buch über westdeutsche Befindlichkeiten und darüber welchen seelischen Verwerfungen, sozialen Ängsten und welcher Bigotterie ein Leben im so hoch gelobten Wirtschaftswunderland eigentlich ausgesetzt war und ist. Ich freu' mich schon mal auf's Lesen.
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