Buchpreis-Kandidatin Monika Zeiner: Man siezt sich beim Geschlechtsverkehr

Von Thomas Andre

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Milena Schlösser

Schriftstellerin Monika Zeiner: Es muss etwas dran sein an ihrem Buch

Balanceakt zwischen Unterhaltungsroman und literarischem Anspruch: Monika Zeiners Debüt "Die Ordnung der Sterne über Como" erzählt die Geschichte dreier Freunde - und kommt dem Kitsch dabei ebenso nah wie der Sehnsucht nach ewiger Jugend.

Die Frau, die beide Männer lieben, heißt Betty Morgenthal. Sie ist eine fachkundige "Führerin durch die dunklen Gefilde der Liebe, mit dem Taschenlampenlicht ihrer weiblichen Weisheit". So steht es in Monika Zeiners Debütroman "Die Ordnung der Sterne über Como". Ein Buch über Liebe, Freundschaft, Musik, das Leben und den Tod, soeben gewählt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013. Bislang war Zeiner, Jahrgang 1971, nur Insidern bekannt. Im Frühjahr bekam sie allerdings den Debüt-Preis der Lit.Cologne.

Es muss etwas dran sein an diesem Wälzer, der doch zunächst nur wieder die Geschichte einer Ménage-à-trois zu erzählen scheint, in der allerlei Liebeswirren für emotionale Ausnahmesituationen sorgen.

Weibliche Weisheit hin, Licht der Erkenntnis her - es ist wohl nur eine Funzel, die Betty, Thomas Holler und Marc Baldur auf ihren romantischen und sexuellen Wegen die Richtung weist. Die Musiker, knapp über 20, lernen sich im Nachwende-Berlin kennen und ziehen am Prenzlauer Berg in eine Dreier-WG. Marc und Betty sind ein Paar, der dauermelancholische Thomas (er sitzt am liebsten mit einer Zigarette im Mundwinkel am Piano) lässt sich nur zu gerne von seiner Klavierschülerin, einer gelangweilten Dahlemer Managergattin, immer wieder aufs Neue verführen. Er ist sogar ziemlich verliebt in die Frau, die seine Mutter sein könnte und es für richtig hält, trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs beim Sie zu bleiben.

Pathetische Schöngeister

Selbst in der Künstler-Boheme wird die Beziehung als wenig aussichtsvoll angesehen - Marc redet dem verliebten Freund ins Gewissen. Und der ist irgendwann auch die längste Zeit der Toyboy der Großbürgerin gewesen. Womit die Probleme erst richtig anfangen: Thomas verliebt sich in Betty, und die erwidert seine Gefühle. "Liebe ist in vielfältigen Farben und Modellen zu haben": Was sich schrecklich banal anhört - bisweilen übertreibt es Zeiner mit derlei Merksätzen -, ist am Ende doch wahr.

"Die Ordnung der Sterne über Como" ist ein Roman von beinah barocker Fülle, dessen Handlung sich über eine Zeitspanne von fast 15 Jahren erstreckt. In der Erzählgegenwart gibt es das Freundestrio nicht mehr. Marc ist tot, Thomas ein versoffener Worldjazz-Pianist, dessen Frau sich gerade von ihm scheiden lässt, und Betty lebt als verheiratete Anästhesistin in Neapel. Als eine Tournee Thomas nach Italien führt, kommt es nach zehn Jahren zu einem Wiedersehen.

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Was nach Pilcher-Kitsch klingt, ist auch ein mutiger Roman über die Sehnsucht nach ewiger Jugend - und ein Bekenntnis zum Nicht-Erwachsenwerden. Dazu gehört immer auch der Triumph des Romantikwillens, samt Flucht in sentimentale Ausweglosigkeiten. Der Romantik-Diskurs Zeiners, die gerne lange Thomas-Mann-Sätze schreibt und unbedingt an den (bisweilen ironischen) allwissenden Erzähler glaubt, funktioniert nur, weil es Künstler-Existenzen sind, die pathetisch über das Wesen der Liebe und der Vergänglichkeit räsonieren.

"Und so liefen sie durch die Nacht und forschten noch lange, denn vieles kennt der Mensch, doch sich selbst am wenigsten", heißt es einmal über die tiefgründigen Softie-Kameraden Marc und Thomas. Schöngeister dürfen so etwas sagen, und sie dürfen auch unentwegt durch die Stadt flanieren. Mit dem Effizienz- und Selbstoptimierungswahn der neuesten Moderne haben sie nichts zu schaffen. Schon gar nicht in Berlin.

Zeiner gelingt es meist, auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Anspruch zu balancieren. Es tritt ein Professor mit Schopenhauer-Fimmel auf, außerdem gibt es eine Wallfahrt zum Surlej-Felsen, an dem Nietzsche seine Idee von der Wiederkehr des Immergleichen formulierte. Marc, Thomas und Betty spielen Avantgarde-Jazz und experimentelle Musik, ihren größten Auftritt aber haben sie, als Thomas am Konzertabend den luftigen Gassenhauer "I find my love in Portofino" am Piano variiert.

Es finden sich in "Die Ordnung der Sterne über Como" gelungene Charakterzeichnungen und Milieubeschreibungen, aber auch misslungene Metaphern. Einer talentierten Debütantin wie Monika Zeiner sieht man das nach. Ihren Stoff kennt sie auch in akademischer Hinsicht: Sie promovierte über die Liebesmelancholie im Mittelalter.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Daniel Kehlmanns "F", Norbert Gstreins "Eine Ahnung vom Anfang", Peter Stamms "Nacht ist der Tag", Helene Hegemanns "Jage zwei Tiger", Clemens Meyers "Im Stein"und Wolf Wondratscheks "Mittwoch"

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Wunderbar...
webman 18.09.2013
geschriebene Rezension...
2. Wirklich eine des Wunders bare Rezension
pejoachim 18.09.2013
Es ist verwunderlich! Wer in unserer Kulturszene an der richtigen Universität abgeschlossen hat, bekommt einen Verlag und Rezensionen in renommierten Massenmedien. Dies ist um so einfacher, als eine hübsche, junge Frau sich der Aufmerksamkeit des Publikums gewiss sein darf, wenn sie über Sex spricht. Es ver-wundert nicht, dass sich dann auch ein Rezensent findet. Und das wunderbare an diesen Rezensionen ist immer, dass die echte Meinung des Rezensenten durch die Blätter schimmert wie die Sonne im Herbstwald, man muss sie nur zu lesen wissen.
3. Prosa...
LK1 18.09.2013
Zitat von sysopBalanceakt zwischen Unterhaltungsroman und literarischem Anspruch: Monika Zeiners Debüt "Die Ordnung der Sterne über Como" erzählt die Geschichte dreier Freunde - und kommt dem Kitsch dabei ebenso nah wie der Sehnsucht nach ewiger Jugend. Buchpreis: Monika Zeiner Die Ordnung der Sterne über Como - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/buchpreis-monika-zeiner-die-ordnung-der-sterne-ueber-como-a-922952.html)
...ist und bleibt Zeitverschwendung, insbesondere da das Leben begrenzt ist.
4. Rofl Kartoffel...
VPolitologeV 18.09.2013
Zitat von LK1...ist und bleibt Zeitverschwendung, insbesondere da das Leben begrenzt ist.
Nun, nach dem Toilettengang zu spülen auch. Aber es ist doch sehr freundlich von Ihnen, ihre Zeit mit Lesen und Kommentar verschwendet zu haben.
5. Der ´Spatz von Avignon´ ...
melnibone 19.09.2013
also Mireille Mathieu scheint mit ´stabilerer Figur´ abgebildet zu sein. Dreiklang-Melodien von gewaltiger ´Herausforderung´, für ´Tod in Neapel´ Schauende ... Vernichtend meine eigenen Aussichten, in meinem nichtalleslesenden Büchernacherlebnisleben. ´Alles´ wird immer günstiger, z.B. auch das Nichtlesen.
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