Buchpreisgewinner Tellkamp "Am Ende herrschte Sprachverwirrung"

Die Kritik ist sich einig: Uwe Tellkamp hat den Deutschen Buchpreis zu Recht erhalten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Autor über biografische Brüche, die Kunst der ausladenden Erzählung - und die DDR als modernes Babylon.


SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1968 in Dresden geboren und in der DDR aufgewachsen. Sie haben drei große Umbrüche erlebt: Aus der Geborgenheit einer bürgerlich geprägten Danziger Familie zum Panzerfahrer der NVA, dann die Wende von 1989/90, schließlich der Wechsel des Berufs, vom Arzt zum Schriftsteller. Was war für Sie der größte Bruch?

Autor Tellkamp: Kakophonie der DDR einfangen
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Autor Tellkamp: Kakophonie der DDR einfangen

Tellkamp: Der erste, der Sturz aus der relativ geborgenen Jugend – relativ deswegen, weil man ja wusste, in welcher Gesellschaft man lebte. Das war der Bruch, der mich am stärksten geprägt hat.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Ihrer noch kurzen Laufbahn als Schriftsteller hat es einen Bruch gegeben. Sie haben mit Ihrem neuen Roman "Der Turm" den Verlag gewechselt. Warum?

Tellkamp: Aus Loyalität dem Buch gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie hätten aus Ihrem Manuskript bei Ihrem früheren Verlag zu viel streichen sollen.

Tellkamp: Ich möchte dazu nur so viel sagen: Es ging nicht um das fertige Manuskript. In einem frühen Stadium wurde mir geraten, den Roman nicht zu groß anzulegen – statt mir den Rücken zu stärken. Das fand ich sehr belastend. Der Text weigert sich, geboren zu werden, wenn man ständig das Gefühl hat, dass er eigentlich nicht gewollt wird.

SPIEGEL ONLINE: Das fertige Buch umfasst nahezu 1000 Seiten. Stimmt es, dass Sie am Ende selbst noch viel aus dem Manuskript gekürzt haben?

Tellkamp: Das stimmt. Ich habe einen ganzen Strang herausgenommen. Aber das war meine Entscheidung, keine Forderung meines neuen Verlags. Ich habe mit dem Suhrkamp-Lektorat sehr gut zusammengearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wie behält man als Autor eigentlich den Überblick bei einem derart umfangreichen Werk, etwa beim Korrekturlesen?

Tellkamp: Ich habe das Buch rund 20-mal durchgearbeitet. Da ist gewiss eine Portion Masochismus dabei. Ich habe immer wieder mal etwas gefunden, das überflüssig war. Man wirft mir ja manchmal vor, mein Roman hätte so viele Ranken und Ornamente – das hat aber alles seinen guten Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kritiker haben den sperrigen Einstieg bemängelt, die kursiv gesetzte Passage am Anfang, deren Bezug zum Übrigen nicht ganz klar wird.

Tellkamp: Der Sinn dieser Ouvertüre wird sich erst später erschließen. "Der Turm" ist Teil eines größeren Romanprojekts.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Roman erzählen Sie von den letzten sieben Jahren der DDR, der Schauplatz ist Dresden. Wird die geplante Fortsetzung chronologisch anschließen?

Tellkamp: Ich spreche lieber von Fortschreibung, nicht von Fortsetzung. Die Schwierigkeit wird sein, dass man dann in die Zeit der Wende gerät, eine Zeit, die von Bildern überlagert ist, die jeder kennt. Es interessiert mich, wie sich das wieder in Sprache umsetzen lässt, mit welchen Techniken. Es gibt schon Vorarbeiten, Szenen in Leipzig und Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Auch Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" umfasst sieben Jahre wie Ihr "Turm". Eine bewusste Anspielung auf Ihr Vorbild?

Tellkamp: Wer heute Literatur schreibt, kommt gar nicht umhin, sich auf Vorbilder zu beziehen. Einen voraussetzungslosen Roman kann eigentlich niemand mehr schreiben. Das war aber auch früher so: Mündliches Erzählen beruft sich ebenfalls auf eine lange Tradition. Von daher kommen wir ja letzten Endes: Wir sitzen auf dem Marktplatz und versuchen, die Leute zu fesseln, wie die Dorfmusikanten. Bei der Zahl Sieben sind wir übrigens auch beim Märchen. Sieben Jahre: das ist Märchenzeit.

SPIEGEL ONLINE: "Der Zauberberg" ist eines Ihrer Lieblingsbücher. Wie hat man den Roman in der DDR gelesen?

Tellkamp: Wie einen Gegenwartsroman. Das Eingesperrtsein, der Stillstand, die Agonie: Das haben die Leute in der DDR sehr stark als ihr eigenes Leben empfunden.

SPIEGEL ONLINE: Der im Titel genannte Turm – steht er, wie einige verstanden haben, für die DDR, die am Ende einstürzt, oder nicht doch eher für einen Rückzugsort im Sinne der Goethischen "Turmgesellschaft"? Es heißt über den Romanhelden Christian, Ihr Alter Ego, am Ende des ersten Kapitels: "Er war zu Hause, im Turm."

Tellkamp: Turm ist zunächst einmal die Bezeichnung für das Stadtviertel, in dem der Roman spielt. Dann ist an den Elfenbeinturm gedacht, auch an die "Turmgesellschaft" natürlich. Aber man kann ebenso an den Babylonischen Turm denken, der einstürzt, an die Sprachverwirrung, die am Ende der DDR vorherrschte, die Kakophonie.

SPIEGEL ONLINE: Als diesjähriger Gewinner des Deutschen Buchpreises haben Sie in Ihrer kurzen Dankrede der Lyrik Ihre Reverenz erwiesen: Gedichte seien eher als Romane das, was am Ende bleibt. Wie war das zu verstehen?

Tellkamp: Ich meinte das nicht pauschal. Marcel Proust wird ewig bleiben, und manche Lyrik altert schnell. Es gibt derzeit aber sehr viele lyrische Begabungen bei uns, Stimmen, die den berühmten Dichtern das Wasser reichen können. Es weiß nur niemand.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben als Lyriker begonnen, Sie haben in jungen Jahren Gedichte geschrieben. Machen Sie das immer noch?

Tellkamp: Ja. Auf der Zugfahrt zur Preisverleihung habe ich Lyrik geschrieben, danach im Hotelzimmer auch wieder.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass Sie eines Tages einen Gedichtband publizieren?

Tellkamp: Das will ich hoffen.

Das Interview führte Volker Hage



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