Tudor-Roman von Buchpreiskandidatin Als "Game Of Thrones" Wirklichkeit war

Die Abgründe des Adels: Inger-Maria Mahlkes Roman "Wie Ihr wollt" erzählt rotzig von den Intrigen der Tudors - und vom Schicksal der kleinwüchsigen Mary Grey, die im 16. Jahrhundert von Königin Elisabeth I. unter Hausarrest gestellt wurde.

Königin Elisabeth I. (1533-1603): Ein unnachgiebiger Kampf um die Macht
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Königin Elisabeth I. (1533-1603): Ein unnachgiebiger Kampf um die Macht

Von Thomas Andre


Es muss nichts heißen, dass mit Inger-Maria Mahlkes Historien-Drama "Wie Ihr wollt" nun nach 2014 wieder ein Roman mit kleinwüchsigem Personal für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Zufall. Kein Zufall ist es, dass sich Mahlke, Jahrgang 1977, für ihre Version von "Game of Thrones" ein klaustrophobisches Setting gewählt hat. Die Berliner Schriftstellerin ("Silberfischchen") ist eine Meisterin im Beschreiben von gewaltigen Zerstörungskräften, die sich entwickeln können, wenn zwei Menschen zu eng aufeinander hocken.

In "Wie Ihr wollt", einem so originellen wie sich am Ende an seiner Konstruktion selbst erschöpfenden Roman, sind die beiden Freundfeindinnen zu lange miteinander eingepfercht: Mary Grey und ihre Zofe Ellen. Mary Grey steht unter Hausarrest, weggesperrt durch ihre Cousine, die amtierende Königin Elisabeth I. - der historischen und eisernsten aller hochwohlgeborenen Jungfrauen, die von 1558 bis 1603 regierte und dem Elisabethanischen Zeitalter seinen Namen gab.

In einem monarchischen Wirbel aus religiösem Eifer, familiärem Ehrgeiz und dynastischen Ansprüchen entwickelte sich vor Elisabeths Thronbesteigung ein unnachgiebiger Kampf um die Macht, dessen Resultat unter anderem die Hinrichtung von Mary Greys Schwester Jane war, der Neun-Tage-Königin.

Ein Leben voll unvermeidlicher Vergeblichkeit

Deren Schicksal lässt die einen bemerkenswert rotzig-verknappenden Erzählstil pflegende Mahlke in einer Art Journal erzählen, angelegt von Mary, der Zwergin. Sie wiederum kommt die eigene Heirat teuer zu stehen. Nicht, weil ihr Gatte pädophil ist, sondern weil die elisabethanische Erlaubnis fehlte. Die Jungfrau hat es nicht gern, wenn andere sich dynastisch in Stellung bringen.

Mahlke widmet sich in ihrem dritten Roman den auf dramatische Weise in ihr Schicksal verhedderten mächtigen englischen Frauen des 16. Jahrhunderts - Gefangene der Genealogie, die in Spiele um alles oder nichts hineingeboren wurden. Einen historischen Roman möchte die Autorin ihr Buch explizit nicht nennen. Dafür interessiert sie sich dann auch zu wenig für das dingliche und atmosphärische Interieur der Epoche, in der übrigens Shakespeare sein Werk schuf - der Romantitel "Wie Ihr wollt" erweist dem Genie seine Reverenz.

Alle sind Figuren auf einem Schachbrett, und dass die ungeliebte und nicht selten dämonisierte Heldin Mary Grey aus dem Spiel genommen wurde, ist hier die Grundkonstellation: Mahlke schildert ihre beengte Welt, ihren Lagerkoller, das aggressive Verhältnis zu Ellen und die existenzielle Notlage, die zwischen Rachsucht, Strategie und der Einsicht in die unvermeidliche Vergeblichkeit changiert. Man hätte damals nicht leben wollen.

Auch nicht als Mann: Weil irgendwann nur noch die Frauen des Tudor-Geschlechts königliches Blut in sich tragen - Edward VI. stirbt bereits mit 15 - und die Krone verkörpern müssen, bleiben den angeheirateten Männern nur Nebenrollen und die Verachtung, die ihnen seitens der Herrscherinnen entgegenschlägt: "Will König sein und rollt sich auf seiner Mutter zusammen".

So nachvollziehbar Mahlke den aussichtslosen Kampf Marys um Selbstbestimmung und Freiheit beschreibt, den sie anhand der Schilderung einiger Tage des Jahres 1571 schildert, so unverwechselbar der Ton ihrer Nacherzählung des Tudor-Terzes auch ist - es bleibt am Ende ein Referieren der Historie, eine statische Angelegenheit.

Wie die Intrigen und Hochverratsangelegenheiten ausgingen, weiß man eh; eher schlechte Voraussetzungen für eine ausgefeilte Dramaturgie. Geschichte mag ganz spannend sein. Saftig wird sie erst, wenn sie wie bei George R. R. Martin in ein Fake-Mittelalter überführt wird.

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