Buchpreiskandidatin Monique Schwitter Männer im Dutzend

Monique Schwitter schreibt in "Eins im Andern" unfreiwillig komisch über die Lieben ihres Lebens. Noch komischer: Sie steht damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Autorin Monique Schwitter: "Knausgårdeskes Abbilden des eigenen Alltags"
Matthias Oertel

Autorin Monique Schwitter: "Knausgårdeskes Abbilden des eigenen Alltags"

Von Dana Buchzik


"Ich frage mich, ob man mit diesen Büchern wirklich viele Menschen zum Lesen verführen kann", schreibt die wohl bekannteste deutsche Buchbloggerin Mara Giese über die diesjährige Shortlist. Richard Kämmerlings sieht in der "Welt" den Buchpreis schon jetzt als entwertet, da die Jury Clemens J. Setz mit seinem brillanten Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" zwar auf die Long-, nicht aber auf die Shortlist gehoben hat.

Abgesehen von Inger-Maria Mahlkes zornentbrannter Adeligen im England des 16. Jahrhunderts ("Wie ihr wollt") und Frank Witzels leicht erregbarem Teenager im Nachkriegsdeutschland ("Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969") wird die Shortlist dieses Jahr von den Wohlstandsmelancholien der Protagonistengeneration Ü40 dominiert: Die Helden sind ein Altphilologe im Müßiggang (Jenny Erpenbecks "Gehen, ging, gegangen"), ein wehmütiger Künstler in Hamburg (Rolf Lapperts "Über den Winter"), zwei Manager-Typen mit Weltschmerz (Ulrich Peltzers "Das bessere Leben") - und die namenlos bleibende Schriftstellerin, die wir in Monique Schwitters Roman "Eins im Andern" kennenlernen.

Unter der saturierten Oberfläche von deren Leben (Haus, Ehe, Kinder, Hund) wabert latentes Unwohlsein; vielleicht auch nur Langeweile. Zwecks Schreibprokrastination tippt die Protagonistin eines Abends den Namen ihres ersten Liebhabers in die Google-Suchleiste und stellt fest, dass dieser nicht mehr am Leben ist.

Herrje, ein Leben ohne Zigaretten

Petrus, den sie mit dessen Bruder betrogen hat, um ihn schließlich zu verlassen, weil er ihr ebenfalls nicht treu war, hat sich im Jahr 2008 umgebracht. Ergriffen erinnert sich die Ich-Erzählerin, dass sie in jenem Jahr schwanger war und sich mit dem Nikotinentzug schwer tat; ein Leben ohne Zigarette schien ihr kaum noch erstrebenswert.

Viele Jahre hat sie nicht an Petrus gedacht; das Wissen um seinen Tod aber will die Ich-Erzählerin literarisch fruchtbar machen. Zwölf Kapitel sollen es werden, beschließt sie, eine Apostelgeschichte von zwölf Männern - ein Erzählgerüst, das sich schnell als nicht tragfähig erweist. "Zwölf ... Ich denke nach und überschlage kurz. Wenn ich Kurs halte und chronologisch fortfahre, ist mein Mann voraussichtlich gerade einmal Nummer fünf. Aber kann es denn nicht sein, dass sich unterwegs, beim Schreiben, eine Lösung findet?"

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Also schreibt sie los, ins Blaue, entsinnt sich ihrer Studienzeit, ihrer ersten Schritte im Berufsleben, ihrer Reisen und ihrer Liebschaften - letztere aber bleiben meist Statisten, sind selten mehr als Stichwortgeber und Sensationslieferanten.

Bespiegelung des saturierten bürgerlichen Milieus

Auch den Hauptfiguren in Monique Schwitters bisherigen Buchveröffentlichungen, zwei Erzählbänden und einem Roman, ging es trotz aller Begegnungen vorrangig um Selbstfindung. Obwohl "Eins im Andern" vordergründig von zwölf Männern erzählt, dreht der Roman sich letztlich nur um die Protagonistin, die knausgårdesk ihren Alltag abbildet, jedes Erkältungssymptom, jede Einkaufsnotiz und jeden pathetischen Gedanken festhält: "Was ist das, die Liebe? Wieso kann sie kommen und gehen?"

Dass die Biografie der 1972 in Zürich geborenen Schauspielerin und Regisseurin immer wieder in ihren Roman hineinschwappt, dass ihre Protagonistin wenig mehr als ein halbherzig fiktionalisiertes Abbild Schwitters ist, die ihren Schreibprozess und ihr Leben als Autorin permanent dokumentiert und kommentiert, macht die Lektüre umso anstrengender. Unfreiwillig komisch sind die Passagen, in denen sich die Schriftstellerin nach einer Lesung darüber mokiert, dass "das Publikum dazu neigt, eine Icherzählerin für die Autorin zu halten".

"Eins im Andern" mäandert über 232 Seiten vor sich hin; der rote Faden bleibt hauchdünn. Die euphorischen Buchbesprechungen und die Nominierung für den Deutschen Buchpreis zeigen, dass das deutschsprachige Feuilleton zu oft am Leser vorbeidenkt und -schreibt.

Da geht die Bespiegelung des saturierten bürgerlichen Milieus als "Röntgenblick in die weibliche Seele" durch, die Verweigerung der schriftstellerischen Arbeit, die lediglich Lebenserinnerungen literarisiert, als "gekonntes Spiel mit der doppelten Ebene", Redundanz als "raffinierte Wiederholung von Motiven" und schwülstiges Pathos als "klares Plädoyer für das Leben" - Phrasen, die nur zu gern in die Pressemappe des Verlags Eingang finden möchten.

Wenn Kritiker nur schwärmerisch durch den eigenen humanistischen Bildungskosmos streifen, um Geschichten zu erzählen, die mit dem eigentlichen Kritikgegenstand wenig bis nichts mehr zu tun haben, wird das weder dem zu besprechenden Buch noch dem Leser gerecht. Über die größtenteils enttäuschende Shortlist kann nur die Tatsache hinwegtrösten, dass gelungene Bücher weder Feuilletonbesprechungen noch den Deutschen Buchpreis je nötig haben werden.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
hartmutw 30.09.2015
1. Kompliment
Mein Kompliment für diese Rezension Frau Buchzik, speziell für die Passage über die eingeschränkte Urteilsfähigkeit des zeitgenössischen Feuilletons angeht! Als Lange- und Vielleser fragt man sich seit geraumer Zeit, wo die Lorbeeren für diverse Büchner- oder Bachmannpreisträger wohl herrühren könnten. Sehr nett reflektiert!
Stäffelesrutscher 30.09.2015
2.
Und das, wo doch neulich ein Lektor so hochgestochen getönt hat, dass man den Ramsch rausfiltert und nur tolle Werke verlegt werden ...
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