Büchner-Preisträger Mosebach Stilberater der Literatur

Martin Mosebach bekommt den diesjährigen Büchner-Preis, die wichtigste deutsche Literatur-Auszeichnung. Der 55-Jährige passt perfekt zum Zeitgeist: Statt für 68er-Lässigkeit steht er für Stil- und Formbewusstsein. Jetzt muss nur noch jemand seine Bücher lesen.

Von Daniel Haas


Über seinen letzten Roman, "Das Beben", haben alle gejubelt: "Begnadeter Stilist" ("Neue Zürcher Zeitung"), "Sprachfertigkeit, die höchstes Lob verdient" ("FAZ"), "einer der besten deutschsprachigen Autoren" ("Focus"). Gelesen haben das Werk aber nur wenige. 6000 Mal verkaufte sich das Buch. Man kann Mosebach getrost als Geheimtipp bezeichnen.

Autor Mosebach: Klugheit in Form bringen
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Autor Mosebach: Klugheit in Form bringen

Die Fachleute jedoch können sich auf ihn einigen wie auf wenige sonst: Mosebach ist ein poeta doctus, ein schreibender Denker, ein Kulturkritiker von hohem Rang. Und er tritt nicht als Pfeifchen schmauchender Moralapostel (Grass) oder verbiesterter Politstreithahn (Handke) auf, sondern als Gentleman und Kosmopolit. Ein Grandseigneur der reflektierenden und erzählenden Literatur.

Dazu passt sein stets tadelloses Auftreten in feinem Zwirn, dieser Thomas-Mann-Gestus, nach dem sich der von '68 befremdete Geschmacksbürger bekanntlich sehnt wie Merkel nach dem Klimaschutz. Eine gute Figur machen, metaphorisch auf dem Papier, und im wirklichen Leben: Diese Verkörperung des Stilprimats über die Lässig- und Nachlässigkeiten der Popliteratur wird ihm hoch angerechnet.

Es ist kein Zufall, dass man ihn immer mal wieder als den geheimen Verfasser von Asfa-Wossen Asserates Manieren-Buch ins Gespräch bringt: Ein Text über die sittliche Form und die Form der Sitten wäre ein schöner metafiktionaler Kommentar zum Programm des Autors.

Und dann die atemberaubend klugen Essays! Texte über anspruchsvolle Autoren wie Cervantes, Proust und Heimito von Doderer (auch so ein großer Stilist, den alle verehren und kaum jemand liest), Spekulationen über die Typologie des Intellektuellen und den Gottesbezug in der europäischen Verfassung: Mosebach ist ein Autor mit Qualitätsgarantie.

Seine Romanproduktion wird seit jeher begleitet von essayistisch-journalistischen Einlassungen. So weiß man: Dieser Dichter kann räsonieren und fabulieren; er ist keine Mogelpackung, bei der man eventuell einer Provokation oder einem Programm aufsitzt.

Sieben Romane hat er bis jetzt veröffentlicht, dazu Erzählungen, Gedichte, einen Reisebericht, und zuletzt eben jenes "Beben", das Literaturkritiker aller Couleur aufrüttelte: "Man weiß gar nicht, wo man mit dem Loben anfangen soll." ("Die Welt").

Das Buch handelt von einer unglücklichen Liebesgeschichte, der Held ist ein Architekt, der einen indischen Palast in ein Hotel umbauen soll. Es treten unter anderem auf: heilige Kühe, Friedensreich Hundertwasser und ein exzentrischer Minister mit kuriosen Sanierungsabsichten für die Dritte Welt.

Die Hauptrolle aber, wie in allen Werken Mosebachs, spielen stilistische Prägnanz und hier, im "Beben", auch großer Humor (einen wenn nicht heiligen, so doch großen Ernst hat sich der Schriftsteller für sein Plädoyer zur Wiedereinsetzung der lateinischen Messe aufbewahrt - auch ein spannender Text, nur deutlich weniger unterhaltsam).

Mit diesem Buch also könnte man ihn entdecken und sich dann vorarbeiten zu den früheren Texten, zur schlauen Märchen-Travestie "Die Türkin" zum Beispiel (1999) oder zum formal raffinierten Bildungsroman "Eine lange Nacht" (2000). Dann wäre Mosebach kein Geheimtipp mehr, sondern einfach eine hervorragende Empfehlung.



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