"Bull Mountain" von Brian Panowich Familienzwist der Hinterwäldler

Bruderkampf zwischen Crystal Meth und Rachegelüsten: Autor Brian Panowich erzählt eine Kain-und-Abel-Geschichte aus den US-Südstaaten. Warum bloß lesen sich deutsche Regionalkrimis nie so packend?

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Hinterwäldler als Helden - längst haben auch in Deutschland Spannungsromane, die im ländlichen Milieu angesiedelt sind, ihr Publikum gefunden.

Keine Sorge, wir reden hier nicht über deutsche Regio-Krimis, wo bayerische Dörfer und ostfriesische Inseln von meist minderbegabten Möchtegernschriftstellern zu Orten des Grauens hochstilisiert werden. Die deutlich attraktivere US-Variante wird Country Noir genannt, und unter dieser Fahne segelten einige der aufregendsten Romane der vergangenen Jahre über den Atlantik. Von Daniel Woodrell bis Donald Ray Pollock haben US-Autoren in der Tradition von William Faulkner und Cormac McCarthy eine von irren Wanderpredigern und kaputten Killern, Schnapsbrennern und Meth-Köchen bevölkerte Welt in große Literatur verwandelt.

Auf McCarthy bezieht sich auch Brian Panowich, der seinem Roman ein Zitat aus dem Blutwestern "Die Abendröte im Westen" vorangestellt hat. Doch anders als der Pulitzerpreisträger ist der literarische Debütant Panowich, von Beruf Feuerwehrmann, kein ausschweifender Wortmaler, sondern ein Pragmatiker, der sich stilistisch in der Tradition von Elmore Leonard sieht.

Mit dessen erzählerischer Effizienz schafft Brian Panowich es, auf schlanken 335 Seiten ein mehr als sechs Jahrzehnte umfassendes Familienepos zu entwerfen. Über drei Generationen erstreckt sich diese Hillbilly-Version von "Der Pate", die mit einem Brudermord beginnt und mit einem weiteren Bruderzwist dramatisch endet - allerdings vollkommen anders als erwartet.

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Familie lautet das erste Wort des Romans. Gesprochen wird es von Riley Burroughs, Chef des Burroughs-Clans, einer Familie von Schnapsbrennern, die ihre Geschäfte vom Bull Mountain aus erledigen und Ende der Vierzigerjahre halb Georgia mit moonshine versorgen. Wenige Seiten später liegt Riley tot im Wald, erschossen von seinem Bruder Cooper. Der hat seinen Sohn Gareth zu dieser Hinrichtung mitgenommen und lässt den Neunjährigen das Grab für seinen Onkel schaufeln, um ihm eine Lektion zu erteilen. Familie ist wichtig, aber noch wichtiger ist etwas anderes: "Unsere Heimat. So weit das Auge reicht, egal in welche Richtung, gehört alles uns - dir. Das ist das Einzige, was zählt."

Die Geschichte von Riley und Cooper wird sich wiederholen, mehr als 60 Jahre später: Inzwischen hat Halford Burroughs auf dem Bull Mountain das Sagen, und außer dass der Clan statt Schnaps nun Crystal Meth herstellt, hat sich noch etwas Entscheidendes geändert: Halfords kleiner Bruder Clayton hat die Seiten gewechselt. Er ließ sich zum Sheriff der Gegend wählen.

Jetzt soll er einem Agenten des ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) dabei helfen, Halford zu überreden, seine langjährigen Geschäftspartner, eine Bande von Waffenschiebern, ans Messer zu liefern. Keine leichte Entscheidung für Clayton, der zwar seiner Familie den Rücken gekehrt, sich aber nie ernsthaft gegen sie gestellt hat.

Stattdessen hat er sich in diesem Kompromiss gut eingerichtet und lebt die Illusion vom Kleinstadtglück: "Ich bin kein Spitzensheriff, der die Welt retten will vor dem Bösen, das die Menschen anrichten. (…) Mich interessiert nicht sonderlich, was da draußen in Ihrer Welt so passiert" - eine klare Abfuhr für den ATF-Mann Simon Holly. Doch der lässt nicht locker, droht damit, Bull Mountain "vollständig in Flammen aufgehen zu lassen". Widerwillig stimmt Clayton Hollys Plan zu, auch wenn er keine Chance sieht: Halford "würde lieber sterben, als jemanden zu verpfeifen, den er als Teil der Familie erachtet".

Die Kain-und-Abel-Geschichte von Clayton und Halford nimmt rasant Fahrt auf, wird von Panowich aber immer wieder durch Abstecher in die Vergangenheit des Burroughs-Clans unterbrochen. Wirken diese Passagen anfänglich wie lästige Störer im Lesefluss, entpuppen sie sich am Ende als Teil einer brillanten Erzählstrategie: Nach und nach enthüllt Panowich, dass ein ausgeklügelter Racheplan hinter der vermeintlichen ATF-Aktion steckt. Das Motiv? Eine Familiensache, was sonst.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
morrisfan 11.02.2016
1.
Klingt wie eine Staffel von "Justified", einer wirklich tollen Fernsehserie mit Timothy Olyphant als US-Marshal und nach einem interessanten Buch.
NeueTugend 11.02.2016
2. Warum bloß lesen sich deutsche Regionalkrimis nie so packend?
Erstens schreiben nur sehr wenige gerne Regionalkrimis, ansonsten laufen sie Gefahr, als Hinterwäldler belächelt zu werden. Zweitens lesen nur sehr wenige gerne Regionalkrimis, weil sie sich sonst als Hinterwäldler fühlen müssen. Und dann eine Frage an den Artikelautor. Warum schreiben Sie über einen amerikanischen Krimi? Um sich nicht als Hinterwäldler zu fühlen?
Luscinia007 11.02.2016
3.
Danke für den Spoiler! Der AFT-Mann scheint wohl ein Enkel des ermordeten Riley zu sein. Schade, dass hier gedankenlos die "brillante[n] Erzählstrategie" ausgehebelt wird und die Auflösung unnötigerweise vorweggenommen wird. Die Spannung ist dahin :(
Newspeak 11.02.2016
4. ...
Zitat von Luscinia007Danke für den Spoiler! Der AFT-Mann scheint wohl ein Enkel des ermordeten Riley zu sein. Schade, dass hier gedankenlos die "brillante[n] Erzählstrategie" ausgehebelt wird und die Auflösung unnötigerweise vorweggenommen wird. Die Spannung ist dahin :(
Und Sie erwähnen den Spoiler gleich noch mal in Ihrem Kommentar? Für alle die, die den Beitrag nicht gelesen haben? Was die Frage nach der fehlenden Spannung deutscher Regionalkrimis betrifft...ich denke, das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Wertschätzung des Schreibens als Technik. In Amerika gibt es an jeder Schule und Hochschule Klassen für Kreatives Schreiben und es gibt ja auch in Hollywood eine ganze Industrie, die von guten Drehbüchern lebt (und diese auch wertschätzt, nicht zuletzt durch Preise). In Deutschland muß dagegen alles möglichst billig sein, und am Besten muß man auch gar nichts können, dann kommt man noch am ehesten groß raus. Nebenbei, Spannung zu erzeugen ist schwierig. So wie es kaum spannende deutsche Regionalkrimis gibt, gibt es auch kaum mehr spannende deutsche Fernseh- und Filmproduktionen, und zwar nicht nur, weil Trailer und Kritiken vorher schon spoilern, sondern weil Spannung z.B. von einem zurückhaltenden, langsamen, stimmungsvollen Szenenaufbau profitiert. Das ist aber heute nicht cool, wenn man nicht 300 Schnitte in 2 Sekunden setzt oder ständig aktionistisch herumgeballert wird (Ja, Herr Schweiger, Ihr Tatort ist der BESTE aller Zeiten). Es kann überhaupt keine Spannung aufkommen, weil man Spannung aushalten muß, auch schon als Regisseur, erst recht aber als Zuschauer.
hagedash 12.02.2016
5. Spon Spoiler
ob bei Filmen oder Büchern. Die sehr gute Besprechung bis zur "Anzeige" lesen. Dann Spoilergefahr. Auch wenn der Hinweis hier nicht sehr nützlich ist :) Aber das Buch ist unglaublich gut. Viel Spaß beim lesen
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