Gegenwartsdiagnose Wir Zombies, unterwegs in die narzisstische Kernschmelze

Sein infernalischer Pessimismus schlägt über die Stränge und dennoch sagt er Treffendes über unsere Gegenwart: Byung-Chul Hans neuer Band über den "Terror des Gleichen".

Koons-Skulptur
REUTERS

Koons-Skulptur


Wir sind erblindet, abgestumpft, umgeben von Kommunikationslärm, der uns betäubt. Mehr noch: Wir werden blutleer. Was uns förmlich das Leben aussaugt, das sind die neuen Medien, die schon Jean Baudrillard als viral bezeichnete. Tablets und Smartphones als Erreger - solcher Metaphern bedient sich der Kultphilosoph Byung-Chul Han in seiner neuesten Gesellschaftsdiagnose "Die Austreibung des Anderen", um uns eines zu zeigen: Der spätmoderne Mensch fristet längst ein Zombiedasein.

Wie schon in seinen letzten Essays "Transparenzgesellschaft" (2012), "Im Schwarm. Ansichten des Digitalen" (2013) und "Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken" (2014), schreibt er sich erneut tief in die finsteren Abgründe der digitalen Marktgesellschaft ein. Vieles wärmt er neu auf, anderes wird konkretisiert und erweitert.

Das alles einende Übel ist hingegen dasselbe: Die Eigendynamik eines ungebändigten Neoliberalismus, der alles und jeden verschlingt. Um den bestmöglichen Ertrag zu erzielen, setzt er nicht auf Druck von außen, sondern erklärt den Einzelnen zu seiner Ich-AG. Selbstausbeutung erweist sich als die effizienteste Strategie für Profit und Wachstum großer Unternehmen.

Und obgleich wir alle an Amazons und Apples Tropf hängen, glauben wir uns im Cyberspace und den urbanen Konsumtempeln als freie, ja, unverwechselbare Individuen. Ein Trugschluss, wie Han meint: "Der Globalisierung wohnt eine Gewalt inne, die alles austauschbar, vergleichbar und dadurch gleich macht."

Alles zeugt von Glätte: Von den Glashausfassaden, über Jeff Koons' Skulpturen (Immer wieder muss der Arme in Hans Werken als Sündenfall der Gegenwartskunst herhalten!) bis hin zu den allgegenwärtig lockenden Bildschirmparadiesen. Wir sind Suchende, Nomaden auf dem Weg zu versteckten Oasen, die sich bei genauem Hinsehen nur als Werbebilder des Immergleichen entlarven.

Autor Byung-Chul Han
S. Fischer

Autor Byung-Chul Han

Mit vollem kulturpessimistischen Geschütz klagt Han in seinem Essay das leere, selbstverliebte Ego an. Verblendet wähnt es sich in einer weltumspannenden Netzgemeinschaft, wie sie die frühen Internetutopien im Blick hatten, ohne eigentlich die Lüge dahinter zu bemerken: "Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. Der Andere als Geheimnis, der Andere als Verführung, der Andere als Eros, der Andere als Schmerz verschwindet."

Denn weder, um im Bild zu bleiben, in den Glasfaserkabeln der Netze noch im Warenverkehr des Kapitalismus gibt es Widerstände. Wo "der Terror des Gleichen" wirkt, mangelt es an Negativität, an einem Gegenüber, an dem wir uns abarbeiten; "wo jede Zweiheit ausgelöscht ist, ertrinkt man im Selbst. Ohne jede Zweiheit verschmilzt man mit sich selbst. Diese narzisstische Kernschmelze ist tödlich."

Was völkische Nationalisten und islamische Terroristen teilen

Sich auf diese überbordende Abrechnung einzulassen, mag in vielerlei Hinsicht eine Zumutung sein. Oft wird der thematische Bogen dieses Buches überspannt. Nicht selten reizt Han seine Metaphernketten bis zum Äußersten aus. Die philosophische Stringenz wird so manchen Sprachspielen geopfert, da die Drastik der Zuspitzung den Leser gar nicht mehr aus dem Kopfschütteln herauskommen lassen soll. Zugegeben: Gemessen an seinen letzten Werken hat Han nun wirklich über die Stränge geschlagen.

Nichtsdestotrotz finden sich in diesem wuchernden Lamento über die heillose Gegenwart viele kluge, mitunter provokative Querverbindungen. Analogien aufzudecken, darin bestand schon seit jeher die Meisterschaft des 1959 in Seoul geborenen Denkers.

Ein Beispiel: Bekämpften die europäischen Rechten das Fremde, wobei sie als Schreckensgespinst stets auf den Terroristen verweisen, nähmen sie Han zufolge kaum wahr, wie ähnlich sie den Gewalttätern sind. "Der islamische Terrorist und der völkische Nationalist sind in Wirklichkeit keine Feinde, sondern verschwistert, denn sie teilen die gleiche Genealogie", deren Ursprung in einem Kampf gegen die Gewalt des Globalen liegt.

Man kann diesem Autor viele Vorwürfe machen: seine Schwarzmalerei, seine teils problematischen Gleichsetzungen, sein Hang zum Zirkulären und Schleifenartigen, sein Totalitarismus. Während jedoch gemeinhin die Rufe nach mehr Intellektuellen ertönen, werden übermütige Geister vom Schlage Han reflexartig verteufelt.

Kein Zweifel: "Die Austreibung des Anderen" strotzt vor Vollmundigkeit und hinkt teils an fehlender Präzision. Gleichwohl versucht sich dieser Text mit Wucht und Beobachtungsgabe an dem Porträt einer Welt, deren Komplexität uns alltäglich zu überfordern droht. Wir sollten dankbar für den Wagemut sein, der in diesen bewegenden Zeiten das Ganze in den Blick nimmt.

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insgesamt 13 Beiträge
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fiftysomething 30.07.2016
1. Menschen wie Han
sind die wahren Humanisten. Natürlich geht er den Individualisten auf den Wecker. Mit seiner Betrachtung der Welt ist eben kein Produkt zu verkaufen. Der Mehrwert des übersättigten Marktes ist nur noch durch die Zersplitterung der Gesellschaft zu erreichen. Wenn endlich alle Strukturen aufgelöst sind, beginnt die Herrschaft des Kapitals erst wirklich. Wir dachten früher ja, das "1984" eine Utopie ist, inzwischen haben wir alle Utopien hinter uns gelassen. Wer ist noch durch einen Zukunftsglauben an eine schönere Welt zu besänftigen? Selbst dies wird uns vorgekaut serviert. Wir reagieren alle nur noch pawlovhaft.
toptip 30.07.2016
2. intellektuell?
"Die Eigendynamik eines ungebändigten Neoliberalismus, der alles und jeden verschlingt. Um den bestmöglichen Ertrag zu erzielen, setzt er nicht auf Druck von außen, sondern erklärt den Einzelnen zu seiner Ich-AG. Selbstausbeutung erweist sich als die effizienteste Strategie für Profit und Wachstum großer Unternehmen." Bei Ver.Di abschreiben und anschließend zu delirieren macht einen noch nicht zum Intellektuellen. Die Aussage oben kommt doch aus den gleichgeschalteten Poesiealbum unserer sogenannten progressiven Mitbürgern.
g.traustein 30.07.2016
3. Falls Sie es noch nicht wissen
Zitat von toptip"Die Eigendynamik eines ungebändigten Neoliberalismus, der alles und jeden verschlingt. Um den bestmöglichen Ertrag zu erzielen, setzt er nicht auf Druck von außen, sondern erklärt den Einzelnen zu seiner Ich-AG. Selbstausbeutung erweist sich als die effizienteste Strategie für Profit und Wachstum großer Unternehmen." Bei Ver.Di abschreiben und anschließend zu delirieren macht einen noch nicht zum Intellektuellen. Die Aussage oben kommt doch aus den gleichgeschalteten Poesiealbum unserer sogenannten progressiven Mitbürgern.
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Newspeak 30.07.2016
4. ...
Denn weder, um im Bild zu bleiben, in den Glasfaserkabeln der Netze noch im Warenverkehr des Kapitalismus gibt es Widerstände. So? Das ist doch leicht zu widerlegen. Der Widerstand ist sofort spürbar, wenn es einem am Geld mangelt! Dann kann man sich unter Umständen keine Kommunikation leisten, schon gar kein Netz oder Smartphone mit dem man dann noch was kauft. Das ist eben der Irrtum des Neoliberalismus. Sklaven mögen toll sein, um die ganzen Produkte herzustellen, die technischen Gadgets, aber sie kaufen sie nicht. Daran wird der ganze Kapitalismus zugrundegehen. Nicht an seiner Menschenverachtung an sich, sondern an dem Exzess am Ende mit dem Menschen auch den potentiellen Kunden zu verachten.
daten.waesche@gmail.com 30.07.2016
5. DOUBLE U U #WU Women United
Zuerst Globalisierung zurück drehen und Ende der Einmischung. Aber wenn man einen so großen Schneeball den Hang hinauf rollt, wird man von ihm, beim loslassen, erschlagen. Also geht es ums Überleben. Jetzt Schwäche zeigen bei der Übernahme der Welt, macht die s t a r k, die nur darauf warten dass wir stürzen, oder nachgeben. Es gibt nur einen einzigen Weg. Die letzten 2000 Jahre etablierte sich der Mann und sein Denken. Nur durch das Verdrängen der Mütter und ihrer Weisheit konnte der Karren so weit in den Dreck gefahren werden. In andern Ländern gibt es noch weibliches Denken, aber die sehen wir als „minderwertig“ an. Denen wollen wir ja derzeit unsere neue Welt aufschwatzen. Es gibt eine Hoffnung, man muss das weibliche Denken re-etablieren, das wird schmerzhaft sein, aber sonst gehen wir unter. Seit Bestehen der Erde, haben wir eine endlose Nabelschnur, die jeden mit den Müttern verbindet. JEDEN . Wir müssen eine Weltkonferenz der Mütter einberufen oder über das Netz aufrufen. #WU women united Da alle Mütter mit allen Müttern verbunden sind, sollen sie entscheiden, was geschehen soll. NICHT GEBILDETE MÜTTER. Um Himmels Willen, nein. Es gibt den heiligen Gral, das Reich der Mütter. Kein Land der Erde wird sich dagegen wehren, denn jede Seele auf der Welt weiß, dass das der einzige Weg ist. Mütter haben den Blick aufs Ganze schon immer und für immer.
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