Türkischer Autor Can Dündar Der Journalist als Staatsfeind

Can Dündar ist ein kritischer Kopf. Weil der Journalist über Waffenlieferungen der türkischen Regierung an Extremisten in Syrien schrieb, wurde er verurteilt. Während der U-Haft hat er ein Buch verfasst, das den Zustand der Türkei beschreibt.

Can Dündar
dpa/ Bodo Marks

Can Dündar

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Freiheit und Sicherheit sind ein hohes Gut. Can Dündar, 55 Jahre alt, schulterlanges, graues Haar, grauer Bart, Brille, weiß das zu gut. Er ist aus der Türkei geflohen, nach Europa, dort, wo er Freiheit und Sicherheit findet. Wo genau er lebt, sagt er lieber nicht. Auf jeden Fall wird er auf absehbare Zeit nicht wieder in sein Heimatland zurückkehren. Deshalb gebe er seinen Posten als Chefredakteur der oppositionsnahen Zeitung "Cumhuriyet" auf, wie er in seiner Kolumne schreibt.

Der Weg in die Heimat versperrt, der Job weg - Dündar zahlt einen hohen Preis dafür, dass er einfach nur seine Arbeit als Journalist getan hat. In seinem am Donnerstag auf Deutsch erscheinenden Buch "Lebenslang für die Wahrheit" beschreibt er, was ihm widerfahren ist in den vergangenen Monaten und Jahren.

Schon seit Ende 2014 kursierten Dokumente und Hinweise, die nahelegten, dass die türkische Regierung unter dem damaligen Premierminister Recep Tayyip Erdogan, heute Staatspräsident, Waffen an Extremisten in Syrien lieferte. Anfang 2015 tauchte ein Protokoll auf, wonach so ein Waffenschmuggel aufgeflogen war. Türkische Medien und auch SPIEGEL ONLINE berichteten darüber. Erdogan tobte, die Regierung dementierte.

Dann, im Mai 2015, wurde der "Cumhuriyet" ein Video zugespielt, auf dem genau das zu sehen war: türkische Lastwagen voller Waffen, unterwegs Richtung Syrien.

"Ich gab die Aufnahmen unverzüglich unserem Redaktionsteam zur Kenntnis, es herrschte große Aufregung", schreibt Dündar nun in seinem Buch. Stundenlang diskutierte man, ob die Zeitung es auf ihrer Webseite veröffentlichen sollte. Von Anfang an warnten die Anwälte der Zeitung Dündar: Man werde die Sache als "Aufdeckung von Staatsgeheimnissen" behandeln und die Mitarbeiter der Zeitung strafrechtlich verfolgen.

Dündar schreibt weiter, dass die Türkei mit der Waffenlieferung Partei ergriff im Krieg in Syrien. "Die Öffentlichkeit hatte ein Recht darauf, davon zu erfahren." Die "Cumhuriyet" ging mit der Nachricht raus. "Unser Bericht war stark. Mein Gewissen rein. Es gab ein öffentliches Interesse an diesen Informationen. Dafür traten wir ein." Der Artikel sorgte für großes Aufsehen - und erzeugte den erwarteten Wirbel.

"Mein erstes handschriftlich verfasstes Buch"

Das Buch zeugt von Haltung und journalistischem Mut. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument und zugleich eine finstere Momentaufnahme vom Zustand der Türkei. Dündar hat es im Gefängnis geschrieben. "Aufzeichnungen aus dem Gefängnis" lautet deshalb der Untertitel. Denn er und der "Cumhuriyet"-Ankara-Büroleiter Erdem Gül wurden, wie vorausgesehen, angeklagt.

Erdogan persönlich stellt Strafanzeige, fordert lebenslange Haft und tritt als Nebenkläger auf. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen vor. Im November 2015 werden Dündar und Gül festgenommen und kommen in Untersuchungshaft. Drei Monate verbringen die beiden Journalisten im Gefängnis. Als das türkische Verfassungsgericht die Inhaftierung als "unrechtmäßig" beurteilt, kommen sie frei. Wieder tobt Erdogan und droht den Richtern unverhohlen mit Konsequenzen.

Dündar berichtet von Einschüchterungsversuchen gegen ihn und seine Redaktion. Er erzählt von den Schüssen eines Attentäters, der ihn nach einer Gerichtsverhandlung abfing, ihn als "Vaterlandsverräter" beschimpfte und auf ihn schoss. Von der Angst vor Anschlägen und von seiner Einzelhaft. Die drei Monate im Gefängnis bezeichnet er als die "drei fruchtbarsten Monate meines Lebens". Das Schreiben habe ihn "im Gefängnis auf den Beinen gehalten", außerdem "war es ein Zeugnis", die "Dokumentation einer Ära der Brutalität". "Dies ist mein erstes handschriftlich verfasstes Buch", lässt Dündar seine Leser wissen. "Computer und Schreibmaschine waren mir verwehrt. Seit dem Abitur hatte ich nicht mehr per Hand geschrieben."

Dündar wurde im Mai 2016 zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, er floh im Juli ins Ausland. Er will weiter für Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei kämpfen, will sich nicht zum Schweigen bringen lassen. "Lebenslang für die Wahrheit" ist ein spannend geschriebener Report über das, was ihm widerfahren ist - und zugleich ein trauriges Buch, denn das ist keine Fiktion, sondern bittere Realität für Dündar und für viele Menschen in der Türkei, die es wagen, die Mächtigen zu kritisieren.

Und die Geschichte ist für Dündar noch längst nicht zu Ende. Am Samstag wollte Dündars Frau Dilek Dündar von Istanbul nach Berlin fliegen, um ihren Mann dort zu treffen, rechtzeitig zur Buchvorstellung in Deutschland. Die Polizei am Istanbuler Atatürk-Flughafen verweigerte ihr die Ausreise und zog ihren Pass ein. Nun kann sie die Türkei nicht mehr verlassen.

Was sie mit den Vorwürfen gegen Dündar zu tun hat? Nichts.

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Seite 1
CommonSense2006 08.09.2016
1.
Ich hoffe, dass die Bundesregierung Menschen wie Herrn Dündar tatkräftig unterstützt. Zu vermuten ist ja durchaus, dass er sich in Deutschland aufhält, hier ist die größte Gruppe von Auslandstürken in ganz Europa. Würde es nicht auch Sinnm achen, die Gründung einer Zeitung mit online-Präsenz in Deutschlan zu unterstützen, die den kritischen Stimmen der Türkei eine Plattform gibt und die man dann auch in der Türkei lesen könnte? Shließlich sind wir gegen Zensur und jetzt wäre es an der Zeit, dagegen auch einmal was Praktisches zu unternehmen.
lillime2 08.09.2016
2. Sprachlos
Mir fällt dazu leider nichts mehr ein. Es ist nachvollziehbar. Der Westen hält zu Erdogan. Die Türkei ist das Land, zu dem Merkel/Konsorten Nähe sucht, vor dem die Bundesregierung erst jüngst einen Kotau machte (>Armenienresolution). Die Türkei ist das Land, das die USA/NATO einen wichtigen und zuverlässigen "Partner" nennt. Man mag es schon nicht mehr hören, so offensichtlich ist die Doppelmoral. Ebenfalls zahlreiche deutsche/EU-Politiker bütteln ständig vor Erdogan. Herr Dündar kann in naher Zukunft nicht in die Türkei reisen. Soweit ich weiß, wurde auch seiner Ehefrau vor ein paar Tagen die Ausreise verwehrt. Aber deutsch-türkische Erdogan-Anhänger, die hier in der deutschen Demokratie leben, können weiter gegen Kurden, Jesiden, Gülen usw. hetzen und lustig (erleichtert durch den Doppelpass und unsere großzügigen Aufenthaltsgesetze gegenüber ehemaligen Gastarbeitern) hin und her reisen. Ich werde das Buch kaufen, schließlich muss Herr Dündar ja von etwas leben. Informativ ist es sicher auch.
lathea 08.09.2016
3. Es ist allgemein bekannt, dass Industrieländer an den Kriegen das meiste verdienen
und dass auch die Türkei vermutlich beide Seiten unterstützt, war zu erwarten, denn irgendwo her kommen ja die Waffen ins Kruegsgebiet. Doch das, was Erdogan mit der Presse und Cumhürriet macht, gehört sicherlich zu den dunklen Kapiteln der türkischen Geschichte. Ich hoffe, dass die Familienangehörigen noch einen Weg hierher finden können.
skruffi 08.09.2016
4. Kaufen
Dieser Bericht zeigt wieder einmal die Doppelmoral unserer Regierung. Die Türkei unter dem Autokraten Erdogan tritt sämtliche Werte der EU mit Füßen. Statt vehement die Bürger- und Menschenrechte in der Türkei einzufordern erfolgt ein Kotau nach dem anderen. Die mit großer Mehrheit des Parlaments verabschiedete Armenien-Resolution wird von der Regierung quasi dementiert und diskreditiert. Warum? Weil man Erdogan in den Allerwertesten kriecht, anstatt ihm mal deutlich die Grenzen aufzuzeigen. Welches sichere Herkunftsland die Türkei in Bezug auf den Flüchtlings-Deal ist, hat man vor dem Putsch und erst recht nachher gesehen. Wir brauchen nicht eine solche Türkei. Die Flüchtlinge suchen sich längst andere Wege, z.B. über das Mittelmeer oder Bulgarien, Serbien etc. Großmufti Erdogan will unbedingt die Visaerleichterung und er wird sie bekommen. Wenn es in der Türkei so weitergeht, dann stellen nicht Syrer Asylanträge, sondern Kurden, Aleviten, Armenier und Journalisten. Ich werde mir in jedem Fall das Buch kaufen. Es ist sicher interessant und der Autor muss unterstützt werden.
jber 08.09.2016
5. Reaktion
Nachdem die Bundesregierung auf die Beschlagnahmung von Interviewmaterial bei der Deutschen Welle nur mit einem Kuschelstatememt von Herrn Seibert (genau, der mit dem unsäglichen Kotau). Ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die BReg auch hier nachgibt. Böhmermann haben sie ja schon als Messer geliefert. Aber Gottseidank sind ja bald wieder Wahlen.
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