Captain America Patriot bis in den Tod

Abgang eines Anachronisten: Der patriotischste Superheld der Comic-Welt wurde in der jüngsten Ausgabe der Marvel-Serie heimtückisch ins Jenseits befördert. Nach Nazis, Kalten Kriegern und Terroristen bekämpfte Captain America zuletzt Dämonen im eigenen Land. Ein (vorläufiger) Nachruf.

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Der "Cap", wie Captain America gerne kurz und knapp genannt wurde, mag tot sein, aber ob er es auch bleibt, ist eine andere Frage. Zunächst sitzt der Schock tief bei Amerikas Comic-Fans, denn in dem gestern veröffentlichten Heft 25 der "Captain America"-Reihe wird der älteste, härteste und konservativste aller Comic-Helden erschossen. Aus dem Hinterhalt. Auf den Stufen eines Gerichtsgebäudes, wo er für die Rechte der Veteranen in Latexhosen streiten wollte.

Captain America, 1941 von Jack Kirby und Joe Simon erfunden, hatte schon viele Leben. Zu Beginn seiner Karriere kämpfte der blauweißrot gewandete Held mit dem Stern auf dem Schild im Zweiten Weltkrieg gegen Nazis und Saboteure. Damals erschienen die Geschichten in der Reihe "Captain America Comics" und waren mehr patriotische Durchhalte-Propaganda als Entertainment. Aber als der Krieg vorbei war, wurde auch der "Cap" nicht mehr gebraucht. Man ließ ihn mit einem Flugzeug über dem Ozean abstürzen und erklärte ihn KIA - killed in action, wie es sich für einen Kriegshelden gehörte.

In den frühen Sechzigern wechselte Zeichner-Legende Jack Kirby, der auch lange den Kraftmeier Popeye mitgestaltete, zu Marvel Comics, wo gerade das Helden-Team "Die Rächer" mit wachsendem Popularitätsgrad gegen allerlei Superschurken kämpfte. In einem gewagten Plot-Twist wurde Captain America, der auf dem Grund des Ozeans schockgefroren überdauert hatte, wieder aufgetaut - und übernahm nach nur vier Heften die Führung des aus Thor, Iron Man, Wasp und Ant-Man bestehenden Teams. Nicht mehr Nazis und Japaner gehörten jetzt zu seinen Gegnern, sondern Monstren und Mutanten mit überzogenen Superkräften, in denen sich die Ängste vor den atomaren Bedrohungen des Kalten Krieges spiegelten.

Comic-Metapher für Bushs Anti-Terrorkrieg

Er ist also ein altgedienter Kämpe, der Captain, oder Steve Rogers, wie sein bürgerlicher Name lautet. Und da wer den Schaden und die Plackerei hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht, musste der Veteran in den neunziger Jahren viel Prügel von liberaler Seite einstecken. Captain America als Symbol der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus einzig verbliebenen Supermacht wurde zunehmend kritisch beäugt und - in einer berühmten Karikatur - sogar als siecher Anachronismus an den Tropf gelegt.

So hätte der Kalte Krieger sanft entschlummern können, doch der 11. September rief die Recken erneut auf den Plan. In einer Marvel-Sonderausgabe, die die Anschläge auf das World Trade Center reflektierte, stapft der Captain wutentbrannt durch die rauchenden Trümmer und schwört Vergeltung - kräftiger und markiger denn je. So wurde Captain America, wiewohl ganz postmodern von Zweifeln und Identitätskrisen geplagt, in den vergangenen fünf Jahren zur Comic-Metapher für den Anti-Terrorfeldzug der Regierung George W. Bushs. Mit neuer Brutalität zog er noch einmal los, diesmal gegen arabische Terroristen, und zum Schluss sogar gegen unamerikanische Umtriebe im eigenen Land.

"Die Welt dreht sich weiter"

Denn in einer der jüngsten Mini-Serien Marvels, "Civil War", waren die maskierten Superhelden selbst verantwortlich für eine Katastrophe, die annähernd die Ausmaße des 11. Septembers annahm. Als Konsequenz erlässt die Regierung ein Gesetz, demzufolge jeder Held seine übernatürlichen Fähigkeiten offiziell registrieren lassen muss, damit er in einer Polizeitruppe namens S.H.I.E.L.D. kämpfen darf. Die maskierten Rächer werden in zwei Lager gespalten: Eine Fraktion akzeptiert das Gesetz, die andere betrachtet es als eine neue Form der Sklaverei. Captain America, ganz der Verteidiger uramerikanischer Werte, schlägt sich auf die Seite der Vigilanten und will seinen starken Händen keine Fesseln anlegen lassen. Als die Auseinandersetzungen zwischen den Helden blutig zu werden drohen, setzt er seinen Kampf gegen die Einschränkung der individuellen Freiheit vor Gericht fort.

Und ausgerechnet dort, auf den Stufen zur juristischen Instanz, wurde er nun hinterrücks erschossen, zwei Kugeln trafen ihn in Schulter und Bauch. Wie es heißt, war Sharon Carter die Todesschützin, eine Agentin und frühere Geliebte des Captains, die vom Schurken Dr. Faustus hypnotisiert und so zu dem Verbrechen verführt wurde.

Klingt krude, und doch sorgte die Story bereits vor diesem Knalleffekt für reichlich Kontroversen im Comic-Universum. Denn während sich der Autor der Serie, Mark Millar, gegen jegliche politische Intention verwehrte, sahen viele Leser eindeutige Parallelen zu den gesellschaftlichen Veränderungen nach dem 11. September, der hemdsärmligen Politik der Bush-Regierung und der Einführung des umstrittenen "Patriot Act" in den USA.

Was sagt nun der plötzliche Tod des amerikanischsten aller Superhelden über die Lage im Land aus? Marvel-Chef Joe Quesada gibt sich pragmatisch: Captain America "lebte nicht in der modernen Welt, und die Welt dreht sich nun einmal weiter", sagte er CNN. Der Leser solle sich seinen eigenen Reim darauf machen. Der einfachste ist dieser: Die Bush-Ära neigt sich dem Ende zu, also legt sich auch der Captain zur Ruh.

Aber das Schöne an Comic-Helden ist, dass sie immer wieder auftauchen, wenn sie gebraucht werden. Auch Superman, noch so ein patriotisch gefärbter Held, wurde 1992 schon einmal beerdigt. Nur ein Jahr später war er wieder lebendig. Und Captain America? Soll voraussichtlich 2009 im Kino auftreten. Bis dahin wird es neuen Bedarf an aufrechten Helden geben. Garantiert.



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