Buchauszug von "Cat Person"-Autorin Sie wollte ihn beißen, feste beißen

Schlechter Sex oder Übergriff? Die Kurzgeschichte "Cat Person" wurde millionenfach geteilt. Nun hat Autorin Kristen Roupenian neue Geschichten über Macht und #MeToo veröffentlicht. Lesen Sie hier vorab "Beißerin".

Jenny Adam

Von Kristen Roupenian


Zur Autorin
  • DPA/ AP
    Kristen Roupenian, Jahrgang 1982, studierte afrikanische Literatur in Harvard und arbeitete als freie Journalistin. Ende 2017 veröffentlichte sie im "New Yorker" die Kurzgeschichte "Cat Person", der Text wurde im Netz millionenfach geteilt. Roupenian erzählt in der Geschichte, wie die Studentin Margot einen Mann kennenlernt. Die erste Verabredung führt zu Sex, obwohl die Protagonistin zu dem Zeitpunkt keine Lust mehr darauf hat. #MeToo, Rollenbilder und digitales Datingverhalten - jetzt erscheint ihr erster Sammelband mit Kurzgeschichten, in Deutschland unter dem Namen "Cat Person" beim Verlag Blumenbar.

Ellie war eine Beißerin. Sie biss die Kinder im Kindergarten, biss ihre Cousinen, biss ihre Mama. Als sie vier Jahre alt war, musste sie zweimal in der Woche zu einem Spezialisten, um an ihrer Beißwut "zu arbeiten". Beim Arzt spielte Ellie mit zwei Puppen, die sich gegenseitig bissen, und dann redeten die Puppen darüber, wie es sich anfühlte, zu beißen und gebissen zu werden. ("Aua", sagte die eine. "Tut mir leid", sagte die andere. "Es macht mich traurig, wenn du mich beißt", sagte die eine. "Mich macht es glücklich", sagte die andere. "Aber tut mir echt leid.")

Ellie stellte eine Liste von Dingen zusammen, die sie tun konnte, anstatt zu beißen, zum Beispiel die Hand heben und um Hilfe bitten oder tief Luft holen und bis zehn zählen. Die Eltern hängten, so wie es der Arzt vorgeschlagen hatte, einen Zettel an Ellies Kinderzimmertür, und Ellies Mutter klebte für jeden Tag, an dem Ellie niemanden biss, einen goldenen Stern darauf.

Aber Ellie liebte es, zu beißen, mehr noch als goldene Sterne, und sie machte damit weiter, glücklich und wild, bis eines Tages die hübsche Katie Davis nach dem Kindergarten vor ihrem Vater auf Ellie deutete und laut flüsterte: "Das da ist Ellie. Keiner mag sie. Sie beißt", und Ellie fühlte sich vor Scham so elend, dass sie mehr als zwanzig Jahre lang niemanden mehr biss.

Als Erwachsene hing sie, obwohl sie ihre aktive Beißzeit längst hinter sich gelassen hatte, Tagträumen nach, in denen sie ihre Kollegen im Büro verfolgte und biss. Sie stellte sich zum Beispiel vor, wie sie in den Kopierraum schlich, wo Thomas Widdicomb gerade Berichte zusammenstellte, so vertieft in seine Aufgabe, dass er nicht bemerkte, wie Ellie auf allen vieren hereinkam. Ellie, was zum Teufel, würde Thomas Widdicomb rufen, bevor sie die Zähne in seine kräftige, haarige Wade grub.

Eine Zeit lang war es der Welt gelungen, Ellie aus Scham vom Beißen abzuhalten, aber sie vergaß darüber nicht, welchen Spaß es machte, hinter Robbie Kettrick herumzuschleichen, während er am Basteltisch selbstzufrieden Klötze stapelte. Alles ist wie immer, ruhig und langweilig, und dann kommt Ellie, und SCHNAPP!, heult Robbie Kettrick wie ein Baby, und alle laufen durcheinander und schreien, und Ellie ist auf einmal kein kleines Mädchen mehr, sondern ein wildes Tier, das in den Räumen des Kindergartens auf und ab läuft und Chaos und Verwüstung stiftet.

Jenny Adam

Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Erwachsene die Folgen ihres Handelns absehen können. Und als Erwachsene begriff Ellie, dass, wenn sie weiter ihre Miete bezahlen und ihre Krankenversicherung behalten wollte, sie andere Menschen nicht bei der Arbeit beißen durfte. Deshalb kam es für sie lange nicht ernsthaft infrage, ihre Kollegen zu beißen, bis der Büromanager vor aller Augen beim Mittagessen an einem Herzinfarkt starb und die Zeitarbeitsfirma Corey Allen als Ersatz schickte.

Ausgerechnet Corey Allen! Bald fragten sich Ellies Kollegen untereinander: Was um Himmels willen hat sich die Zeitarbeitsfirma dabei gedacht, ausgerechnet ihm den Job zu geben? Mit seinen grünen Augen, blonden Haaren und rosigen Wangen passte Corey Allen nicht in eine Büroumgebung, wie ein Faun oder Satyr gehörte er vielmehr auf ein sonniges Feld voller nackter, ausgelassener Nymphen, die Liebe machten und Wein tranken.

Wie Michelle aus der Buchhaltung bemerkte, vermittelte Corey Allen den Eindruck, als ob er sich jede Sekunde entschließen könnte, den Job als Büromanager hinzuschmeißen, um fortan auf einem Baum zu leben. Ellie, die im Büro eher eine Außenseiterin war, bemerkte oft, wie ihre Kolleginnen über Corey Allen tuschelten; wahrscheinlich ging es in diesen Gesprächen darum, wie gern sie mit ihm schlafen wollten. Corey Allen war gutaussehend und exzentrisch. Ellie wollte allerdings nicht mit ihm schlafen. Sie wollte ihn beißen, feste beißen.

Das wurde ihr klar, als sie ihn am Montag vor dem Morgenmeeting beobachtete, wie er glasierte Donuts auf einer Platte drapierte. Als er fertig war, drehte er sich um, und als er bemerkte, dass sie ihn anstarrte, zwinkerte er ihr zu. "Ach, Ellie, du siehst hungrig aus", sagte er mit einem anzüglichen Grinsen. Ellie hatte Corey Allen gar nicht abgecheckt, wie er es zu vermuten schien; und sie hatte auch keinen einzigen Gedanken an die Donuts verschwendet.

Aber plötzlich erwischte sie sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, ihre Zähne in Corey Allens Nacken zu vergraben. Er würde aufjaulen und auf die Knie sinken, und dieser selbstgefällige Ausdruck wäre schlagartig von seinem Gesicht verschwunden. Er würde den halbherzigen Versuch unternehmen, sie zu schlagen, und dabei schreien: "O nein, Ellie! Bitte! Hör auf! Was ist nur in dich gefahren?" Aber Ellie würde keine Antwort geben, denn ihr Mund wäre voll mit Stücken von Corey Allens süßem und nach Wild schmeckendem Fleisch. Es musste auch gar nicht unbedingt der Nacken sein. Welcher Körperteil, das war ihr egal. Sie konnte ihn auch in die Hand oder ins Gesicht beißen. Oder in den Ellbogen. Oder in den Hintern. Jede Partie würde anders schmecken, sich anders im Mund anfühlen, hätte ein anderes Verhältnis von Knochen, Fett und Haut; jeder Körperteil wäre auf seine eigene Art und Weise köstlich.

Vielleicht werde ich Corey Allen wirklich beißen, dachte Ellie nach dem Meeting. Ellie war für die Unternehmenskommunikation zuständig, was bedeutete, dass sie neunzig Prozent ihrer Zeit damit verbrachte, E-Mails zu verfassen, die eh keiner las. Sie hatte ein Sparkonto und eine Lebensversicherung, aber keinen festen Freund, keine Ziele, keine engen Freunde. Ihrem ganzen Leben, so dachte sie manchmal, lag die Vorstellung zugrunde, dass es weniger wichtig war, sich zu vergnügen, als Schmerz zu vermeiden. Vielleicht war das Problem am Erwachsensein, dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns zu gewissenhaft abwog, und am Ende kam ein Leben dabei heraus, dass man verachtete. Was, wenn sie Corey wirklich beißen sollte? Was dann?

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Augustusrex 13.01.2019
1. Genau
Das ist das, wovon Emanzen träumen. Er gibt ihr einen Kuss und wird gefeuert, sie beißt ihm das Gesicht kaputt, und alle jubeln darüber. Und natürlich hat keine andere Frau aus dem Büro gewagt, den vorher zu melden. Was für ein Nonsens.
intercooler61 13.01.2019
2. Ich verstehe zu wenig vom Fach,
... um einen etwaigen therapeutischen Wert dieser Erzählung zu beurteilen. Aber selbst wenn es einen gibt: Muss man das denn veröffentlichen? Langweiliger, simpel konstruierter Plot, Klischees wie aus einem Groschenroman, Pointe mit Ansage und Tusch. Ich fand's weder literarisch noch horrormäßig noch erotisch sonderlich inspirierend. Ob ihre anderen Stories besser sind, weiß ich nicht; angesichts dieser Kostprobe nehme ich jedenfalls davon Abstand, es erfahren zu wollen. Geld und (wertvollere) Lesezeit lassen sich mMn andernorts besser investieren.
Newspeak 13.01.2019
3. ....
Und jetzt lesen wir es nochmal mit vertauschten Rollen, und entdecken, was alles falsch daran ist. Im Grunde ist es nämlich nur eine pseudoliterarische Gewaltphantasie gegenüber Männern.
roenga 13.01.2019
4.
Das ist also die neue literarische Sensation des Jahrzehnts? Wohl eher die zu Papier gebrachte Gewaltfantasie die jeder Horror/Rape Revenge B-Movie Fan schon seit Jahrzehnten kennt, nur halt mit dem zweifelhaften Jungmädchen Charme eines gewieften Social Media Profis geschrieben. In den Filmen brauchts dann schon noch einen brutalen Verbrecher um die gewalttätige Racheorgie moralisch zu rechtfertigen. In Zeiten von #metoo reicht eine unerwünschte Berührung im Büroflur schon aus um das Blut spritzen zu lassen.
geando 13.01.2019
5. Nicht gerade ne Sternstunde der anspruchsvollen Literatur
Hm, die Story ist nicht gerade ne Sternstunde der anspruchsvollen Literatur. Mehr so ne kleine Kurzgeschichte einer Freizeit-Autorin, wie man sie zu Hunderten im internet auf irgendwelchen Kurzgeschichten-Portalen findet. Das einzige ist vielleicht der Tabubruch mit dem Beissen, aber das ist seit "dem Kannibalen von Rothenburg" oder den Eskapaden eines Luis Suarez auch kein wirklicher Tabubruch mehr.
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