Auswanderer-Saga "Der Mann, der das Glück bringt" Aus den Kellerlöchern der Weltgeschichte

In der alten Welt droht die Lepra-Kolonie, doch in der neuen Welt wartet auch bloß ein Leben in Ställen und auf der Straße: Catalin Dorian Florescus Roman entwickelt ein Jahrhundertpanorama aus Sicht der kleinen Leute.

Von Stephan Lohr

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Gerührt, erschöpft und gebannt von den anmutigen und abenteuerlichen Erzählungen aus dem Schilfdschungel des Donaudeltas und den Straßenschluchten New Yorks legt man dieses Buch aus der Hand.

Sein Autor Catalin Dorian Florescu lässt den Leser die gewaltige Entfernung zwischen den Sümpfen Südosteuropas und dem ewigen Wunschziel vieler Europäer, New York, mitempfinden. Zugleich gelingt es ihm, das Jahrhundert zwischen 1899 und 2001 durch Personen aus drei Generationen so nahe zu bringen, dass die Erlebniswelten von Enkeln und Großeltern erzählerisch verschmelzen.

Das Romangeschehen beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. New York ist voll von Migranten und Flüchtlingen. Sie kommen aus Italien und dem von Hungersnöten geplagten Irland, sie treffen auf Juden aus Galizien, die ihre Traditionen und Riten in der Neuen Welt etablieren, und auf Deutsche, die jenseits des Ozeans ihre zu Hause unerfüllbaren Träume zu verwirklichen versuchen.

Erzählt wird aus der Perspektive eines halbwüchsigen Waisen, der sich als Zeitungsjunge und mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: bitterarm, frierend und meist hungrig fristet er ein Leben zwischen Bowery und Broadway. Gefragt, wer er sei und woher er komme, antwortet er "vom Mond", je nach Situation nennt er sich Pasquale oder Paddy, schließlich Berl.

So hieß sein einziger Freund, den er an einem kalten Winterabend erfroren im Schnee findet. Er nimmt sich nicht nur seinen Mantel, sondern auch den jüdischen Namen des Toten an: Berl.

Verschattete Fugen des Weltgeschehens

Florescus poetische Aufmerksamkeit gilt den verschatteten Fugen des Weltgeschehens. Seine Figuren leben und sterben ganz unten, in Kellerlöchern und Pferdeställen, bestenfalls in üblen Häusern. Oder: vom Rest der Welt unbeachtet weit weg, auch sie in prekären Verhältnissen.

Die im zweiten Kapitel einsetzende gegenläufige Erzählung spielt in der Wildheit des rumänischen Donaudeltas, einer fisch- und vogelreichen, rauen Gegend, in der kaum Menschen leben. Hier gebiert im Sommer 1919 nach vier Fehlgeburten Leni ihre Tochter Elena. Vater Vanea, ein starker, naturverbundener Bursche erkrankt an Lepra, er zieht sich schließlich auf Nimmerwiedersehen in die Sumpf- und Schilfeinsamkeit zurück. Auch Leni wird von der Krankheit befallen und in einer elenden Lepra-Kolonie isoliert. Dort bringt sie ein Kind auf die Welt, das ihr abgenommen wird und das in Heimen und bei kommunistischen Pflegefamilien aufwächst.

Berl findet derweil beim jüdischen Schuster Herschel Unterschlupf. Der hat sich inzwischen auf die Gänsezucht verlegt - die Tiere hausen im Keller der heruntergekommenen Mietskaserne. In einer anderen Wohnung dieses Hauses verstecken sich Hochschwangere, die hier heimlich gebären und ihre Kinder abgeben. Diesen Frauen ist Berl "der Mann, der das Glück bringt", indem er ihnen schmachtende Lieder vorträgt. Denn Singen ist Berls Begabung und begründet seinen Traum, dereinst als "kleiner Caruso" Karriere zu machen.

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Die Schwangeren lohnen ihm den Gesang, sie bitten ihn, den Druck ihrer schmerzend prall gespannten Brüste saugend zu verringern. Doch Berl kommt auch hinter das Geheimnis der anonymen Geburten und der freigegebenen Kinder, die nicht von amerikanischen Familien adoptiert, sondern diskret ermordet werden.

Episodenreiches Jahrhundertpanorama

Elena ist vierzig, als sie in die Lepra-Kolonie gerufen wird. Sie soll sich der Asche ihrer verstorbenen Mutter, die sie nie gekannt hat, annehmen und diese nach Amerika bringen, es sei der letzte Wunsch der Mutter gewesen. In New York flüchtet flüchtet sich Elena - mit der Asche ihrer Mutter in der Handtasche - vor den Staub- und Trümmerwolken der einstürzenden Zwillingstürme in ein kleines Varieté-Theater und trifft dort den Berls Enkel.

Catalin Dorian Florescu entfaltet dieses Jahrhundertpanorama in zwei sich verschränkenden, episodenreichen Erzählsträngen. Mit Genauigkeit und dem Blick von unten bezeugt er das rasante Wachsen der amerikanischen Supermetropole ebenso präzise wie die erschreckenden Phasen des Verlaufs der Lepra.

Der Autor, 1967 im rumänischen Timisoara geboren, aber schon seit 1982 in der Schweiz ansässig, kommt bei seiner Geschichte des 20. Jahrhunderts ohne die großen Kriege, Katastrophen und repräsentativen Daten aus. Lediglich die Ermordung Rosa Luxemburgs 1919 und der spanische Bürgerkrieg 1937 finden beiläufig Erwähnung. Schließlich bestimmen die spannenden Kleine-Leute-Begebenheiten die Geschichte mindestens so sehr wie die vermeintlich großen Daten und Ereignisse.

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