Familienthriller "Kleine Feuer überall" Einfach abfackeln, das Lügengebäude!

"Kleine Feuer überall", der zweite Roman von Celeste Ng, entwirft das faszinierende Psychogramm zweier Vorstadtfamilien. In den USA war er Bestseller und Kritikerhit zugleich.

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In seiner Nobelpreisrede von 1976 proklamierte der US-Schriftsteller Saul Bellow den "Appell an unser Mitleid und unseren Schmerz" als eine der Hauptaufgaben ambitionierter Schriftstellerei.

1976 war Celeste Ng noch nicht geboren - Bellows Postulat aber erfüllt die 1980 in Pittsburgh, Pennsylvania, zur Welt gekommene Schriftstellerin mustergültig. Denn in ihren bisher zwei Romanen gelingt ihr das Kunststück immer wieder, den vielfach aufkommenden Schmerz ihrer Figuren zaubertrickhaft zu dem unseren zu machen.

Dabei steht die 38-Jährige, deren Eltern in den Sechzigerjahren von Hongkong aus übersiedelten, eigentlich noch ganz am Anfang. Doch nach dem Gewinn des renommierten Pushcart-Preises für Kurzgeschichten 2012 wurde auch ihr zwei Jahre später erschienener Debütroman "Was ich Euch nicht erzähle" von der Kritik gefeiert - auch hierzulande war das Staunen der Kritik groß.

Celeste Ng entwirft vielschichtige Familien-Psychogramme, fragt danach, wer oder was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Und was geschieht, wenn das Wort Familie nicht einmal mehr die Fiktion von Geborgenheit zu produzieren vermag. Nun ist ihr zweiter Roman "Kleine Feuer überall", in den USA längst ein Bestseller, auf Deutsch erschienen. Und erneut besticht die Autorin durch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in die aufgewühlten oder zerrissenen Seelen ihrer Figuren.

Autorin Celeste Ng
Kevin Day Photography

Autorin Celeste Ng

In ihrem Debüt war es das mysteriöse Verschwinden eines Teenagers, das eine Familie aus dem Gleichgewicht brachte. Dabei scheint es Ng vor allem um die Leerstellen zu gehen, die entstehen, wenn einer plötzlich verschwindet. Oder - wie im Fall ihres neuen Romans - das eigene Elternhaus abfackelt. Und darum, wie die Anderen mit dem Vakuum umgehen, das dadurch entstanden ist.

"Sie sann nach Möglichkeiten, um sich zu rächen. Und sie suchte sich die beste aus"

Schauplatz von "Kleine Feuer überall" ist Shaker Heights, jener Ort nahe Cleveland, in dem Celeste Ng aufwuchs. Im Zentrum stehen zwei Familien. Auf der einen Seite die Richardsons, die nach außen hin ein intaktes Leben führen: die Mutter Elena Journalistin, der Vater Anwalt - und die Kinder Trip, Lexie und Izzy gern und oft shoppende Teenager. Auf der anderen Seite die alleinerziehende, mittellose und eher chaotische Künstlerin Mia, die gemeinsam mit ihrer Tochter Pearl ein kleines Reihenhaus der Richardsons bewohnt.

Schnell kommen sich beide Parteien näher. Doch mit jedem Schritt, den sie sich aufeinander zu bewegen, werden die Gegensätze zwischen ihnen auffälliger: hier Elena Richardsons Zwang, alles kontrollieren und überwachen zu müssen - dort Mias offensichtliche Versuche, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, um das dunkle Geheimnis zu bewahren, das sie selbst vor ihrer Tochter hütet. "Später kam es Pearl so vor, als hätten die Richardsons sich zu einem Gemälde arrangiert, um ihr eine Freude zu machen, denn in diesem Zustand häuslicher Perfektion konnten sie unmöglich immer leben."

Es kommt zum Zerwürfnis zwischen den Familien, als Elena Mias Geheimnis entdeckt - und damit ungeahnte Reaktionen heraufbeschwört. Allem voran bei ihrer jüngsten Tochter Izzy, die spontan Partei für Mia ergreift. "In Izzys Brust schlug das Herz einer Radikalen, aber ihre Erfahrung war die einer Vierzehnjährigen, die in einer Vorstadt im Mittleren Westen lebte. Und das hieß: Sie sann nach Möglichkeiten, um sich zu rächen. Und sie suchte sich die beste aus."

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Celeste Ng:
Kleine Feuer überall

übersetzt von Brigitte Jakobeit

dtv; 384 Seiten; 22 Euro

Das alles erinnert von seiner Anlage her stark an John Cheevers berühmten Familienroman "Die Geschichte der Wapshots". Darin übermalte Cheever die Risse und Verwerfungen einer Familie kunstvoll mit schreiend grellen Farben. Und was an die Oberfläche drang, wurde humoristisch kostümiert. Das Ergebnis war ein verräterisches Zerrbild amerikanischen Familienlebens in den späten Sechzigern.

Doch wo Cheever auf Sarkasmus als Brandbeschleuniger setzte, da greift Izzy - die einzig wirklich Handelnde in Ngs großartigem Buch - 2017 zu gewöhnlichem Benzin, um das Lügengebäude, als das sie ihr Elternhaus bloß noch erlebt, abzufackeln. "Der Streichholzkopf kratzte über die Reibefläche, wie Fingernägel über eine Schiefertafel kratzen, es folgte ein Hauch von Schwefel, die Spitze flammte auf, und Izzy ließ das Streichholz auf das Bett ihrer Schwester fallen und rannte zur Tür hinaus." Was am Ende bleibt, sind kleine Feuer. Überall. Und von Löschwagen lange keine Spur.

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