Globalisierungsgeschichten: Bürgerkrieg in Burberry

Von Oskar Piegsa

Politik macht den Menschen, nicht der Mensch die Politik: Militärdiktatur, Migration und Globalisierung bilden den Rahmen für Chimamanda Ngozi Adichies "Heimsuchungen". Dabei erweist sie die Nigerianerin als kluge Erzählerin - und erliegt doch selbst einmal rassistischen Klischees.

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Afrikanische "Miss World 2011"-Kandidatinnen: Heller bedeutet schöner in Nigeria

Ein bewaffneter Mob stürmt den Markt der nigerianischen Stadt. Chaos bricht aus. Chika, die gerade auf dem Markt Apfelsinen gekauft hat, rennt davon, so gut das mit ihren hochhackigen Sandalen geht. Einige Straßen entfernt, rettet sie sich in einen düsteren, kleinen Laden. Eine Frau mittleren Alters hat sie dorthin gezerrt. Es ist ihr Versteck vor den Aufständischen. Hinter verschlossenen Jalousien beginnen sich die beiden zu unterhalten - einander verständlich machen können sie sich nur mit gebrochenen Sätzen. Chika ist eine igbosprachige Christin, ihr Gegenüber Muslimin, die eigentlich Hausa spricht. Als die Frau hört, dass Chika Medizin studiert, holt sie ihre Brüste hervor. "Meine Brustwarze brennt wie Pfeffer", sagt sie. Beim Stillen ihres fünften Babys habe die Warze auf einmal zu schmerzen begonnen. "Bei meiner Mutter war es auch so", sagt Chika, während sie die Frau untersucht, "ihre Brustwarzen wurden rissig, als das sechste Kind kam." Doch das ist eine Lüge.

Chikas Mutter ist wohlhabend und hat keine sechs Kinder zu versorgen, sondern fliegt gelegentlich nach London und bringt ihren Töchtern von dort Burberry-Taschen mit. Sie lässt sie studieren, Medizin und Politologie. Die beiden Frauen in dem engen Versteck haben sich noch nicht einmal richtig vorgestellt - und sind doch gleichermaßen von den den Krawallen betroffen: Draußen hauen Muslime mit Steinen und Macheten auf Christen ein, zerstören den Marktstand der Verkäuferin und ermorden Nnedi, Chikas einzige Schwester.

Konfrontationen wie diese gibt es viele in Chimamanda Ngozi Adichies Erzählband "Heimsuchungen." Adichie, eine 34 Jahre alte Schriftstellerin, wurde im Süden Nigerias geboren. Heute lebt sie auch in den Vereinigten Staaten. Den Rahmen ihrer Erzählungen bildet fast immer die Politik - der Biafrakrieg, die Militärdiktatur, Migration, Asyl, Globalisierung - und das Zentrum Individuen, die sich in mitten dieser Geschehnisse begegnen. Adichie schreibt nicht über Menschen, die Politik machen, sondern über Politik, die Menschen macht. Die Stärke der Autorin liegt darin, dass sie die Menschen von den Vorurteilen löst, die ihnen wegen ihrer Herkunft oder ihren äußeren Merkmale anhaften. Adichie wählt ihre Worte für diese Geschichten passend: klar, nüchtern, klischeefrei.

Gut gemeinte Bevormundung

Ein gutes Beispiel dafür, wie Chimamanda Ngozi Adichie mit den Bedeutungsebenen arbeitet, ist die - im englischen Original "The Thing Around Your Neck" genannte - Erzählung "Was dir die Kehle zuschnürt": Eine junge Nigerianerin kommt in die Vereinigten Staaten, arbeitet zu einem Billiglohn in einem Imbiss und lernt dort einen weißen Studenten kennen. Der ist fasziniert von ihr - und von Afrika im Ganzen, das ihm vage "exotisch" erscheint. Die beiden beginnen eine Beziehung, doch schnell wird klar, dass diese nicht glücklich enden wird. "The Thing Around Your Neck" ist eine Metapher für das bleischwere Heimweh, aber auch für die Erwartungshaltung des Studenten, die weniger mit der Geliebten zu tun hat, als mit dem, was sie für ihn repräsentiert - und erinnert zugleich an die Halsketten, mit denen weiße Sklavenhändler einst Menschen aus dem Gebiet des heutigen Nigerias in die amerikanischen Kolonien verschleppten. Der amerikanische Student meint, die nigerianische Einwandererin zu kennen und zu lieben, trotzdem zwängt er sie in ein erstickendes Klischee. In Erwartungshaltungen, die von der Geschichte und der Gesellschaft geprägt sind, in der er lebt.

Ähnlich verhält es sich mit dem britischen Afrikanistikprofessor in der Geschichte "Jumping Monkey Hill". Er kritisiert schwarze Autoren dafür, ihre Literatur sei nicht "afrikanisch" genug oder "zu westlich". Wenn er die Schriftsteller auffordert, aus dem literarischen Schatten der Kolonialherrschaft zu treten und "echt" afrikanisch zu schreiben, meint er es wohl gut - und verhält sich ähnlich bevormundend, wie einst die Kolonialherren. Rassismus ist bei Adichie nicht ausschließlich eine böswillige Haltung von Ungebildeten. Unbewusste Selbst- und Fremdbilder, die das Individuum unsichtbar machen, sind das zentrale Motiv ihrer Geschichten. Diese erdrückenden Bilder gibt es nicht nur zwischen Weißen und Schwarzen, sondern auch zwischen Christinnen und Musliminen, Männern und Frauen, Amerikanern und Nigerianern, Alten und Jungen.

Umso auffälliger ist, wenn Adichie an einer Stelle in ihrer Kurzgeschichtensammlung selbst in Klischees verfällt. In der Erzählung "Letzte Woche Montag" arbeitet ein nigerianisches Kindermädchen für einen amerikanischen Ostküsten-Liberalen. Der ist weiß, jüdisch und wohlhabend; feministisch, ökologisch und leicht esoterisch gesonnen; von Neurosen zerfressen, von Schuldkomplexen beladen und stets "politisch korrekt". Kurz: Er ist kein Mensch, sondern ein Klischee, das konservative Talkshow-Hosts oder die Autoren satirischer Blogs wie Stuffwhitepeoplelike und First-world-problems kaum besser hätten aufschreiben können. Doch auch dieser Fehltritt entfaltet eine Wirkung, die zu den übrigen Geschichten in "Heimsuchungen" passt: Wenn selbst eine so kluge und besonnene Erzählerin wie Chimamanda Ngozi Adichie manchmal in Stereotype verfällt - wie oft geschieht es dann unbemerkt dem Lesenden?

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: David van Reybroucks "Kongo" David Vanns "Die Unermesslichkeit", Bram Stokers "Dracula" und Marc Deckerts "Kometenjäger"undF.C. Delius "Als die Bücher noch geholfen haben."

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