China-Autor Christian Y. Schmidt "Falsche Fotos, falsche Fakten"

Schriftsteller Christian Y. Schmidt: Propaganda des Westens gegen China?
Yingxin Gong

Schriftsteller Christian Y. Schmidt: Propaganda des Westens gegen China?

2. Teil: "Die Situation hat sich verschärft"


SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich verschwörungstheoretisch. Sie kennen viele der China-Korrespondenten persönlich - haben Sie keinen gefragt, warum er nicht aufgeschrieben hat, welcher Wirtschaftsführer das war?

Schmidt: Nein. Wäre ich in Peking gewesen, dann hätte ich das sicher getan. Aber ich bin zur Zeit auf Lesetour in Deutschland. Mag ja sein, dass ich mit meiner Vermutung falsch liege. Dann könnte man darüber diskutieren. Aber eine wirklich kontroverse Debatte zur deutschen China-Berichterstattung findet ja in den deutschen Medien nicht statt. Obwohl doch seit letztem Jahr dazu eine schöne wissenschaftliche Studie der Heinrich-Böll-Stiftung vorliegt, an der sich eine solche Debatte entzünden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Situation in Deutschland wohl kaum mit der in China zu vergleichen: Hier wird niemand eingesperrt, wenn er sich mit den Mächtigen anlegt oder seine Meinung äußert.

Schmidt: Viele Chinesen verstehen die Menschenrechtsproblematik nicht. Die sagen, ihr betreibt doch auch nur Propaganda. Sie kontern sofort mit Menschenrechtsverletzungen im Westen. Sie verweisen auf die europäische Kolonialgeschichte. Und sie führen aktuelle Fälle wie Guantanamo an - gerade die englischsprachige chinesische Presse ist voll davon.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung in China nach der Verhaftung von Ai Weiwei?

Schmidt: Ich bin kurz vor seiner Verhaftung nach Deutschland abgereist. Aber man hat schon seit Monaten gemerkt, dass sich die Situation verschärft, dass die chinesische Regierung die Daumenschrauben anzieht. Es gab ja die Aufrufe im Internet zur sogenannten Jasmin-Revolution, nach denen sich die Leute in Großstädten an bestimmten Plätzen versammeln sollten. Und an den jeweiligen Tagen gab es dort dann ein riesiges Polizeiaufgebot. Wer als Westler da durch wollte, musste sich ausweisen. Für Journalisten wurden diese Gebiete zur No-Go-Area erklärt. So etwas habe ich während meiner Zeit in Peking vorher nicht erlebt. Journalisten haben Hausbesuche bekommen, sind einbestellt worden, gefilmt worden. Von TV-Journalisten habe ich gehört, dass Polizisten in deren Abwesenheit in ihrer Wohnung gewesen sein sollen und extra einige Sachen verrückt haben, um zu zeigen: Wir waren hier. Das ist keine angenehme Atmosphäre.

SPIEGEL ONLINE: Vorher hatten Sie immer behauptet, China sei liberaler, als man allgemein im Westen vermittelt bekommt.

Schmidt: Ja, das ist damit fürs Erste widerlegt worden. Aber jetzt haben auch einige Korrespondenten, die vorher schon alles schwarz gemalt haben, Probleme zu vermitteln, dass das jetzt alles noch viel schwärzer geworden ist. Es ist einfach nicht genug berichtet worden über das, was bis vor kurzem möglich war - und was vielleicht bald wieder möglich sein wird in China. Wenn man immer nur mit dem Schwert draufhaut, dann kann man nicht mehr mit dem Florett kämpfen. Ich glaube aber, dass die gegenwärtigen Verschärfungen kurzfristig sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schmidt: Weil sie nicht nur mit der Jasmin-Revolution, sondern auch mit dem bevorstehenden Machtwechsel 2012 zu tun haben könnten. Hu Jintao, der Staatspräsident, und Wen Jiabao, der Premier, wollen das Haus geordnet hinterlassen. Dann kommt Xi Jinping, und noch weiß niemand, welche Linie der vertreten wird. Die chinesische Führung ist nicht homogen, da gibt es unterschiedliche Fraktionen. Ich denke, dass es wieder besser wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nach Ihrer Lesereise wieder nach China fahren - ist das dann eine Heimkehr?

Schmidt: Ja, mittlerweile ist das so. Aber jetzt bin ich so lange weg aus Deutschland, dass mir vieles hier immer besser gefällt: Es ist so wahnsinnig idyllisch. Unglaublich grün. Unmengen an Wasser. Und so unheimlich leer. Berlin finde ich mittlerweile erschreckend dörflich. Fast schon öde. Dabei stamme ich ursprünglich aus Bielefeld.

Der Schriftsteller Christian Y. Schmidt war Redakteur des Satire-Magazins "Titanic" und lebt seit 2005 mit seiner chinesischen Frau in Peking. Zurzeit befindet er sich auf Lesereise in Deutschland.

Das Interview führte Stefan Kuzmany



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
snickerman 18.05.2011
1. Blablabla...
Der Journalist und Schriftsteller hat wesentlich differenzierter berichtet als Sie und all die "Roten Krähen", die die offizielle chinesische Parteilinie hier verbreiten. Man wirft halt gerne anderen das vor, was man selber betreibt, er sprach ja selbst davon, dass die meisten Chinesen überzeugt davon sind, hier würde es genauso laufen wie in den chinesischen Medien. Insgesamt war der Artikel sehr informativ und keineswegs eine Art Retourkutsche, wie es die Überschrift zunächst vermuten ließ. Dass Christian Schmidt Land und Leute liebt und deshalb auf eine Fortsetzung der unterbrochenen Liberalisierung hofft, kann man ihm nicht verübeln. Ich wünsche das auch. Leider zeigt die offizielle Politik im Augenblick da keine Spur von.
berliner54 18.05.2011
2. Frage
Ich kann den Artikel nicht diskutieren, weil ich viel zu wenig über die aktuelle Situation in China weiß. Mich würde aber interessieren, in wie weit Herr Schmidt auch Erfahrungen in der sogenannten Provinz gemacht hat (und nicht nur in Peking). Vielleicht kennt einer der Foristen eines der Bücher von Herrn Schmidt?
comuller 18.05.2011
3. Danke, Herr Schmidt
Auch ich lebe seit einigen Jahren in China und ich kann das Land in den meisten Berichten der deutschen Presse nicht wiedererkennen. Und ich habe durchaus auch in der Provinz gelebt, nicht nur in den grossen Staedten. Herr Schmidt hat zu Recht erwaehnt, dass die Berichterstattung innerhalb Chinas weitaus vielfaeltiger ist, als das gemeinhin dargestellt wird. Bleibt zu hoffen, dass die Untersuchung der Heinrich Boell Stiftung zur China-Berichterstattung nicht ganz umsonst war und der eine oder andere Journalist sich das von Zeit zu Zeit durchliest.
Europa! 18.05.2011
4. Fortsetzung der Liberalisierung
Zitat von snickermanDer Journalist und Schriftsteller hat wesentlich differenzierter berichtet als Sie und all die "Roten Krähen", die die offizielle chinesische Parteilinie hier verbreiten. Man wirft halt gerne anderen das vor, was man selber betreibt, er sprach ja selbst davon, dass die meisten Chinesen überzeugt davon sind, hier würde es genauso laufen wie in den chinesischen Medien. Insgesamt war der Artikel sehr informativ und keineswegs eine Art Retourkutsche, wie es die Überschrift zunächst vermuten ließ. Dass Christian Schmidt Land und Leute liebt und deshalb auf eine Fortsetzung der unterbrochenen Liberalisierung hofft, kann man ihm nicht verübeln. Ich wünsche das auch. Leider zeigt die offizielle Politik im Augenblick da keine Spur von.
Was im Westen nicht begriffen wird, ist der Umstand, dass nicht die albernen Vergleiche zwischen Tunesien und China oder irgendwelcher "Jasmin"-Quark im Internet die derzeitige Veränderung der Atmosphäre in China bewirkt, sondern der bevorstehende Wechsel an der Spitze der chin. Regierung. Präsident Hu und besonders Premierminister Wen sind sehr populäre und geschätzte Politiker, die China einen großen Modernisierungsschub gebracht haben.
Illya_Kuryakin 18.05.2011
5. Bliefe von dlueben
Zitat von berliner54Ich kann den Artikel nicht diskutieren, weil ich viel zu wenig über die aktuelle Situation in China weiß. Mich würde aber interessieren, in wie weit Herr Schmidt auch Erfahrungen in der sogenannten Provinz gemacht hat (und nicht nur in Peking). Vielleicht kennt einer der Foristen eines der Bücher von Herrn Schmidt?
Ich habe das Buch gelesen und mich köstlich amüsiert. Ich bin beruflich öfter in China (auch mal für länger) und hatte viele beschriebene Situationen gleich wiedererkannt. Eigentlich wollte ich das Buch wegen des blöden Titels ("L" statt "R") nicht kaufen, aber aufgrund einiger Empfehlungen doch gekauft. (Für den blöden Titel entschuldigt er sich auch gleich auf der ersten Seite... "sonst kauft's keiner!") Was interessant ist: Herr Schmidt hat vor seinem Umzug nach Beijing zwei Jahre in Singapur gelebt. Darüber handelt das erste Kapitel. Was er über die "Demokratie" Singapur zu berichten hat, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Seltsamerweise hört, sieht und liest man darüber hierzulande nichts in den Medien! Was das zensierte Internet betrifft: Auch darüber spottet er. Er spottet eigentlich über die deutschen Journalisten-Kollegen. Das ist nämlich keine Zensur, sondern ein Intelligenztest. Schaffe ich es via Google binnen einer Minute ein Hilfmittel zu finden, oder bin ich zu blöd dazu? Kleiner Tipp an alle Deutschen in China: Bei Chip.de kann man das Tool "Hotspotshield" herunterladen. Dauert 5 Minuten und dann heisst es füer User von Facebook, Twitter und sonstigen Zeitverschwendern: Freie Bahn mit Marzipan. (Nur Youtube kann man vergessen. Funktioniert zwar prinzipiell, aber man braucht schon vieeeeeeel Geduld.)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.