SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich verschwörungstheoretisch. Sie kennen viele der China-Korrespondenten persönlich - haben Sie keinen gefragt, warum er nicht aufgeschrieben hat, welcher Wirtschaftsführer das war?
Schmidt: Nein. Wäre ich in Peking gewesen, dann hätte ich das sicher getan. Aber ich bin zur Zeit auf Lesetour in Deutschland. Mag ja sein, dass ich mit meiner Vermutung falsch liege. Dann könnte man darüber diskutieren. Aber eine wirklich kontroverse Debatte zur deutschen China-Berichterstattung findet ja in den deutschen Medien nicht statt. Obwohl doch seit letztem Jahr dazu eine schöne wissenschaftliche Studie der Heinrich-Böll-Stiftung vorliegt, an der sich eine solche Debatte entzünden könnte.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Situation in Deutschland wohl kaum mit der in China zu vergleichen: Hier wird niemand eingesperrt, wenn er sich mit den Mächtigen anlegt oder seine Meinung äußert.
Schmidt: Viele Chinesen verstehen die Menschenrechtsproblematik nicht. Die sagen, ihr betreibt doch auch nur Propaganda. Sie kontern sofort mit Menschenrechtsverletzungen im Westen. Sie verweisen auf die europäische Kolonialgeschichte. Und sie führen aktuelle Fälle wie Guantanamo an - gerade die englischsprachige chinesische Presse ist voll davon.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung in China nach der Verhaftung von Ai Weiwei?
Schmidt: Ich bin kurz vor seiner Verhaftung nach Deutschland abgereist. Aber man hat schon seit Monaten gemerkt, dass sich die Situation verschärft, dass die chinesische Regierung die Daumenschrauben anzieht. Es gab ja die Aufrufe im Internet zur sogenannten Jasmin-Revolution, nach denen sich die Leute in Großstädten an bestimmten Plätzen versammeln sollten. Und an den jeweiligen Tagen gab es dort dann ein riesiges Polizeiaufgebot. Wer als Westler da durch wollte, musste sich ausweisen. Für Journalisten wurden diese Gebiete zur No-Go-Area erklärt. So etwas habe ich während meiner Zeit in Peking vorher nicht erlebt. Journalisten haben Hausbesuche bekommen, sind einbestellt worden, gefilmt worden. Von TV-Journalisten habe ich gehört, dass Polizisten in deren Abwesenheit in ihrer Wohnung gewesen sein sollen und extra einige Sachen verrückt haben, um zu zeigen: Wir waren hier. Das ist keine angenehme Atmosphäre.
SPIEGEL ONLINE: Vorher hatten Sie immer behauptet, China sei liberaler, als man allgemein im Westen vermittelt bekommt.
Schmidt: Ja, das ist damit fürs Erste widerlegt worden. Aber jetzt haben auch einige Korrespondenten, die vorher schon alles schwarz gemalt haben, Probleme zu vermitteln, dass das jetzt alles noch viel schwärzer geworden ist. Es ist einfach nicht genug berichtet worden über das, was bis vor kurzem möglich war - und was vielleicht bald wieder möglich sein wird in China. Wenn man immer nur mit dem Schwert draufhaut, dann kann man nicht mehr mit dem Florett kämpfen. Ich glaube aber, dass die gegenwärtigen Verschärfungen kurzfristig sind.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Schmidt: Weil sie nicht nur mit der Jasmin-Revolution, sondern auch mit dem bevorstehenden Machtwechsel 2012 zu tun haben könnten. Hu Jintao, der Staatspräsident, und Wen Jiabao, der Premier, wollen das Haus geordnet hinterlassen. Dann kommt Xi Jinping, und noch weiß niemand, welche Linie der vertreten wird. Die chinesische Führung ist nicht homogen, da gibt es unterschiedliche Fraktionen. Ich denke, dass es wieder besser wird.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nach Ihrer Lesereise wieder nach China fahren - ist das dann eine Heimkehr?
Schmidt: Ja, mittlerweile ist das so. Aber jetzt bin ich so lange weg aus Deutschland, dass mir vieles hier immer besser gefällt: Es ist so wahnsinnig idyllisch. Unglaublich grün. Unmengen an Wasser. Und so unheimlich leer. Berlin finde ich mittlerweile erschreckend dörflich. Fast schon öde. Dabei stamme ich ursprünglich aus Bielefeld.
Der Schriftsteller Christian Y. Schmidt war Redakteur des Satire-Magazins "Titanic" und lebt seit 2005 mit seiner chinesischen Frau in Peking. Zurzeit befindet er sich auf Lesereise in Deutschland.
Das Interview führte Stefan Kuzmany
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema Volksrepublik China | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH