Junge Generation in China "Immer nur arbeiten, keine Freizeit. Keine Lust mehr"

Selbstbestimmtes Leben statt Karriere: In "Chinakinder" erzählen junge Chinesen, wie sie sich gegen Widerstände durchgesetzt haben - darunter Punks, Homosexuelle und eine Aktivistin gegen Heiratszwänge.

Sonja Maass

Von Sonja Maaß


Song hat seinen Job in einer Firma für Klimaanlagen nach zwei Jahren hingeschmissen. "Keine Lust mehr", sagt der 26-Jährige. Er radelte nach Tibet, auf der Suche nach Abenteuern und nach sich selbst. Vor zehn Jahren war so etwas für viele undenkbar. Heute findet man häufig junge Chinesen, die vorgegebene Bahnen verlassen. Viele suchen selbst nach Antworten, jenseits von Schulbüchern und Parteipropaganda.

Sie gehören zu einer Generation, die mehr Wohlstand und Bildung genossen hat als irgendeine vor ihnen, und die - trotz Zensur - durch das Internet und Reisen gelernt hat, alte Vorstellungen infrage zu stellen.

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Offener politischer Protest steht dabei selten im Vordergrund - der scheint gegen einen allgegenwärtigen Staatsapparat ohnehin zwecklos. Ihr Engagement drückt sich anders aus. Internetportale sind voll von Crowdfunding-Projekten, in denen es oft etwa um Gleichberechtigung von Frauen, Toleranz gegenüber Homosexuellen, Engagement für arme Wanderarbeiterkinder oder Öko-Projekte geht. Chinas Regierung scheint aufgeschreckt. Sie verschärft die Kontrollen in den sozialen Netzwerken und versucht, die Parteilinie auch in Fernsehserien unterzubringen. Die Propaganda alten Stils scheint viele junge Chinesen nicht mehr zu erreichen.

Der Aussteiger

Song reist mit seiner Partnerin Xiaoxiao durch den Südwesten Chinas und verkauft selbst gemachten Schmuck. Viele junge Städter versuchen, in Orten wie Dali in der Provinz Yunnan alternative Lebensformen auszuprobieren.

Aussteigerpärchen Song und Xiaoxiao
Sonja Maass

Aussteigerpärchen Song und Xiaoxiao

Uns gefällt es hier einfach. Schöne Landschaft, nette Leute, gute Luft. Die Atmosphäre ist sehr liberal und tolerant. Jeder wird so akzeptiert, wie er ist. Du kaufst dir mit ein paar Leuten Bier, baust deinen Stand auf und sitzt einfach gemütlich herum. Was du verkaufen kannst, verkaufst du. Den Rest schmeißt du weg.

Ich habe direkt nach der Uni angefangen zu arbeiten. Nach zwei Jahren habe ich gekündigt, weil ich keine Lust mehr hatte. Immer nur arbeiten, keine Freizeit. Ich bin dann mit ein paar Leuten mit dem Fahrrad von Chengdu nach Lhasa gefahren. Dabei habe ich mich ins Reisen verliebt.

Wir sind anders als frühere Generationen, zum Beispiel als die in den Achtzigern Geborenen. Vor zehn Jahren haben sich junge Leute erst mal einen Job gesucht und eine Familie gegründet. Erst danach fingen einige vielleicht an, sich zu amüsieren. Wir haben erst mal Spaß. Was danach kommt, überlegen wir uns später.


Die Ökobäuerin

Xiaoli ist in den Südwesten Chinas gezogen und hat ein Ökofarm-Projekt gestartet, das von vielen Freiwilligen unterstützt wird.

Ökofarmbetreiberin Xiaoli
Sonja Maass

Ökofarmbetreiberin Xiaoli

Ich habe keine Ahnung von Landwirtschaft, aber ich probiere es aus und lerne, auch aus Videos im Internet und Büchern. Am wichtigsten ist das, was mir Freunde beibringen, die Leute, die herkommen, um zu helfen.

Als ich angefangen habe, meinten die einheimischen Bauern: "Du schaffst es nicht, hier etwas anzubauen, du wirst kein Geld verdienen." Einmal habe ich Unkraut gesammelt, weil ich es kompostieren wollte. Das haben sie nicht verstanden und es - puff! - einfach angezündet. Dann haben wir uns gestritten. Aber im Grunde sind es gute Menschen. Ich habe ihnen nach und nach erklärt, was ich mache, und sie akzeptieren das zunehmend.

Ich habe Schmuck- und Modedesign studiert, das hat mit Landwirtschaft überhaupt nichts zu tun. Aber ich mag die Erde, den Boden. Das sind alles sehr reale Sachen. Ich bin betrübt über den Zustand der Landwirtschaft in China. Auch über die Regierung. Sie unterstützt so etwas nicht, ihr geht es nur um große Prestigeprojekte. Aber ich glaube, es ist eine Frage der Zeit.

Es gibt viele junge Menschen, die so etwas machen wie ich hier. Deswegen kann uns der Staat egal sein. Über elementare Dinge wie Nahrung und Kleidung müssen sich die Menschen in China keine Gedanken mehr machen. Jetzt fangen sie an, sich mit Fragen gesunder Ernährung zu beschäftigen. Früher dachten alle nur, "ich will Fleisch essen, ich will Austern essen", jetzt sagen viele Chinesen: "Ich will gesund essen."


Der Punk

Qian Han betreibt in Peking ein kleines Tattoo-Studio und singt in der Punkband Shochu-Legion.

Punksänger Qian Han
Sonja Maass

Punksänger Qian Han

Mein erster Auftritt mit der Band war in einer Kneipe in Peking. Ich war noch ziemlich jung, nicht mal 20. Ich stand auf der Bühne und dachte: "Krass, ich bin ja richtig geil! Ich bin der Größte. Krasse Scheiße!" Als meine Mutter zum ersten Mal unsere Musik gehört hat, war sie total entsetzt. Sie meinte: "Okay, ich verstehe, ab jetzt muss ich Geld für dich zurücklegen. Damit ich die Kaution zahlen kann, wenn die Polizei dich festnimmt."

Wir hatten schon öfter Probleme mit der Polizei. Einmal wurde ich festgenommen, als wir in einem Laden in Peking auftreten wollten. Ich musste ihnen unsere Lieder vorspielen. Als ob wir Terroristen wären! Bin Laden oder so, echt ein Witz.

In China kommt der nach oben, der gute Beziehungen hat. Es gibt keinen Kommunismus. Im Moment sind die Reichen extrem reich, die Armen extrem arm. Am besten sollten alle ähnlich viel haben. Viele Beamte in China sind korrupt. Und es ist nicht so, dass sie ein bisschen Geld einstreichen und dann zufrieden sind. Es sind dann immer gleich mehrere Milliarden Yuan. Das ist doch krank! So viel Geld! Haben die noch irgendeinen Anstand? Scheiße!

Viele Leute denken, solange mein eigenes Leben okay ist, solange ich selbst keine Probleme habe, ist mir das egal. Aber ich finde, das sind Dinge, die jeden angehen.


Der Wanderarbeiter

Ran Qiaofeng ist Wanderarbeiter und betreibt eine Plattform für Arbeiterlyrik.

Arbeiterdichter Qiaofeng
Sonja Maass

Arbeiterdichter Qiaofeng

Mit 17 bin ich von zu Hause weggegangen, um in der Fabrik zu arbeiten. Zuerst habe ich mir über nichts Gedanken gemacht. Nach der Arbeit war ich oft Karaoke singen oder tanzen. Wenn ich Leuten mit einer verrückten Frisur begegnet bin, habe ich das nachgemacht. Ich hatte keinen Stress. Ich habe nur gesehen, dass die Welt da draußen ziemlich lustig war. Wie ein Feuerwerk, wundervoll.

Jetzt ist das nicht mehr so. Ich habe in vielen Fabriken gearbeitet, auch bei Foxconn am Fließband, wo iPhones hergestellt werden. Da habe ich es nur drei Monate ausgehalten. Die Arbeit ist nicht kompliziert, aber man macht den ganzen Tag das Gleiche; oben, unten, rechts, links - oben, unten, rechts, links - immer weiter. Hinter dir laufen Aufpasser hin und her und achten darauf, dass nicht gesprochen wird. Wir mussten Overalls tragen, nur mit einer Zahlen-Buchstaben-Kombination darauf, kein Name. Ich hatte das Gefühl, nur von Nummern umgeben zu sein, nicht von Menschen. Das Schlimmste aber war die Langeweile.

Wir Dichter, wir denken dann manchmal im Stillen, wie könnte man den Anfang von diesem oder jenem Gedicht schreiben? Manchmal habe ich im Geist auch ein Lied gesummt oder gesungen.

Eines meiner ersten richtigen Gedichte habe ich über Arbeiterinnen geschrieben, die am Fließband ununterbrochen Teile in Platinen stecken. Es beschreibt die erste Generation dieser Frauen, wie ihre Jugend dahingeht und sie schließlich ersetzt werden. Am Ende bleibt von ihnen nur eine Reihe Hocker und Tische. Das Gedicht habe ich einmal bei einem Kulturfest für Arbeiter vorgetragen. Einige der Frauen waren so gerührt, dass sie geweint haben. Mich hat es sehr bewegt zu sehen, dass meine Gedichte andere Leute erreichen.

Neben dem Schreiben betreue ich noch die Plattform für Arbeiterlyrik, die ich gegründet habe. Es ist eine Graswurzel-Plattform für Amateure, für Leute der Unterschicht. Egal, wie etwas geschrieben ist, solange es wahrhaftig ist und aus deinem Herzen kommt, werde ich es redigieren und einstellen. Das finden die Leute gut so.

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mariomeyer 18.10.2017
1. Fragen
Ist die Sonja Maaß, die diesen Artikel geschrieben hat, die Sonja Maass, deren Name auf der Titelseite des besprochen Buches zu finden ist? Was ist die Absicht dieses Buches mit Porträts junger Menschen? Was soll man als Leser nach der Lektüre mitnehmen? Warum diese Einengung auf eine einzige (und junge) Generation?
wanniii 18.10.2017
2. Regierung - Volk
Auch in China wird sich die Regierung über kurz oder lang auf diese 'alternative Lebensformen' einstellen müssen. Die beschriebenen Chinakinder werden sich mit kommunistischen Attributen wie Staatsmacht und die damit verbundenen willkürlichen Kontrollen & Zensuren nicht mehr anfreunden können. Ich bezweifle, daß der Staatsapparat von überalteten, machtgierigen und durch Beziehungen an die Drücker gekommenen Abgeordneten darauf Antworten können! Nicht jeder Chinese möchte mehr für umsonst arbeiten, sich dem unmenschlichen Druck von Chefs aussetzen und wie kalte Maschinen funktionieren! Ich kann nicht beurteilen, wie weit und vor allem wie lange sich eine Regierung mit Plänen für ein Weltreich von diesem eigenen Volk entfernen kann. Weiterhin steht es außer Frage, daß alle internationalen Pläne der Kommunisten auch finanziert werden müssen, egal ob Bahnen in Afrika oder Häfen in Europa. Sollten die heimischen Finanziers, sprich Unternehmen, wegbrechen, weil wie das Beispiel Vietnam zeigt, auch anders noch billiger (!) produziert bzw. ausgebeutet werden kann, ist es mit den hochfliegenden Plänen schnell vorbei...
blauerapfel 18.10.2017
3. Warum nicht?
Es ist völlig normal, daß sich ab einem bestimmten Stadium der Wirtschaftsentwicklung verschiedene Lebensstile entwickeln. China ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, jeder kann die Umgebung finden, den Lebenstil führen, der ihm/ihr passt. Das ist das faszinierende an diesem Land.
ruhepuls 18.10.2017
4. Kommunismus besser?
Als China noch kommunistisch (richtig kommunistisch...) war, waren alle arm - und manchmal verhungerten Menschen in abgelegenen Gegenden. Jetzt gibt es große Unterschiede, aber anscheinend geht es allen besser. Immerhin so gut, dass sie jetzt andere Sorgen haben, als genug zu essen und ein Dach über dem Kopf...
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