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Erotikthriller "Die Verlobung": Rollenspiel am Rande der Zivilisation

Von

Aussie-Erotik von Chloe Hooper: Gefährliche Maskerade Fotos
Corbis

Das australische Outback als Ort der sexuellen Selbstfindung: In "Die Verlobung" von Chloe Hooper nähert sich ein Pärchen über Maskeraden dem eigenen Begehren. Ein klug konstruierter, niemals billig lüsterner Romanthriller.

Der Hinterwäldler: ein gefährlicher, ein monströser Typus Mensch. Von Instinkten und Trieben geleitet, von Moralvorstellung und Rechtsbewusstsein unbelastet. So kennt man ihn aus etlichen Horrorfilmen, in denen sich Städter und vor allem Städterinnen auf Abenteuerurlauben und nach Reifenpannen eingesperrt in Schlupfwinkeln der Landbevölkerung wiederfinden. Draußen schmatzen die Kühe, in den Kellern schimmeln die Leichen.

Ganz so schlimm scheint es beim australischen Schaf- und Rinderzüchter Alexander nicht zuzugehen. Immerhin residiert er in einem viktorianischen Herrenhaus, das vor langer Zeit von seinen Urahnen errichtet wurde. Das Anwesen, ein paar Autostunden von Melbourne entfernt, trotzt noch immer stattlich den wuchernden Wäldern; die Zimmer sind vollgestellt mit alten britisch-australischen Insignien des Wohlstands. Und doch verströmt das Haus, in dem Alexander als Letzter seiner Familie alleine lebt, Morbidität. In einem abgeschlossenen Raum hängen Kleider auf der Stange, die unterschiedlichen Frauen zu gehören scheinen. Wo sind sie alle hin, diese Frauen?

Eine Frage, die bald die Ich-Erzählerin Liese in dem Erotikthriller "Die Verlobung" bewegt. Die Fantasie der jungen Frau, die sich in Alexanders Herrenhausmuseum wiederfindet, schlägt Purzelbäume. Wobei: Lieses Fantasie scheint sowieso sehr beweglich. In Melbourne hatte die glücklose Britin, die sich als Maklerin im Immobilienbüro ihres Onkels verdingt, mit Alexander ein sonderbares Spiel begonnen. Sie zeigte dem reichen Farmer unterschiedliche Apartments und schlief in den unterschiedlichen möglichen Anlageobjekten mit ihm. Gegen Geld. Der Grund für die Prostitution bleibt im Vagen - ist es finanzielle Not, verqueres Verlangen, riskante Abenteuerlust? Oder von allem ein bisschen?

Fetisch-Thriller aus dem Outback

Die Schriftstellerin Chloe Hooper hält ihren Roman gekonnt im Schwebezustand. Einzelne Szenen sind sehr konkret aus der Ich-Perspektive erzählt, aber die großen Zusammenhänge um die junge Protagonistin bleiben über weite Strecken unkonkret. Die Sprache ist kraftvoll und in ihren Bildern suggestiv, aber niemals lüstern. Das weit verbreitete männliche Wunschbild der Hure, die aus Leidenschaft willfährig ihren Körper andient, wird in keinem Moment bedient.

Was schon an der Erzählkonstruktion liegt: Es bleibt offen, wer hier eigentlich wen zum Lustobjekt macht. Bei ihren Treffen erzählt Liese Alexander Geschichten von ausgedachten Freiern und was sie alles mit diesen an Sexpraktiken angestellt hat, auf dass der so Stimulierte einfordert, den angeblichen Liebesdienst an ihm zu wiederholen.

Der reiche Bauer ist jedenfalls der armen Städterin verfallen, er holt sie für ein Wochenende in seine heimatliche Einöde und macht ihr - naiv oder von gefährlichen Besitzansprüchen getrieben? - einen Heiratsantrag. Später erhält Alexander anonyme Briefe, in denen er vor der unersättlichen, zerstörerischen Lust von Liese gewarnt wird. Aber wer schreibt diese obszönen Denunziationen? Vielleicht Liese oder Alexander selbst? In wessen Wahnvorstellungen sind wir gelandet?

"Die Verlobung" erscheint in der wundervoll editierten, in Brauntönen schimmernden Krimi-Reihe beim Verlag Liebeskind, wo sonst vor allem Americana-Noir-Romane herausgebracht werden. Daniel Woodrells poetisches Hillbilly-Lamento "Der Tod von Sweet Mister" aus der Einöde Missouris etwa oder Pete Dexters schwül-hintersinniger Coming-of-Age-Thriller "The Paperboy" aus den Sümpfen Floridas. Hier wird in kargen Worten und mit kreatürlicher Wucht über Trieb und Ökonomie an den Rändern der zivilisierten Gesellschaft geschrieben. Obwohl in einem anderen Kontinent angesiedelt, passt Chloe Hoopers Fetisch-Thriller aus dem australischen Outback bestens in diese Reihe rein.

Vor nüchtern beschriebener, aber machtvoll wirkender Naturkulisse erzählt die Australierin davon, wie zwei verlorene Seelen in riskanten Rollenspielen den eigenen Wahrheiten näherkommen. Und sogar der Hinterwäldler verliert zwischenzeitlich seine unheilvolle Aura.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Schon wieder so'n Erotikthriller...
torlinnovak 06.08.2014
aus Hollywood wo alle Darsteller und Darstellerinnen BHs und Unterwäsche im Bett nicht ausziehen und man höchstens nackte Schultern zu sehen bekommt.
2.
war:head 06.08.2014
Zitat von torlinnovakaus Hollywood wo alle Darsteller und Darstellerinnen BHs und Unterwäsche im Bett nicht ausziehen und man höchstens nackte Schultern zu sehen bekommt.
Nur mal so am Rande - das ist ein Buch, kein Film. Und aus Amerikaland kommt es auch nicht...
3. tja
rwj 06.08.2014
...wie so häufig hier in den Foren... lesen können bringt echte Vorteile
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