Comic-Genie Chris Ware In der Festung der Einsamkeit

Seine Bilder guckt man nicht bloß an, man liest sie: Der US-Comic-Autor Chris Ware hat mit dem Familienepos "Jimmy Corrigan" bewiesen, dass man auch die großen Geschichten grafisch erzählen kann. Nun liegt das Meisterwerk auf Deutsch vor. Wer ist der Mann, der all die traurigen Männer zeichnet?

Von

Reprodukt

"Öchö". Dieses Geräusch macht Jimmy Corrigan, wenn er verlegen ist, ein hilfloses Hüsteln, das die Stille füllen soll. Zwar wird Jimmy im Untertitel seiner Geschichte großspurig "Der klügste Junge der Welt" genannt, doch genau das ist er nicht. Sondern ein blasser Büroangestellter, der schon als Kind schütteres Haar hatte und mit stiller Larmoyanz durchs Leben trant. Die einzige Frau, die in seinem Leben eine Rolle spielt, ist seine Mutter. Sie ruft ihn täglich an.

Erfunden hat diesen Tropf der amerikanische Comic-Zeichner Chris Ware. "Jimmy Corrigan" ist seine erste Graphic Novel, sie erschien 1999. Nach 13 Jahren voller Verzögerungen und intensiver Übersetzungsarbeit des Berliner Reprodukt-Verlags ist dieser Meilenstein der Comic-Geschichte nun endlich auf Deutsch erschienen, und er hat nichts von seiner literarischen Kraft verloren. Staunend lässt man sich in die grafisch hochkomplexe Erzählung hineinziehen, sucht auf 384 eng bedruckten Seiten nach der richtigen Reihenfolge der Bilder, die in Form und Größe variieren und dadurch einen besonderen Leserhythmus vorgeben.

"Comics sind eine visuelle Sprache. Die einzige westliche Kunstform, in der Bilder nicht nur angesehen, sondern gelesen werden sollen", sagt Chris Ware im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Wares Bilder sind manchmal nur fingernagelgroß. Er gruppiert sie zu Vierer- oder Sechserblöcken, die wie Einzelbilder eines Films wirken. Sie bilden den Verlauf einer Gefühlsregung oder eines Gedankengangs ab. Andere Panels füllen die ganze Seite, lassen Gebäuden oder Kleinstadt-Straßen Raum, um Erhabenheit oder Tristesse zu entfalten. Die akribisch handgeletterte Schrift ist oft so winzig, dass man die Augen zusammenkneifen muss, um sie lesen zu können. Ebenso oft kommen die Bilder ganz ohne Text aus - und transportieren dennoch vielschichtigste Gefühle.

Das Gefühl, am Leben zu sein

Wie kaum ein anderer Comic-Künstler seiner Generation beherrscht Ware die Kunst, Zeichnungen auf bloße Symbole und Zeichen zu reduzieren. "Als Erwachsene gehen wir durch die Welt, ohne wirklich hinzusehen: Wir haben die Fähigkeit, um Objekte herumzudenken. Sehen wir eine Mikrowelle von vorne, wissen wir, wie sie von hinten aussieht: Löcher zum an die Wand bohren, ein Kabel. Diese zutiefst menschliche Eigenschaft kann man sich als Comiczeichner zunutze machen: Ich kann extrem vereinfachen, aber den Leser auch dazu bringen, Dinge so zu betrachten, als sähe er sie zum ersten Mal."

Chris Ware, 1967 in Omaha, Nebraska geboren, wirkt zunächst schüchtern und unsicher, entpuppt sich jedoch im Gespräch als überraschend humorvoller Mann, der jeden Wirbel um seine Person mit selbstironischen Pointen durchbricht. Mit seinem kurzrasierten Haarkranz hat er gewisse Ähnlichkeit mit seinem Antiheld Jimmy, und tatsächlich sind Teile des Comics autobiografisch geprägt. Die Neunziger waren ein dunkles Jahrzehnt für den von Kindheitstraumata und Depressionen verfolgten Zeichner. "Mein ultimatives Ziel ist es, etwas zu erschaffen, das ein tiefgreifendes Gefühl davon vermittelt, was es bedeutet, am Leben zu sein". Ein Gefühl, das Ware selbst, inzwischen glücklicher Familienvater, lange unterdrückt hat.

So ist "Jimmy Corrigan", abseits seiner revolutionären Gestaltung, eine sehr traurige Geschichte. Sie beginnt, als der kleine Jimmy von einem der Liebhaber seiner Mutter eine Superman-Figur geschenkt bekommt, Männlichkeitssymbol und Verheißung des Amerikanischen Traums. Doch Jimmy wird kein Superheld, er bleibt ein Gesicht in der Menge. Als Erwachsener erhält er plötzlich Nachricht von seinem früh verschollenen Vater - man solle sich mal kennenlernen. Jimmy hadert, er hat Phantasien, in denen der schmerzlich vermisste, aber wegen seiner Abwesenheit auch verhasste Vater blutig zu Tode kommt. Dann unternimmt er eine Reise, die ihn auf unerwartete Weise in die Vergangenheit seiner Familie führt.

Einsame Amerikaner

Parallel wird die Geschichte von Jimmys Großvater erzählt, der Ende des 19. Jahrhunderts im Schatten der großen, weißen Bauten der Weltausstellung in Chicago unter der Knute seines wortkargen, gestrengen Vaters aufwächst. "Jimmy Corrigan" ist eine great american novel im Comic-Format, die von der Entfremdung und Einsamkeit amerikanischer Männer über drei Generationen hinweg berichtet.

"Wir Amerikaner werden in dem Glauben erzogen, alles tun zu können, was wir wollen. Was natürlich eine Lüge ist", sagt Ware lakonisch. "Aber aus irgendeinem Grund führt diese Lüge dazu, dass bestimmte Leute letztlich doch erreichen, was sie sich erträumt haben, also liegt ihr eine gewisse Wahrheit zugrunde. Manchmal glaube ich, das ist alles, was uns Amerikaner ausmacht: diese eigenartige Lüge, die wir uns immer und immer wieder erzählen."

Ware, Anfang der Neunziger von Pulitzer-Preisträger Art Spiegelman ("Maus") entdeckt, brauchte sieben Jahre, um "Jimmy Corrigan" zu zeichnen und über jeden Farbton so lange zu brüten, bis er ihm perfekt erschien. Ein Satz, den Ware oft sagt, ist, dass jeder Comic-Zeichner zwangsläufig verrückt werden muss. "Du sitzt jeden Tag stundenlang an einem Tisch und starrst in ein Loch, das du ständig veränderst und neu erschaffst. Das kann nicht gesund sein", sagt er. Und sein zaghaftes Grinsen lässt offen, ob das ein Scherz war.

Gemeinsam mit Cartoonisten wie Daniel Clowes und Charles Burns gilt Ware längst selbst als großer Erneuerer des Genres. Einem Bestseller wie Jonathan Franzens "Korrekturen", das ebenfalls 1999 erschien, steht "Jimmy Corrigan" in nichts nach. Nur dass Wares Medium andere Möglichkeiten des Erzählens eröffnet - die Ware inzwischen erneut ausgelotet hat.

Ende 2012 erschien "Building Stories", eine Erzählung über eine Frau, die Menschen in ihrem Umfeld und ihr Haus in Chicago, die sich über 14 Bücher und ein Menschenleben erstreckt: vom Zeitungsformat über Hardcover-Bände bis hin zu klassischen Strips, ausgeliefert in einem großformatigen Pappkarton. Das titanische Zeit-Panorama, für dessen Vollendung Ware elf Jahre brauchte, ist auch ein Statement gegen die Übertragung von Literatur ins Digitale. "Wenn etwas ohnehin so flüchtig ist, kann es nicht auch noch in einem flüchtigen Medium dargeboten werden. Man braucht etwas Solides wie ein Buch, um es darin aufzubewahren", sagt er. Ohne Hüsteln.


Chris Ware: "Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt": Reprodukt Berlin, 384 Seiten, 39 Euro

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ehf 20.03.2013
1. the most famous comic genius...
... you never heard of? Naja, diese paar Proben erinnern eher an nerdige xkcd-Strips. Beim Thema Comicgeniusse halte ich mich lieber weiter an MAD, Crumb oder Tim und Struppi.
velophil 20.03.2013
2. Bild 4
Mein erster Gedanke bei Bild 4: Little Nemo, Winsor McCay. Macht Appetit. Bin interessiert!
blogvormkopf 20.03.2013
3. Die Mutter ruft Jimmy nicht jeden Tag an ...
... Jimmy ruft seine Mutter an. Steht im ersten Bild der Bildergalerie, auf dem Merkzettel. Kleiner aber feiner Unterschied.
artusdanielhoerfeld 20.03.2013
4. Ich bin echt verärgert...
...dass die kreativen und innovativen Desingideen mit einem derart belanglosen Müll gefüllt werden! Verdammt, es wäre doch möglich, dass Gestaltung und Inhalt einen Tanz zugunsten einer kombinierten Botschaft aufführen, damit am Ende ein größeres Ergebnis als nur die Summe der Teile herauskommt. Chris Ware sollte sich mit einem Storyschreiber zusammentun, der mehr drauf hat, als nur den Erzählertext in den Sprechblasen zu wiederholen. So ist es nur vergeudetes zeichnerisches Handwerk. Zum Heulen!
mummiscii 20.03.2013
5. Macht
keinen Appetit, ich bleibe bei den englischen Marvels. Comics brauchen meiner Meinung auch tolle Zeichnungen wie in den neuen Thor Ausgaben oder Ultimate Fantastic Four. Es gibt so viele tolle Zeichner-Künstler mit sovielen Möglichkeiten. Daher bin ich von dem öden Papier hier in der Fotostrecke nicht angetan. Das erscheint mir wie Schreiben mit einem Hundertstel der Buchstaben, die einem zur Verfügung stünden. Nur meine Meinung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.