Christian Kracht Gameboy in der Strohhütte

In "Der gelbe Bleistift" legt Christian Kracht seine Reisekolumnen aus Asien vor. Aus beiläufigen Beobachtungen strickt er selbstverliebte und dabei sehr unterhaltsame Reportagen.

Von Henrike Thomsen


"Der gelbe Bleistift"
Kiepenheuer & Witsch

"Der gelbe Bleistift"

Auf dem Rückumschlag des neuen Buches von Chrisitan Kracht sind einige Schmähungen versammelt, die dem Autoren bislang zuteil wurden. Von "Pennälerprosa" (taz), "reaktionäres Schnöseltum" (Woche) bis zu "sozialen Überlegenheitsposen dieses wohlhabenden Taugenichts" (Zeit) reichen die Verrisse. Auch für sein jüngstes Werk könnte man Kracht leicht hassen. Es enthält Reisekolumnen, die der in Bangkok lebende Autor in den letzten Jahren für die "Welt am Sonntag" verfasste. Von Burma, Kambodscha oder Sri Lanka erfährt der Leser allerdings wenig, dafür um so mehr von Krachts Faible für guten Wein, teure Hotels und die Füße seiner Begleiterin. Sein Geschmack und seine Befindlichkeit stehen immer im Mittelpunkt.

„Der Mond war über der Stadt aufgegangen und ein leichter Wind fuhr durch die Straßen und schob den etwas aufdringlichen Geruch von gebratenem Hammel vor sich her.“ Näher als in diesen Sätzen kommt Kracht an eine Beschreibung von Peshawar nicht heran. Schon taucht aus irgendeiner Kneipe ein geheimnisvoller Pakistani auf und bringt ihn in ein Bergdorf, indem Waffen aller Art produziert werden. Der Autor bekommt eine Panzerfaust in die Hand gedrückt und stellt fest, „dass schießen wie Kartoffelchips essen ist, weil man davon erst genug kriegen kann, wenn einem schlecht ist.“ In der Teestube weiht ihn sein Begleiter auch in die erotischen Geheimnisse der Gegend ein: „Nun, sagte er, wir Männer aus den Dörfern verstehen die Kunst der schweigsamen Einen Hand. Er legte mir den Arm um die Schultern, und ich verschüttete etwas Milchtee aus meiner Tasse.“

Kracht ist ein Meister der Andeutung. Da er sich durch nichts auf der Welt um die coole Pose bringen lassen will, reduzieren sich selbst Ausnahmesituationen auf das Format einer Videokamera. Sein Staunen und sein Respekt vor den widersprüchlichen Gesellschaftsstrukturen, die er kennenlernt, macht sich dennoch verhalten bemerkbar. Die Geschichte über das martialische pakistanische Dorf etwa heißt: „Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann“. Es klingt wie eine Sure aus dem Koran, den sein Begleiter Kracht zum Abschied schenkte.

Manchmal blitzt auch bei Kracht die den Pop-Literaten unterstellte pseudo-aristokratische Abscheu durch - beispielsweise vor den Pauschaltouristen und den alternden Hippies. Seine ganze Pose des Dandy, der lieber im Foreign Correspondents Club Konversation macht, als die Straßen von Phnom Penh zu erkunden, scheint aus dieser als Hass getarnten Angst zu rühren, mit einer der beiden Gruppen verwechselt zu werden.

Krachts versteckter Weltekel bringt jedoch auch pointierte Einsichten hervor. In einem einzigen (allerdings sehr langen) Satz beschreibt er in „Ein Jahr vor der Übergabe“ die bizarre Situation in Hong Kong: „Und die letzten paar tausend jungen Briten, die nicht das Glück haben, sich in den Brokerfirmen totarbeiten zu dürfen.... und sich deshalb mit der gespielter Gelassenheit der britischen Mittelschicht selbst FILTH nennen (Failed In London, Try Hong Kong), hechten nur noch als lustige Abziehbilder ihrer Selbst durch das nur achtzig Meter lange Amüsierviertel von Lan Kwai Fong, sturzbetrunken, am Rande beobachtet von den Chinesen, die ihnen irgendwann das Visum sperren werden, weil sie in den Espresso-Bars... die Milch auf dem Macchiato für die vorbeihastenden chinesischen Geschäftsleute nicht schaumig genug aufgeschlagen haben.“

Ein alter Vietnamese sitzt in seiner dunkeln Strohhütte und spielt Gameboy. An der Brücke über den Kwai erklingt die Marschmelodie aus dem berühmten gleichnamigen Spielfilm, den David Lean über die Qualen amerikanischer Kriegsgefangener beim Bau der Brücke drehte, und die später in einer Fernsehwerbung für Magenbitter verwendet wurde. So bricht sich in Krachts Beschreibungen immer wieder die hybride, oft unfreiwillig komische Lage zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen von Ost und West, in denen sich die asiatischen Schwellenländer befinden. Es ist die einzige soziale Beobachtung, zu der Kracht in der Lage ist, und dass nur, weil er sich selbst darin wiederfindet. Im Zweifelsfall erinnert ihn nämlich alles in den fernen exotischen Ländern an die heimatliche Schweiz. Deren Charakter beschreibt er seinen Zuhörern in Pakistan: "Und die Schweizer pusten in vier Meter lange Hörner aus Holz, um Musik zu machen, wenn sie traurig sind."

Christian Kracht: "Der gelbe Bleistift". Mit einem Vorwort von Joachim Bessing, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2000, 16,90 Mark.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.