Kracht-Roman "Die Toten" Ein Schweizer im Grauen

Der neue Roman von Christian Kracht spielt in der Filmbranche der frühen Nazizeit - mit realen Personen wie Heinz Rühmann. Der Autor ist umstritten, doch das Buch ein Vergnügen.

Frauke Finsterwalder

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Am Ende dieses Romans liegt eine Tote am Fuß des "H" vom Hollywood-Schriftzug an den Hügeln von Los Angeles. Der warb in den frühen Dreißigerjahren, in denen das Buch spielt, noch für eine Immobilienfirma namens "Hollywoodland". Da "blitzt ein Journalist ein paar Aufnahmen von ihrem roh zerfleischten Gesicht, die er später an ein Magazin verkaufen wird, das sich auf spektakuläre Todesfälle spezialisiert hat. Es wird heißen in diesen Schriften, sie sei wie ein Feuer gewesen, das im Kiesel schläft."

Eigentlich gehört es sich nicht, den Schluss eines Buches zu verraten, aber dennoch: In seinen letzten anderthalb Sätzen bringt Christian Kracht vieles auf den Punkt, was diesen neuen Roman, seinen fünften, ausmacht.

Da ist das Spiel mit den realen historischen Ereignissen und Personen: Den Todessturz vom Hollywood-"H" gab es wirklich, am 18. September 1932 starb hier die arbeitslose Schauspielerin Peg Entwistle. In "Die Toten" heißt die Tote anders, aber Stars wie Heinz Rühmann oder Charles Chaplin haben Auftritte unter eigenem Namen. Mit leichten Verschiebungen entledigt sich Kracht immer wieder den Beschränkungen, die etwa für einen historischen Roman gelten würden. Es ist ein Vergnügen, diesen Verwischungen mit Vorwissen oder Angeeignetem nachzuspüren.

Da ist das Spiel mit den literarischen Anspielungen: Das Bild vom Feuer, das im Kiesel schläft, schreibt Kracht hier einem Revolverblatt zu, er hat es sich aber von Hölderlin ausgeborgt, es steht im "Hyperion" (hier ganz unten). Anderswo im Buch wird eine "hölderlinsche Zone" ausdrücklich angesprochen, Kirchenglocken künden von "eichendorffschen Geheimnissen", und für eine der beiden Hauptfiguren, einen Schweizer, gilt: "Des Nachts, wenn er nicht schlafen konnte, las er lange im Walser", sein Landsmann Robert ist natürlich gemeint.

Hollywood-Schriftzug
picture-alliance / maxppp

Hollywood-Schriftzug

Da ist das Spiel mit der Sprache, das sich durch den Roman zieht: Das bewusste Setzen zahlreicher Adjektive - das Gesicht der Toten ist nicht nur zerfleischt, sondern "roh zerfleischt"; der Schlag ins Altertümelnde, hier in der Satzstellung "Es wird heißen in diesen Schriften", anderswo gibt es fast schon putzige Ausrufe: "Hoppla-hopp, konnte schon sein, daß sie zuviel Reiswein getrunken hatte", "Oje, wenn das mal nicht symbolisch ist", "Arme Ida.".

Dass er aus allem ein Spiel mache, ist dem Schriftsteller Christian Kracht in der Vergangenheit immer mal wieder vorgeworfen worden; zumal in zentralen Momenten seiner Romane Gewaltszenarien und Unterdrückungsregime wichtige Rollen spielen. "Was ist, wenn man dieses Spiel bescheuert findet?", fragte der SPIEGEL-Kritiker Georg Diez 2012 anlässlich des vorigen Romans von Kracht, "Imperium", der von einem deutschen Exzentriker handelte, der kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert auf einer Südseeinsel Kokosnuss-Anbau betreibt. Diez war nicht mehr bereit, Kracht auf die Ebene des Spielerischen zu folgen und sah in dem Autor einen "Türsteher rechter Gedanken" - was eine große Debatte auslöste und genaueste Beobachtung öffentlicher Auftritte.

Wem Ironie und Kolportage, parodistische und spöttische Herangehensweisen im Bezug auf die Nazizeit zuwider sind, dem wird auch "Die Toten" nicht viel Freude machen. Schließlich rückt Kracht im Vergleich zu "Imperium" noch einmal rund 30 Jahre näher an diese Epoche des Grauens heran. Und während er in "Imperium" noch den esoterischen Ideensud betrachtete, der später auch aus der NS-Ideologie herauszuschmecken war, lässt Kracht diesmal Wegbereiter Hitlers persönlich auftreten.

Insbesondere ist dies Alfred Hugenberg, der deutschnationale Medienunternehmer und UFA-Boss, der 1933 im ersten Kabinett Hitlers saß. Er lässt den Schweizer Filmemacher Emil Nägeli einfliegen, um ihm vorzuschlagen, für viel Geld einen Film in Japan zu drehen, am liebsten eine Komödie mit "Freund Rühmann". Kino sei "Krieg mit anderen Mitteln", sagt Hugenberg an einem champagnersatten Abend in Berlin, da passt eine "zelluloidene Achse" zwischen Deutschem Reich und Japan ins Bild.

UFA-Chef Alfred Hugenberg (Mitte)
Getty Images

UFA-Chef Alfred Hugenberg (Mitte)

Der dröhnende Hugenberg ist, ebenso wie Rühmann und der NS-Auslandspressechef Ernst "Putzi" Hanfstaengl, einigermaßen mönströs gezeichnet, "noch nie hat er die Geisteskrankheit und den Größenwahn der Deutschen so anschaulich serviert bekommen", denkt sich Nägeli, der in jener Nacht aber auch noch den Feuilletonisten Siegfried Kracauer und die Kritikerin Lotte Eisner kennenlernt - sie pflanzen in dem schon halb korrumpierten Schweizer Kunstfilmer die Idee, das UFA-Geld zu nehmen und in Japan einen Gruselfilm zu drehen, "eine Allegorie, bitte sehr, des kommenden Grauens".

Vor dem Kracauer und Eisner denn auch gleich fliehen, in einem Zug ins Pariser Exil, gemeinsam mit Fritz Lang, der sich mit großem Pathos von Deutschland verabschiedet: "Kommt mir bitte nicht mehr mit Heidelberg und Bach!" Es kann nicht die entscheidende Frage sein, aber bei welchen Deutschen die Sympathien des allwissenden Erzählers von "Die Toten" liegen, ist eindeutig. Oder spricht hier vielleicht sogar Kracht selbst, wenn es heißt, die drei Exilanten in einem Abteil, das sei, "als habe sich das ein müder Halbgott genauso ausgedacht"?

In der ersten Hälfte des Romans führt Kracht allerdings zunächst seinen beiden Hauptfiguren ein, neben Emil Nägeli den japanischen Ministerialbeamten Masahiko Amakasu - wie es sich für einen Roman, der im Filmmilieu spielt, gehört: in einer Art Parallelmontage. Der Schweizer und der Japaner, sie sind typische Kracht-Figuren, einerseits fasziniert vom Konsequenten, Krassen, zum anderen aber höchst sensibel und feingliedrig. Man spürt die Zärtlichkeit des Autors für seine Geschöpfe, die beide an ihren Vätern leiden und sich an ihren jeweiligen Nationalcharakteren abarbeiten.

Zwischen denen gibt es eine erstaunliche Verbindung, die Amakasu an Nägelis (fiktivem) Film "Die Windmühle" auffällt, "eine einfache Geschichte aus einem kargen Schweizer Bergdorf, die in ihrer langatmigen Erzählweise" an japanische Regisseure erinnere. Nägeli sei es gelungen, "innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige, das Unaussprechbare aufzuzeigen."

Das Japan, in dem sich die beiden Hauptfiguren dann auf Seite 167 schließlich, endlich begegnen, steht selbst an einer Zeitenwende: Junge Militärs ermorden den Premierminister, die zivile Macht erodiert, der Modernisierungsschub des Landes wird gebremst. Zugleich hat er aber bereits das traditionelle Japan dauerhaft ins Hintertreffen gebracht, jene "Hochkultur, die es versteht, sich gleichzeitig hochartifiziell sowie unter größter Natürlichkeit zum Ausdruck zu bringen."

Traditionelles Noh-Theater
AFP

Traditionelles Noh-Theater

Es war ein ähnliches Japanbild, dass es in den Neunzigerjahren, in denen Kracht seine journalistische Sozialisation bei "Tempo" erfuhr, zum Sehnsuchtsland machte: Man liebte den künstlichen Pop von Pizzicato Five, die stilisierten Einstellungen von Takeshi Kitano, und Krachts Kollege Marc Fischer schrieb einen Debütroman, der nicht zuletzt von Samurai-Moral handelte.

Doch in Christian Krachts Roman "Die Toten" ist auch der japanische Weg eine Sackgasse, er führt nur in den Krieg. Alternativ gibt es den Weg nach Hollywood, gewiesen immerhin von Charlie Chaplin, doch auch der hat nicht für jeden ein gutes Ende, der ihn nimmt.

Bleibt vielleicht nur der schweizerische Weg des Filmemachers Nägeli, der am Ende weder Propaganda noch Abschreckung liefert, sondern ein weiteres Meisterwerk, bei dem immer jemand einschläft, wie es im Buch heißt. Diese Gefahr ist beim neuesten Werk des Schweizers Kracht eher gering: zu klug die Konstruktion, zu vielschichtig die Motive, zu spielerisch die Sprache.

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