Männer in der Midlife Crisis Die Sehnsucht nach der vergangenen Frau

Alternder Typ auf Sinnsuche, zugleich eine Hommage an Dada in Berlin: Darum geht es in Christian Y. Schmidts "Der letzte Huelsenbeck". Klingt wirr? Ist es auch - das ist ja das Großartige an diesem Roman.

In den Gedankenfetzen eine Frau im blauen Badeanzug
Getty Images/ Arthur Elgort/ Conde Nast

In den Gedankenfetzen eine Frau im blauen Badeanzug

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Spätestens als dem Erzähler in einer Berliner Villengegend eine Krähe über den Weg fliegt, die er "Lisa" nennt, er ihr hinterher radelt, bis sie in einem Baum zu einem Haus gegenüber nickt, wo laut Gedenktafel der große Dadaist Richard Hülsenbeck ein paar Jahre lebte, was für den Erzähler die Erleuchtung ist, auf die er wartete - spätestens dann ist klar: Der Haschmich dieses Typen ist enorm, aber harmlos.

Der, der diesen Erzähler in "Der letzte Huelsenbeck" so liebevoll porträtiert als einen Mann im Endstadium seiner geistigen Kräfte ist Christian Y. Schmidt: Der Ex-"Titanic"-Redakteur, lange Autor der Satireseite "Wahrheit" der "taz" und humoriger Bücher über sein Leben in China legt nun seinen ersten Roman vor: eine Selbstsuche im halluzinierenden Drogenrausch, die in ihrer Überdrehtheit an Hunter S. Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas" erinnert - und eine Hommage ist an die Berliner Dada-Bewegung um den echten Richard Hülsenbeck. Klingt wirr, ist es auch, und eben das ist das Großartige an diesem Roman.

Autor Christian Y. Schmidt
Gong Yingxin

Autor Christian Y. Schmidt

Denn Schmidt, seinem Satire-Tonfall treu bleibend, hat die perfekte Persiflage über die Ego-Tourette-Sinnsuche mittelalter Männer geschrieben. Typen, die ihrer Vergangenheit, alten Flammen und Freunden nachspüren als Reise ins Ich. Gähn: ein Thema, das sich längst zu einem eigenen Genre zusammengerottet hat (mit Jim Jarmuschs Film "Broken Flowers" als typischstem Beispiel).

Der Lebenskrisen-Mann

Midlifecrisis-Storys sind Roadtrips zurück, das eigene Ende fest im Blick. Bei Schmidts "Huelsenbeck" bricht Daniel, Ende 50, auf, weil in seinem Gedächtnis eine Lücke klafft: Was da wirklich geschah auf dem Trip mit den anderen Dada-inspirierten Kumpels, quer durch Amerika von Ost nach West 1978. Wer diese Frau im blauen Badeanzug war, die auf einmal in Gedankenfetzen auftaucht, ist ihm schleierhaft. Und so wird es Teil des Wahns, die Leerstelle füllen zu müssen, um das eigene Leben zu begreifen.

Todes-Krähe (Symbolbild)
Getty Images

Todes-Krähe (Symbolbild)

Indem Schmidt seinen Daniel in seine Paranoia fallen lässt, in Déjà-vus, Hypnose-Zustände, zugeballert mit Antidepressiva, Dope, Bier und Dosenravioli, karikiert er den Lebenskrisen-Mann, jedoch ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn Daniels Ich-Perspektive ist die bestürzende Wirklichkeit der Erzählebene. Alles bezieht sich nur auf ihn: die Kinder mit den Muttermalen, die Todes-Krähe, Velvet Undergrounds Song "What Goes on", den er von Ferne hört, während er durch den Berliner Weißen See pflügt - alles Zeichen! Nur für ihn, zur Daseinsdeutung.

Doch diese Willkür-Sinnstiftung ist Dada pur. "Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen", trug Hülsenbeck in dem Berliner Manifest 1918 vor, das auch Tristan Tzara, George Grosz und Raoul Hausmann unterschrieben. Es gehe darum, dass alle Schlagworte in ihre "Bestandteile zerfetzt" werden, bis das Leben "als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen" erscheint. Genau dies macht "Der letzte Huelsenbeck" mit fiebrigem Vollgas.

Richard Hülsenbeck (bei Jean Arps Beerdigung 1966)
picture alliance/ KEYSTONE/ PHOTOPRESS-ARCHIV/ Hollaender

Richard Hülsenbeck (bei Jean Arps Beerdigung 1966)

Die Buchteile, in denen Daniel manisch alle Adressen abradelt, die er in einem Heftchen über die Dada-Bewegung aufgelistet findet, und wie er die Strecke der Berliner U7 umfunktioniert in die Stationen der Amerikareise mit seinen anderen Huelsenbeck-Kumpels 1978, gehört zum wunderbar Verschrobensten, was man derzeit zu lesen bekommt.

Herausragend lustig in seiner Durchgeknalltheit

Als ob die Ideen aus einer endlosen Konfettikanone zünden. Wie akribisch einer zwei Stunden lang alle Graffiti, jede Uralt-SPIEGEL-Ausgabe im Müll notieren kann, die er rund um den Discounterparkplatz findet, wo einst jenes Haus stand, in dem die erste Berliner Dada-Schau war, haut einen um. Ebenso wie die drei irren Tage à 16 Stunden in der U-Bahn: Wie Schmidt seinen Daniel die Lipschitzallee zu New York deklarieren lässt - "da standen immerhin Hochhäuser" - die Yorckstraße zu Empire in Colorado, Schlachtensee zum Pazifik, bis er anfängt, Muster zu erkennen, und einem Mädchen folgt, das offenbar jene Frau im Badeanzug sein muss, MUSS!, ist herausragend lustig in seiner Durchgeknalltheit.

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Christian Y. Schmidt:
Der letzte Huelsenbeck

Rowohlt Berlin, 400 Seiten, 22 Euro

Für diese Strecken verzeiht man Schmidt auch den hölzernen Rahmen: zuerst die Beerdigung von Viktor, einem der Huelsenbecks; zwischendrin ein beharrliches Runterzählen der Tage "b.z.m.T.", also "bis zu meinem Tod". Klar, der Fokus aufs finale Finale ergibt Sinn, nichts anderes treibt die Lebenskrisenmänner in ihrem Ego-Dada ja an. Aber hier wirken dieses Passagen drangeklebt und öd.

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Also Geduld. Bis dieses Buch wirkt, dauert es, wie bei jedem Glas Cola. Bis dahin gilt das Motto des "letzten Huelsenbeck": "Aufhören nachzudenken, anfangen nichts zu tun".

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
sok1950 27.04.2018
1. Sehnsucht nach der vergangenen Frau?
Offenbar absolut keine Ahnung von Männern. Warum sollte ich (heute um die 55) mich nach einer Frau sehnen, die vor 30 Jahren 20 war? Keiner dieser Frauen - und wenn es meine größte Liebe war - will ich heute auch nur nahe kommen, erst recht nicht treffen. Nicht mal zu Klassentreffen - sprich alte Frauen gucken - gehe ich. Es ist eine zwar romantische, aber völlig an der Realität vorbeigehende Selbstlüge reifer Frauen, dass der Liebhaber von vor 20 Jahren noch irgend ein Interesse an einer alten Frau haben könnte. (ein paar Loser, die nie eine abgekriegt haben, mal ausgenommen, oder sie hat ein üppiges Bankkonto) Da ist mir ein Date mit einer heute 25-35 Jahre alten Frau viel lieber.
le.toubib 27.04.2018
2. Bitte?
Zugeballert mit [b]Oxytocin]/b]?
Knossos 27.04.2018
3. Mithin
Da lag ich nun also auf Mobby Dick, gefesselt an Harpunen, bevor er hunderte Klafter tief abtauchen würde. Und sinnierte so bei mir, warum Nachbar Oberstleutnant Schlüter seine Hecken dieses Jahr oval geschnitten hatte. Und war die Schere, die er dazu benutze, nicht vom Schäfer am Ortsende verliehen ohne je zurückerhalten gewesen zu sein? Überhaupt war ich des modischen Gedöns so derart überdrüssig geworden, daß der Gedanke nicht mehr fern lag, mir eine Pudelmütze häkeln zu lassen. Aber schon da schwante der Kopfschmerz einer Farbwahl. Mithin mochte mir alles den Buckel hinunterrutschen, während mit Spannung zu erwarten war, wie es in den Tiefen des Atlantiks wohl ausschauen würde. Später soll es ja Gerätschaft geben haben, mit der man hinunter kann, aber damals, als ich noch lebte, mußte man unter Wasser zusehen, wie man zurechtkam. Heute, wo an derselben Stelle nur noch Brocken durchs All sausen, mag man sich die Prioritäten seinerzeitigen Denkens nicht mehr vorstellen können, doch es kam einem Kuriosum gleich, wie es sie in der Unendlichkeit eines Universums sonst nicht gibt.
sysop 27.04.2018
4. Korrektur
Leider lag hier eine Verwechslung der Drogen vor, welche inzwischen korrigiert bzw. in der Benennung geändert wurde. Wir danken für den Hinweis und bitten für den Fehler im Entschuldigung.
le.toubib 27.04.2018
5. Da spricht der selbsternannte Frauenkenner!
Zitat von sok1950Offenbar absolut keine Ahnung von Männern. Warum sollte ich (heute um die 55) mich nach einer Frau sehnen, die vor 30 Jahren 20 war? Keiner dieser Frauen - und wenn es meine größte Liebe war - will ich heute auch nur nahe kommen, erst recht nicht treffen. Nicht mal zu Klassentreffen - sprich alte Frauen gucken - gehe ich. Es ist eine zwar romantische, aber völlig an der Realität vorbeigehende Selbstlüge reifer Frauen, dass der Liebhaber von vor 20 Jahren noch irgend ein Interesse an einer alten Frau haben könnte. (ein paar Loser, die nie eine abgekriegt haben, mal ausgenommen, oder sie hat ein üppiges Bankkonto) Da ist mir ein Date mit einer heute 25-35 Jahre alten Frau viel lieber.
Sie sollten mal meine erste Frau ansehen, heute 55 Jahre alt. Dagegen würden Sie Ihre 35-jährigen sämtlich wegwerfen! Zugegen, mich schmerzt es, ich hätte sie lieber alt und verhärmt gesehen und nicht wie das blühende Leben. Btw., meine letzte Freundin war auch 30 Jahre jünger als ich, aber Monat für Monat zeigte sich der Altersunterschied mehr und mehr, obschon sie wirklich vom Intellekt deutlich weiter war als ihre Altersgenossinen. Dennoch versuchten wir doch zwei wieder frustran endende remakes ...
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