Ex-MTV-Chefin zu Salm "Der Tod gehört zu meinem Leben"

Ex-MTV-Chefin Christiane zu Salm gilt als Vertreterin von Glamour und Hedonismus - doch seit Jahren begleitet die Managerin Sterbende und bittet sie, einen Nachruf auf das eigene Leben zu diktieren. Nun erscheinen hundert dieser Rückblicke als Buch.

Ein Interview von

Christiane zu Salm (2011 bei der Beerdigung von Leo Kirch): "Du hast Glück, du hast noch Zeit"
Getty Images

Christiane zu Salm (2011 bei der Beerdigung von Leo Kirch): "Du hast Glück, du hast noch Zeit"


Christiane zu Salm, Jahrgang 1966, ist eine der bekanntesten Medienmanagerinnen Deutschlands. Sie arbeitete bei der UFA, bei Burda und in vielen anderen Medienunternehmen. Von 1998 bis 2001 war sie Geschäftsführerin von MTV in Mitteleuropa. Die Managerin heiratete 1995 Ludwig Prinz zu Salm-Salm. Die Ehe wurde 2002 geschieden. Mittlerweile ist sie mit dem früheren Vorstandsvorsitzenden des TV-Senders Premiere, Georg Kofler, verheiratet.

SPIEGEL ONLINE: Frau zu Salm, Sie haben den Musiksender MTV gemanagt und den früheren Spielkanal Neun Live gegründet, sie sammeln Kunst und lieben die Glamour- und Fernsehwelt, kurzum: das satte Leben. Warum wollten Sie Sterbebegleiterin werden?

Zu Salm: Das kam über die Jahre in mir hoch, immer mal wieder. Wohl auch, weil der Tod zu meinem Leben gehört. Ich war sechs Jahre alt, als mein kleiner Bruder bei einem Unfall vor meinen Augen starb. In unserer Familie wurde danach alles relativ: schlechte Noten, die beste Freundin, die im Tennis besser war als ich, Dinge, die verlorengingen - das war alles nicht schlimm, denn es war alles lösbar. Vor allem meine Mutter hat mir und meinen Geschwistern eine Perspektive auf das Leben mitgegeben, die immer auch das mögliche plötzliche Ende beinhaltete.

SPIEGEL ONLINE: Ein Unfalltod ist etwas anderes als das oft langsame Sterben der Menschen, die Sie begleiten. Warum entstand daraus der Wunsch, Sterbebegleiterin zu werden?

Zu Salm: Weil ich die Sehnsucht kenne, sich noch verabschieden zu wollen, als Sterbender und als Angehöriger. Wenn man jemanden unvermittelt verliert wie ich, sucht man vielleicht nach den Chancen, die im Abschiednehmen liegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor einigen Jahren eine Ausbildung in einem Berliner Hospiz gemacht. Weiß man danach, wie man Menschen beibringt zu sterben?

Zu Salm: Ich habe lange gezweifelt, ob ich das kann und ob ich das schaffe. Menschen zu treffen, mit ihnen zu sprechen, ihre Hand zu halten und zu wissen, morgen sind sie vielleicht nicht mehr da. Und ob ich ihnen etwas geben kann. Ich war erstaunt, dass man überhaupt lernen kann, sich in einen Sterbenden hineinzuversetzen. Man lernt vor allem, ihm Raum zu geben, um zu sich selbst und mit sich ins Reine zu kommen, manchmal auch dadurch, dass man selbst einfach nur schweigend bei ihm sitzt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das schwergefallen? Sie gelten in dem nicht gerade leisen Mediengewerbe als besonders quirlig.

Zu Salm: Ich bin schon lange nicht mehr mitten im Geschäft, verbringe viel mehr Zeit mit meiner Familie. Und in der Tat war es eine gute Erfahrung, besser zuhören zu lernen. Ich finde es ohnehin faszinierend, was für einen selbst darin liegt, das Ende als Ausgangspunkt für das eigene Leben zu nehmen. Bei jedem einzelnen Sterbenden denke ich, wenn ich aus dem Zimmer gehe, du hast Glück, du hast noch Zeit, dein Leben zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Sterbebegleitung, um das eigene Leben schätzen zu lernen - war das auch eine Art Selbsttherapie?

Zu Salm: Nein, das eher nicht. Eher ein Bedürfnis, sich einem existentiellen Thema zu nähern.

SPIEGEL ONLINE: In diesen Tagen erscheint ihr Buch "Dieser Mensch war ich - Nachrufe auf das eigene Leben". Sie haben fast einhundert Sterbende besucht und sie gebeten, einen Rückblick auf ihr Leben zu werfen und Ihnen in die Feder zu diktieren. Darf man Sterbebegleitung als Buch vermarkten?

Zu Salm: Ich bin nicht Sterbebegleiterin geworden, weil ich ein Buch schreiben wollte. Die Idee entstand erst am Ende meiner Ausbildung. Wir bekamen in einer Übung einen Stift und einen Zettel mit der Anweisung: Stellen Sie sich vor, Sie sterben morgen und verfassen Ihren eigenen Nachruf. Wir bekamen 15 Minuten Zeit. Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, Rechenschaft abzulegen, die Frage zu beantworten: Wer will ich eigentlich gewesen sein? Gleichzeitig fand ich die Idee gut, selbst ein Urteil über das eigene Leben zu fällen. Es ärgert mich, wenn auf einer Beerdigung der Pfarrer aus einer E-Mail vorliest, die ihm die Angehörigen fünf Minuten vorher geschickt haben und dann erzählt, "er war ein fröhlicher Mensch". Es ist nicht selten unwürdig, verlogen und traurig. Es ist doch schön, wenn Menschen selbst etwas hinterlassen, etwas Ehrliches. Die meisten sind sogar hart mit sich ins Gericht gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten die Sterbenden kein Problem damit, dass ihr Nachruf in einem Buch veröffentlicht wird?

Zu Salm: Nein, die allermeisten haben sich eher sehr gefreut, dass sich überhaupt jemand für ihr Leben interessiert. Und nun bleibt ihnen ein Andenken, das es sonst nie gegeben hätte.

SPIEGEL ONLINE: Die australische Krankenschwester Bronnie Ware hat aus ihrer Arbeit als Sterbebegleiterin einen Bestseller gemacht...

Zu Salm: Mein Buch hat nur am Rande mit meiner Tätigkeit als Sterbebegleiterin zu tun. Ich besuche weiterhin zweimal pro Woche Menschen in ihrer letzten Lebensphase bei sich zu Hause oder im Hospiz. Die Gespräche mit ihnen sowie die Gespräche, die meine Schwester und ich zusätzlich für das Buch geführt haben, haben mich tief berührt. Weil das, was sie gesagt haben, so verdammt echt ist. Total ungeschminkt. Aussagen über das eigene Leben, wenn es um nichts mehr geht. Das hat mich ergriffen. Und ich hoffe einfach, dass diese Lebensgeschichten auch andere so berühren, wie sie mich berührt haben. Deswegen gibt es dieses Buch. Jede einzelne Lebensgeschichte hat für mich eine enorme Wucht. Und sie wurden von ganz normalen Menschen erzählt, von einer Penny-Markt-Verkäuferin, einem Kfz-Mechaniker, einer Gemeindemitarbeiterin.

SPIEGEL ONLINE: Bisweilen trifft einen beim Lesen die traurige Wucht des Banalen. Die Penny-Markt-Verkäuferin etwa, die sich bis heute fragt, warum einer ihrer Kunden eigentlich jeden Abend ein Paket Windeln gekauft hat.

Zu Salm: Wer beurteilt eigentlich, was banal ist? Ich habe nie gedacht, dass irgendetwas banal ist, auch nicht wenn die Leute nur gesagt haben, ich hatte Glück, ich war immer gesund. Für den einen Sterbenden ist eben ein Wäscheständer gerade bedeutsam, der andere verarbeitet den Tod seiner zwei Kinder. Es steht mir nicht zu, das zu bewerten.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen die meisten Sterbenden eher Dinge, die sie getan haben oder Dinge, die sie nicht getan haben?

Zu Salm: Beides gibt es, ich habe aber keine Muster analysiert. Ich wollte daraus kein Ratgeberbuch machen, was man für das eigene Leben lernen kann. Jeder einzelne Nachruf ist eine eigene Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dennoch für sich selbst daraus gezogen?

Zu Salm: Mich hat es sehr wohl angeregt, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, mich nicht von Kleinigkeiten des Alltags gefangen nehmen zu lassen, so wenig Konjunktive in meinem Leben zu benutzen wie möglich.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie jetzt mehr Druck, alles Mögliche noch erleben und erledigen zu wollen?

Zu Salm: Nein, da fühle ich mich eher entlastet. Was man aus diesen Texten ziehen kann, ist die Erkenntnis, dass wir alle keine Experten sind. Eigentlich wissen wir doch alle nicht, wie es denn geht, das gute, richtige Leben. Welches Leben sollen wir leben, um am Ende sagen zu können, so war es richtig? Das hat für mich etwas Beruhigendes. Unter dem Strich macht es mich gelassen, auch als Mutter.

SPIEGEL ONLINE: Wussten die Patienten eigentlich, wer Christiane zu Salm ist?

Zu Salm: Nein, kein einziger. Das war sehr schön, das spielte ja auch keine Rolle.


Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich - Nachrufe auf das eigene Leben. Goldmann Verlag, München; 256 Seiten; 17,99 Euro.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tzdv9000 13.10.2013
1. Passt...
...MTV und 9live habens ja auch nicht überlebt.
elbfischer72 13.10.2013
2. es gibt nicht vieles...
..das bereichernder fuer das eigene leben ist als das auseinandersetzen mit dem Tode. Leider DAS tabuthema unserer Gesellschaft. Bemerkenswert, wenn eine Frau, die die Scheinwelt des Fernsehens praegt und schaetzt, einen so weitreichenden Horizont besitzt,sich mit den Themen Tod und Sterben auseinander setzt und Demut daraus erfaehrt,lebt und weitergibt. Es gibt einfach wunderbare Menschen - neben selbstverliebte und korrupte Personalien doch einfach mal eine Person der Oeffentlichkeit mit Klasse und gelebter Naechstenliebe...
abu_kicher 13.10.2013
3. Die Frage nach dem kommerziellen Ausschlachten in Form eines Buchs...
hat sie leider umschifft. Da hätte ich persönlich nachgefasst. Spendet sie den Gewinn?
daslästermaul 13.10.2013
4. Ach Gottchen ......
Zitat von sysopGetty ImagesEx-MTV-Chefin Christiane zu Salm gilt als Vertreterin von Glamour und Hedonismus - doch seit Jahren begleitet die Managerin Sterbende und bittet sie, einen Nachruf auf das eigene Leben zu diktieren. Nun erscheinen hundert dieser Rückblicke als Buch. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/christiane-zu-salm-interview-mit-ex-mtv-chefin-ueber-sterbebegleitung-a-927548.html
irgendwie muss man ja im Gespräch bleiben ...... .
capricorn 13.10.2013
5. Von einer die 9 Live erfunden hat...
möchte ich mir schon gar nichts erzählen lassen. Weder über den Tod noch übers Leben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.