Dario Fo über Christina von Schweden Die schießwütige Königin

In seinem letzten Werk präsentiert Literaturnobelpreisträger Dario Fo das Leben der gebildeten und rebellischen schwedischen Königin Christina. Ein kleines Buch mit Charme und Witz über ein fulminantes Leben.

Königin Christine von Schweden (auf einem Kupferstich von Joachim Sandart nach einem Gemälde von Sebastian Bourdon)
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Königin Christine von Schweden (auf einem Kupferstich von Joachim Sandart nach einem Gemälde von Sebastian Bourdon)


Der schwedische Reichsrat ist verzweifelt. Über 30 Anträge von Adligen hoher Abstammung, die bereit sind, die Königin zum Altar zu führen, haben sie Christina unterbreitet. Doch die lehnt jeden ab. Schlimmer noch: Das göttliche Gesetz, dass die Frau zur Ehe mit dem Mann bestimmt ist, ihm zu gehorchen und Kinder zu gebären hat, nennt sie ungerecht und infam. Solche Ehe sei, wie wenn ein Bauer ein Stück Land erwirbt: Er sucht das passende aus, bearbeitet es mit dem Pflug, düngt, sät und bewässert es und dankt Gott, wenn alles sprießt und gedeiht.

Sie aber will nicht der Acker sein, sagt sie gerade heraus vor den Edlen des Reichsrates, sie "will nicht gepflügt werden, ohne mir den ausgesucht zu haben, der mich mit seinem Pflug bearbeiten soll". Und lachend lässt sie die schockierten Männer stehen und lebt ihr Leben, so wie sie es will.

Sie liebt Frauen wie Männer - manche nur eine Nacht, andere ein halbes Leben. Etikette ist ihr so gleichgültig wie Religion, und das zu einer Zeit, in der in Europa gerade über drei Jahrzehnte ein furchtbarer Religionskrieg tobt. Sie reitet wild und furchtlos, ist blitzgescheit und hochgebildet, liebt die Kunst und die Wissenschaft, korrespondiert und debattiert mit Geistesgrößen ihrer Zeit, von Descartes bis Molière. Sie intrigiert und rebelliert und trägt am liebsten Männerhosen und Stiefel.

Freiheit oder Königreich

Christina von Schweden, geboren 1626 in Stockholm, ist die Tochter des schwedischen Königs Gustav II. Adolf und dessen Nachfolgerin auf dem Thron von 1632 bis 1654. Sie beendet ihre Regentschaft mit einem Eklat: "Die Freiheit ist den Verzicht auf ein Königreich wert!", sagt sie und wirft das Amt mitsamt der lutherischen Staatsreligion ab.

Als katholische Maria Alexandra zieht sie nach Rom, wo sie fortan den Vatikan aufmischt. Denn auch dort will sie keine "Betschwester" sein. Ist sie auch nicht: Sie hat leidenschaftliche Affären, unter anderem mit einem Kardinal, und schießt versehentlich mit einer Kanone ein dickes Loch in die Villa Medici. Mit Frankreichs Hilfe will sie Neapel erobern, das damals den spanischen Habsburgern gehörte. Der Plan wird von einem ihrer Liebhaber verraten, zur Strafe lässt sie den hinterrücks erstechen. Trotzdem wird sie nach ihrem Tod 1689 in den Grotten des Petersdoms beigesetzt.

Die Geschichte der "unmöglichen Königin", wie viele sie nannten, ist schon oft erzählt worden, aber wohl nie so amüsant und verständnisvoll wie von Dario Fo. Denn der hat in ihr eine Seelenverwandte gefunden. Eine, die ihr Leben lang aufmüpfig ist, aber nicht verbissen, ernst, streng, sondern immer lachend. Sie ist "ein Possenreißer" wie er - so nannte ihn verächtlich die Vatikanzeitung "Osservatore Romano", als Fo 1997 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Dario Fo
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Dario Fo

Zensur und Abstrafung durch staatliche Institutionen begleiteten den Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Schauspieler und Erzähler in seiner gesamten Karriere. Das staatliche Radio RAI brach schon 1951 eine satirische Fo-Sendung über religiöse Themen ab. Ein anderes Stück brachte ihm Morddrohungen ein. Etliche Male wurde er von der Bühne weg verhaftet. "Die Macht fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott", sagte er anlässlich der Nobelpreis-Verleihung. Darum habe er nie Hamlet spielen sondern der Clown, der Hanswurst sein wollen.

Ein wenig haben wir erfunden

Mit der Freiheit zum Clownesken hat er auch das kleine Buch über die bewunderte große Frau geschrieben: Er hat vieles, was über die reine Biografie hinausgeht, einfach frei erfunden. Was sie vor dem Reichsrat sagte, vor Frankreichs König Ludwig XIV., falls sie den denn überhaupt getroffen hat, wer weiß das schon - außer Dario Fo. Er habe die geschichtlichen Zeugnisse und die Gemälde studiert, die sie darstellen und die zeitgenössischen Chroniken herangezogen, schreibt er in einem Vorwort, um der "in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Frau" eine Stimme zu geben, "und ein wenig haben wir sie auch erfunden". Nun, das Wenige ist offenbar ganz schön viel geworden - und sehr schön. Es ist nie langweilig. Nur viel zu kurz.

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Dario Fo:
Christina von Schweden

Eine Hosenrolle für die Königin

Hollitzer Verlag; 160 Seiten; 21,90 Euro.

Dario Fos letztes Werk ist nur wenige Wochen vor seinem Tod im Oktober 2016 fertig geworden und posthum zu Anfang dieses Jahres in Italien erschienen. Jetzt kann man es auch in deutscher Übersetzung lesen und sich herrlich amüsieren.



insgesamt 2 Beiträge
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cobaea 26.09.2017
1. Titel?
Hab ich Tomaten auf den Augen oder warum finde ich den Titel des Buches nicht in der Besprechung?
Schwarzer Luxemburg 27.09.2017
2. Dario Fo und 9/11
Dario Fo gehört doch eigentlcich zu den Persona non grata im Medienbetrieb, da er die offiziellen und medial verbreiteten Thesen zu den Geschehnissen am 11. September 2001 für ziemlichen Schwachhsinn hält. Also konsequenterweise diesem verwirrten Mann kein Forum mehr geben, gell Spiegel?
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