Schwules Leben in der DDR Geliebt, geschlagen, geknebelt

Schmierestehen am FKK-Strand, Scheinehe zum Überleben: In "Verwirrnis" erzählt Christoph Hein von einem schwulen Paar in der DDR. Ein unversöhnliches, fast trotziges Spätwerk über Liebe und Ideologie.

Szene aus der Musil-Verfilmung "Der junge Törless" (1965)
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Szene aus der Musil-Verfilmung "Der junge Törless" (1965)

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Der reale Sozialismus sah sich von vielen Feinden umzingelt, die Homosexualität gehörte offiziell eigentlich nicht dazu. Schon 1957 gab es in der DDR eine Strafrechtsänderung, wonach sexuelle Handlungen unter gleichgeschlechtlichen erwachsenen Partnern nicht mehr geahndet werden durften. Aber zu diesem Zeitpunkt ist es für die beiden Männer in Christoph Heins durch verschiedene Jahrzehnte und politische Systeme gesponnene schwule Liebesgeschichte schon zu spät.

Der eine, Wolfgang, ist längst in den Westen gegangen, einen Ort der politischen Freiheit, der für ihn durch seine dort weiterhin verbotene Homosexualität dann doch zum Gefängnis wird. Der andere, Friedeward, hat sich über die Jahre so stark in Sublimation und Selbstverleugnung geflüchtet, dass er sich nicht mehr öffentlich zu seinem Schwulsein bekennen kann. Auch weil er seine unter Lügen begonnene Karriere als Germanist nicht gefährden will.

Dabei beginnt Heins Liebesgeschichte aus der DDR-Provinz verheißungsvoll für die Protagonisten. Das Verbot ihrer Liebe beschreibt er als Gebot, beim Ausleben dieser Liebe einfallsreich und abenteuerlustig zu sein. Als Klassenkameraden im katholischen Heiligenstadt entdecken Wolfgang und Friedeward Robert Musils Internat-Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" und Thomas Manns "Tonio Kröger", in der sie ihre noch diffusen Gefühle in konkrete Worte übersetzt sehen. Beim gemeinsamen Ostseeurlaub dient das Schmierestehen am (damals auch noch im Osten verbotenen) FKK-Strand als Einübung ins Klandestine. Repression und Entgrenzung liegen dicht beisammen.

Christoph Hein
imago/ epd

Christoph Hein

Ein gemeinsamer Besuch in Berlin 1952 weitet den Horizont der beiden noch einmal, steigert die Lust am Verbotenen und den Glauben ans Mögliche. Im Osten ziehen sie in den Trümmern die Stalin-Allee hoch, im Westen sind die zum Teil noch nicht ganz wieder hergerichteten Läden schon wieder vollgestellt mit verlockenden Waren, und im Kino läuft "Die Sünderin", in der für einen Wimpernschlag die nackten Brüste von Hildegard Knef zu sehen sind.

Stadt als Provisorium, Liebe im Aufbruch

Aufbruch liegt in der Luft, die Grenzlinien der geteilten Stadt überwindet man zu diesem Zeitpunkt noch mit spielerischer Leichtigkeit. Berlin ist ein Provisorium, von dem man sich für die Lebensgestaltung in schwierigen Umständen einiges abschauen kann.

Ein paar Jahre später bauen sich die beiden jungen Männer Scheinidentitäten auf - Wolfgang mit einer Frau, die nichts von seiner Homosexualität ahnt, Friedeward mit einer Kostümbildnerin, die in einer geheimen lesbischen Beziehung mit einer Dozentin lebt. Das Verbotene schafft, zumindest für eine kurze Zeit, eine Binnengemeinschaft, der die äußeren Zumutungen nichts anhaben können.

Was war, was ist, was hätte sein könne: Mit dem bis in die Zeit der Wiedervereinigung führenden Roman "Verwirrnis" legt Christoph Hein, 74, eine weitere Deutschlandchronik vor. 2016 hatte er in "Glückskind mit Vater" auf 500 Seiten den lebenshungrigen und idealistischen Sohn eines deutschen Kriegsverbrechers durch ein sich neu ordnendes Europa geschickt. 2017 ließ er in "Trutz" einen Erinnerungskünstler auf ebenso vielen Seiten durch die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts taumeln. Grimmige, aber eigentümlich schwerelos durch die sozialen Milieus und politischen Systeme fabulierte Geschichten waren das.

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Christoph Hein:
Verwirrnis

Suhrkamp Verlag; 303 Seiten; 22 Euro

So ist es jetzt auch bei dem neuen Roman. Im Zentrum steht die schwule Liebesgeschichte, allerdings ist Hein nicht an erotischen Exkursen interessiert, stattdessen lässt er, wie schon in den beiden Vorgängern, auch hier die Bücher und die Filme vorbeilaufen, in denen die Figuren ihre nicht aussprechbaren Sehnsüchte gespiegelt sehen; das Körperliche ist oft in Halbsätzen aufs Nötigste reduziert, Hein bleibt nüchtern, wo seine beiden Helden in den Rausch verfallen.

Rilke und Rimbaud als Lotsen durch die Lust

Vor dem Hintergrund der schwulen Coming-of-age-Geschichte wirkt das am Anfang befremdlich. Fast trotzig verweigert sich Hein expliziten Beschreibungen, seine Sprache ist zuweilen altmodisch wie die seiner bildungsbeflissenen Helden, die sich in andere Epochen sehnen, während der Staat um sie herum dichtmacht. "Verwirrnis" ist ein Bildungsroman, in der die heranwachsenden Figuren bei Rilke, Rimbaud und Stefan George eine zweite Realität finden. Zentral aber ist Musils "Törleß", aus dem sich wohl auch Heins altmodisch verschwurbelter Titel "Verwirrnis" ableitet.

Bei Musil geht es darum, wie sich der Mensch der Repression unterwirft oder entgegenstellt, wie er autoritäre Systeme unterwandert oder internalisiert. Ein Thema, das alle jüngeren deutschen Chroniken Heins bestimmt, das jetzt aber im schwulen Entwicklungsroman besonders hervortritt. Denn Friedeward kann sich aus der Repression nicht befreien, bis nach der Maueröffnung hält er sein Schwulsein geheim - selbst als sein Coming-out politisch opportun wäre, um nicht dem massenweisen Stellenabbau an den Ost-Unis zum Opfer zu fallen.

Dafür hat auch Friedewards Vater gesorgt, ein strenggläubiger Studienrat, der jede Abweichung mit einer Züchtigungvorrichtung namens Siebenstriemer aus ihm herausgeprügelt hat. Dieser Studienratvater ist ein mit grausamen Ambivalenzen aufgeladener Charakter: Er gibt an, vom eigenen Vater misshandelt worden zu sein und durch diese Misshandlung die moralische Statur gewonnen zu haben, sich gegen die NS-Herrschaft zu stellen: "Seinetwegen habe ich die Nazizeit mit einer Haltung überstanden, dass ein amerikanischer Offizier vor mir salutierte und ein russischer mir die Hand gab." Antifaschismus, eingebläut mit den Mitteln des Faschismus.

Geliebt, geschlagen, geknebelt: Christoph Hein erzählt in seinem Spätwerk davon, wie Menschen gegen Ideologien aufbegehren und wie diese Ideologien trotzdem unheilvoll in den Menschen fortleben, als sie längst schon abgewickelt scheinen. Der Tonfall ist dezent, die Haltung unversöhnt.



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