Neues Poschenrieder-Buch Fremde, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren

Christoph Poschenrieder kleidet in seinen Büchern gern schwere Stoffe in Leichtigkeit und Humor. So auch in seinem neuen Werk "Kind ohne Namen" über ein Dorf, das Angst vor Fremden hat - inklusive Lovestory.

Flüchtlinge in Bayern auf dem Weg in eine Unterkunft im Jahr 2015
DPA

Flüchtlinge in Bayern auf dem Weg in eine Unterkunft im Jahr 2015

Von Barbara Schulz


"Mir tun die leid, die nicht auf dem Dorf aufwachsen; und die, die ihr ganzes Leben dort verbringen müssen. Sobald ich konnte, ging ich in die Stadt, weil ich dachte, nur dort finde ich die Welt." Xenia, die das nüchtern konstatiert, flüchtete gleich nach dem Abitur ins Literaturwissenschaftsstudium. Doch: "Auf einmal musste ich das, was mir immer warm und vertraut in der Hand lag, mit Zangen und Pinzetten anfassen - und das Papier wurde starr und spröde, die Worte darauf bockig und verstockt. Damit hatte ich nicht gerechnet."

Sie kehrt ins Dorf zurück, heimwehgeplagt und schwanger. Letzteres will sie geheim halten. Sie beginnt, als Kellnerin in der Kneipe von Georg zu jobben, der sie, wie so viele, schon mal angebaggert hat. Denn Xenia ist "schnell, schlau und schön", wie der Burgherr, Chef des Dorfes, lobt. Ihre Mutter, Ex-Bürgermeisterin und -Lehrerin, empfängt Xenia mit offenen Armen und bittet sie, mit ihr das Schulhaus herzurichten und ein Willkommensfest für bald ankommende Geflüchtete zu organisieren.

Dumm nur, dass viele Dorfbewohner keine Lust auf Fremde haben und es eher mit dem Busfahrer halten, der die Geflüchteten ins Dorf karrt. Als er die schicken Handys der jungen Leute sieht, trällert er: "Jeder Kongoneger hat'n Hosenträger, aber unsereiner, der hat nichts." Xenia hingegen ist überzeugt: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!"

Autor Poschenrieder
Daniela Agostini

Autor Poschenrieder

Der in München lebende Christoph Poschenrieder, 53, schreibt in "Kind ohne Namen" erstmals aus der Sicht einer Frau und schafft es, seiner Protagonistin eine klare und teils erfrischend schnoddrige Stimme zu verleihen, die selbstbewusst und authentisch wirkt. Seine Xenia ist eine patente und moderne junge Frau, die sich kein X für ein U vormachen lässt und im Nu schnallt, wer gut, böse oder "irgendwie dazwischen" ist.

Gassi-Beutel und Bananen

Beim Willkommensfest regiert zunächst das Böse. Dorfbewohner schleudern einen vollen Gassi-Beutel auf den Tisch und Xenias Bruder Josef, scharf gescheitelter Nazi im Dienst des Burgherren, lässt Bananen regnen. Xenia klaubt sie auf, verwurstet sie im Obstsalat und verguckt sich prompt in den "rehbraunäugigen" Geflüchteten Ahmed: "Einer der Jungs sah mich an, ich nahm seinen Blick und lenkte ihn weiter in Richtung Handyberg, unsichtbar über dem dunklen, stillen Wald. Fremder, der du hier eingehst, lass alle Hoffnung fahren, hätte ich auch sagen können. Er tat mir sofort leid, der Junge. Telefone, das sind die Luftwurzeln, die weit reichen, dorthin, woher sie gekommen sind, diese Leute."

Wortgebilde wie "Luftwurzeln" und "Handyberg" künden von der Fabulierlust, mit der Christoph Poschenrieder zu Werke geht. Der Autor, der sich als Dokumentarfilmautor und Schreiber für Computersoftware-Handbücher verdingte, streift schwer wirkenden Stoffen mühelos ein Gewand aus Leichtigkeit und Witz über.

Das war schon in seinem Debütroman "Die Welt ist im Kopf" von 2010 so. Darin ließ er den als Griesgram und Frauenhasser verschrienen Philosophen Arthur Schopenhauer auf Lord Byron treffen und gönnte ihm ein paar heftige - wohl fiktionale - Liebeleien. Kritiker jubelten, Poschenrieder formuliere ähnlich dringlich wie Daniel Kehlmann in "Vermessung der Welt". Mit "Das Sandkorn" aus 2014, einer Liebes- und Krimistory um einen schwulen Kunsthistoriker im Ersten Weltkrieg, war Poschenrieder für den Deutschen Buchpreis nominiert. In "Mauersegler" von 2015 verfrachtete er alte, reiche Männer in eine Villa und ließ sie herrlich gaga ihre Selbsttötung verhandeln.

Im Leben zurechtruckeln

Sein fünfter Roman "Kind ohne Namen" nun ist eine moderne Sage geworden, die sich lose an der Novelle "Die schwarze Spinne" des Schweizer Pfarrers und Autors Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842 orientiert. Trotz der Thematik ist "Kind ohne Namen" kein Flüchtlingsroman - dafür sind die Geflüchteten zu randständig gezeichnet. Es ist eher eine Mischung aus Lovestory und Coming-of-Age-Geschichte um eine junge Frau, die sich im Leben zurechtruckelt. Als Leser stapft man Seite an Seite mit den Protagonisten durch Hoch und Tief und hofft, dass alles gut ausgehen möge.

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Christoph Poschenrieder:
Kind ohne Namen

Diogenes, 288 Seiten; 22 Euro

Jedoch: Nachdem der Burgherr den Dörflern verkündet hat, dass weitere Geflüchtete kommen, brennen die Unterkünfte nieder und es gibt einen Toten. Zu allem Übel hat sich Xenias Mutter auf einen Tauschhandel mit dem Burgherren eingelassen, der Xenias noch geheimes Kind gefährden könnte.

Christoph Poschenrieder sagte einmal, der Leser solle sich aus seinen Romanen das mitnehmen, was er findet. "Wenn die eine Leserin oder der andere Leser vielleicht mal ins Grübeln kommt, gut." In "Kind ohne Namen" lässt sich einiges dazu finden.



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