Krisen-Verlierer: Griechenland endet im Nichts - oder in Gewalt

Von Johan Dehoust

Geldautomat in Athen: Wenn sich die Depression in den Alltag fräst Zur Großansicht
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Geldautomat in Athen: Wenn sich die Depression in den Alltag fräst

Ehemann weg, Sparschwein weg - und vor der Tür lauert ein Schäferhund, der an die EU erinnert: In seinem Buch "Warte nur, es passiert schon was" erzählt der Grieche Christos Ikonomou melancholisch schön von den Verlierern der Finanzkrise.

Normalerweise verpackt der Tütenmacher Zeitungen und Prospekte, in diesem Sommer aber hat er einen Spezialauftrag: Er soll auf dem Anwesen seines Chefs nach dem Rechten sehen, während der sich auf seiner Yacht sonnt. Hin und wieder den Rasen mähen, die Blumen gießen - die übrige Zeit im Pool baden und Cocktails schlürfen, so malt es sich der Tütenmacher aus. Aber: Zwischen Traum und Wirklichkeit liegt ein belgischer Schäferhund. Ein schwarzes Ungetüm, das die Gitterstäbe der Gartenpforte umkrallt und die Zähne fletscht.

Der Tütenmacher kennt nur einen Ausweg: Sich ins Auto setzen und abwarten. So wie fast alle Figuren in Christos Ikonomous Erzählband. Der griechische Autor veröffentlicht in "Warte nur, es passiert schon was" Kurzgeschichten und literarische Reportagen, deren Protagonisten den Glauben daran verloren haben, ihr Schicksal noch selbst beeinflussen zu können.

Seit acht Jahren hat Ikonomou beobachtet, wie sich in seinem Heimatland die wirtschaftliche Depression in den Alltag der Unter- und Mittelschicht fräst - und daraus Stoff für Erzählungen gewonnen. 2011 wurde der mittlerweile 42 Jahre alte Autor und Journalist dafür mit dem griechischen Literaturstaatspreis ausgezeichnet. Jetzt ist sein Band auf Deutsch erschienen.

Stahlarbeiter, Packer, Lageristen, vor allem aber Arbeitslose und Frührentner, das sind die Figuren des Buchs. Sie leben im Hafenviertel von Piräus und wissen nicht, wie sie sich gegen den Wirtschaftskollaps wehren sollen. Zu fern erscheinen ihnen die Wohlhabenden, die ihn zu verantworten haben. Sie verhalten sich wie Hühner, die in eine Schockstarre geraten, während über ihnen der Habicht kreist. "Nicht das Fallen ist das, was einen umbringt, sondern der Stillstand", schreibt Ikonomou in einer seiner fünfzehn wundersam-tristen Geschichten.

Feuer vor dem Sozialversicherungsgebäude

In einigen lassen sich Erklärungen für das wirtschaftliche Dilemma Griechenlands entdecken: So kommt man nicht umhin, im Schäferhund, der dem Tütenmacher den Zugang zur Villa versperrt, die EU zu vermuten. Aber: Darum geht es in dem Buch nicht vordergründig. Der feinfühlige Chronist Ikonomou will den Leser in erster Linie spüren lassen, wie sehr die Arbeiter zwischen Docks und Mietskasernen unter existenziellen Ängsten leiden.

Eine Frau betritt ihre Wohnung und stellt fest, dass nicht nur ihr Mann sie verlassen hat, sondern auch ihr Sparschwein weg ist, das sie fast ein Jahr lang täglich mit einem Euro fütterte. Ein Vater schlendert den ganzen Tag durch die Stadt, sucht Nahrung für sich und seinen Sohn, und traut sich abends nicht mit leeren Händen heim. Eine Gruppe gebrechlicher Rentner schart sich in einer kalten Nacht vor einem Sozialversicherungsgebäude um ein Feuer, um am nächsten Morgen in der Schlange vorn zu stehen und so einen Termin zu bekommen.

Ikonomou erzählt von den Verlierern der Finanzkrise in reduzierter und rhythmischer Sprache. Man hofft in jeder Geschichte von neuem, dass sich in ihrem Leben etwas zum Guten verändert - und wird doch jedes Mal wieder ins Nichts entlassen. Keine Pointen, kein Happy-End. Selten schimmert zwischen all der Tristesse, den Geldsorgen und der sozialen Kälte, so etwas wie Lebensfreude und Zuversicht hindurch. Allerdings besonders dann, wenn sich die Figuren dieses Buches in der Taverne treffen, mit Tsipouro zuprosten und von früher erzählen.

In diesen Momenten legt sich ein zauberhaft melancholischer Filter über die Geschichten. Man möchte sich neben die krisengeplagten Hafenarbeiter an den Tresen setzen, ihnen den Arm um die Schulter legen und sagen: Geduld, das wird schon wieder. Aber das wäre wohl zwecklos. Letztlich, dieses Gefühl vermittelt Ikonomou mit seinem Erzählband eindringlich, wird das Warten der Arbeiter kein gutes Ende nehmen. Er befürchte, die sozialen Spannungen in seiner Heimat entlüden sich bald in Gewalt, sagte der Schriftsteller auf der Leipziger Buchmesse.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Jérôme Ferraris "Predigt auf den Untergang Roms", Torsten Schulz' "Nilowsky", Mo Yans "Frösche", Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende", David Wagners "Leben", Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König" und Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne".

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1.
testthewest 27.03.2013
Zitat von sysopEhemann weg, Sparschwein weg - und vor der Tür lauert ein Schäferhund, der an die EU erinnert: In seinem Buch "Warte nur, es passiert schon was" erzählt der Grieche Christos Ikonomous melancholisch schön von den Verlierern der Finanzkrise. Christos Ikonomou: Warte nur, es passiert schon was Rezension - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/christos-ikonomou-warte-nur-es-passiert-schon-was-rezension-a-890175.html)
Es ist schade, dass der Schriftsteller sich nicht an die Wahrheit traut. Einzelschicksale werden eznsiert dargestellt - zensiert, wie wohl auch die Erinnerungen der Personen sind. Da gibt es keine Fakelaki die ohne zu Murren gezahlt wurden - und wenn gezahlt, dann muss sie auch jemand verlangt haben, jemand der auch nur ein kleiner Fisch ist. Da wird auch nichts zum massenhaften Betrug am eigenen Staat erzählt, von der Insel der Blinden und den vielen Rentnern, die es gar nicht gab. Man schaute weg, man profitierte wo man konnte, man fand nichts dabei. Nun steht man vor dem Endergebnis seiner Taten und ist depressiv. Hätte er doch diese Menschen mal gefragt, wie sie sich in der Vergangenheit verhalten haben. Hätte er doch mal den schmerzhaften Prozess der Selbsterkenntnis eingeleitet. Stattdessen ein Buch über Selbstmitleid.
2. Wie wäre es denn mit:
iffel1 27.03.2013
Es muss eben nicht immer bezahlte Arbeit sein, es gibt genug zu tun - auch ehrenamtlich oder freiwillig. Ist es schöner, in Lethargie zu verfallen und andere Schuldige zu suchen ? Nein liebe Griechen, tut was !
3.
spon-facebook-10000283853 27.03.2013
Zitat von sysopEhemann weg, Sparschwein weg - und vor der Tür lauert ein Schäferhund, der an die EU erinnert: In seinem Buch "Warte nur, es passiert schon was" erzählt der Grieche Christos Ikonomous melancholisch schön von den Verlierern der Finanzkrise. Christos Ikonomou: Warte nur, es passiert schon was Rezension - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/christos-ikonomou-warte-nur-es-passiert-schon-was-rezension-a-890175.html)
Es ist keine Finanzkrise - es ist eine Schuldenkrise. Die Ursache ist der Glaube vom Geld der Anderen leben zu können - ohne zu bedenken, dass die anderen genau so denken ...
4. Ich glaub, es hackt!
snickerman 27.03.2013
Zitat von iffel1Es muss eben nicht immer bezahlte Arbeit sein, es gibt genug zu tun - auch ehrenamtlich oder freiwillig. Ist es schöner, in Lethargie zu verfallen und andere Schuldige zu suchen ? Nein liebe Griechen, tut was !
Ja, klar, wenn man schon seine Wohnung nicht bezahlen kann oder nicht mal mehr Medikamente oder Essen kaufen kann, dann soll man Ihrer Meinung nach auch noch losziehen und für umme die Straßen fegen? "Es muss nicht immer bezahlte Arbeit sein"- so einen widerlichen Hohn habe ich ja selten gelesen. Sowas kann nur aus den Fingern von einem fließen, dem es eindeutig zu gut geht! Halten Sie doch mal Ihren Sermon auf einem griechischen Platz, dann bricht der vorhergesagte Aufstand wahrscheinlich wirklich aus! Und zum Erstposter: Schon mal auf die Idee gekommen, dass nicht alle Profiteure des Systems sind? Fakelaki werden ja nicht aus Spaß bezahlt, sondern weil Selbstverständlichkeiten dort nicht ohne Gefälligkeiten funktioniert haben. Auf jeden, der solche Umschläge annimmt, kommen mehrere, die bezahlen. Sie sollten Sich glücklich schätzen, in einem Land zu leben, in dem das NICHT die Regel ist, sondern eine zu Recht strafbare Ausnahme!
5. Ich finde es nicht in Ordnung
sirisee 27.03.2013
wie hier über die Griechen hergezogen wird. Griechenland braucht Zeit, Verständnis und mehr Geld. Hätte man Griechenland schon 2009 großzügig geholfen, gäbe es überhaupt kein Problem. Nur die Agenda-Politik ist an der Misere Schuld. Angesichts der Vergangenheit ist das schlimm!
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