Comics für Filmliebhaber Vom Kino gezeichnet

Bilder und Gefühle, größer und gewaltiger als das eigene Leben: Die französischen Comicbände "Cinerama" und "Ein letztes Wort zum Kino" erzählen leidenschaftlich und klug von der wechselvollen Liebe zum Film.

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Blutch/ Reprodukt

Tocotronic, diese romantischen Superspätmodernisten des Pops, warnten in ihrem Song "Meine Freundin und ihr Freund" nicht von ungefähr: "Und im Leben geht's oft her wie in einem Film von Rohmer / Und um das alles zu begreifen / Wird man, was man furchtbar hasst, nämlich Cineast / Zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen".

Ein Zitat, das problemlos aus "Ein letztes Wort zum Kino" stammen könnte. Darin geht Autor Blutch (bürgerlich Christian Hincker) allerdings noch härter ins Gericht: "Cinephilie ist Masturbation", heißt es da etwa apodiktisch in einer Vignette seines faszinierenden Comics, der in assoziativer Szenenfolge die Obsessionen und Frustrationen einer intellektuellen wie zugleich triebhaften Filmliebe ausleuchtet.

Die deutsche Ausgabe ist nun bei Reprodukt erschienen, und parallel zu Blutch' Buch hat der Berliner Verlag gleich noch einen weiteren cinephilen Comic aus Frankreich herausgebracht: In "Cinerama" hält Autor Charles Berberian Rückschau auf die eigene, sehr eklektische Filmsozialisation und widmet sich dabei unter anderem ägyptischen Musikmelodramen, türkischen Blockbuster-Imitationen und japanischem Monstertrash.

Die beiden sorgfältig gestalteten Bandes dessinées wurden von Ulrich Pröfrock formidabel ins Deutsche übersetzt, und gerade weil Berberian und Blutch so unterschiedlich in ihrer jeweiligen Sicht auf das Kino sind, bilden ihre Comics zusammengenommen eine reizvolle Klammer.

Lüsterne Blicke auf die Leinwand

Blutch stellt seinem Band programmatisch einen Text des Poeten André Hardellet voran, der vom reinen Film-Film ohne Beginn und Schluss träumt. Davon inspiriert wühlt der Erzähler in "Ein letztes Wort zum Kino" im eigenen visuellen Gedächtnis und holt Schlüsselszenen einer Hassliebe zum bewegten Bild an die Oberfläche. Die phantasmagorische Begegnung mit einem erfolglos angelnden Jean-Luc Godard gehört dazu ebenso wie eine Miniaturstudie von Burt Lancaster, dessen viriles Grinsen aus den frühen Abenteuerfilmen dem vom Zahn der Zeit eingeholten Mannsbild in Viscontis "Der Leopard" weicht.

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Ob Alain Delons Damenparfüm "Le Temps d'Aimer", John Waynes Gürtelschnalle oder Michel Piccolis Melancholie der Männlichkeit, Blutch lässt sein Erinnerungsrhizom derart sprunghaft und verästelt wuchern, dass Gilles Deleuze und Félix Guattari ihre helle Freude daran hätten.

Überhaupt ist sein Comic ein prächtiger Fundus für theorieaffine Kinoverehrer wie -verächter, wenn im streitbaren Dialog verschwenderisch viele zitierfähige Sätze fallen wie "Film ist Täuschung auf höchstem Niveau. Der verkappte Vormarsch der industriellen Bourgeoisie" oder "Die Großaufnahme von William Holdens Gesicht in 'Missouri' wiegt einen Rembrandt auf".

Starke Worte, mit denen sich der 1967 geborene Autor geistreich am Widerspruch von Kunst und Kommerz abarbeitet. Der treibt das Kino aber seit seinen frühen Jahrmarktstagen an, genauso wie der Sex, den Blutch als die andere Triebfeder vor und auf der Leinwand ausmacht. So darf im Comic etwa Paul Gégauff als graue Eminenz der Nouvelle Vague auftreten und mit den eigenen Idealen abrechnen: "Der Filmklub entstand, um zu vögeln."

Nicht minder bilderstürmerisch widmet sich Blutch dem Male gaze, dem männlichen Blick der Kamera, der hier von Anita Ekberg in Fellinis "La dolce vita" bis zu Anne-Marie Deschodt in Buñuels "Das Gespenst der Freiheit" weibliche Stars zu Fetischobjekten der hier so schlecht beleumundeten Cinephilen macht, die ihre Lüsternheit gern hinter den runtergeratterten Namen großer Regisseure zu verbergen suchen. Dass Blutch trotz all der selbstkritischen Schärfe die eigene Liebe zum Film nicht austreiben kann, macht seinen Comic dabei noch lesenswerter.

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Fotostrecke: "Cinerama"
Sexy Schulterpolster, Sozialisten und Supermanns Unterhose

Um Sex geht es auch in Charles Berberians "Cinerama", wenngleich sich die Leinwandpassionen seines autobiografischen Comichelden weitaus verspielter und sonniger ausnehmen als bei Blutch. Berberians liebevolle Reminiszenz gilt schließlich den besten unter den schlechtesten Filmen seines Lebens, und nur zu gern lässt man sich von der Begeisterung für ein lachhaft billig produziertes, türkisches Remake von "Star Wars" anstecken, das sich in sinnfreier Dreistigkeit zu surrealen Höhen aufschwingt.

Aufrichtig rührend gerät danach der Blick zurück ins Bagdad der Sechzigerjahre, als der kleine Charles von seinem kinobegeisterten Kindermädchen in zuckrige Melodramen mit dem singenden Frauenschwarm Farid el Atrache geschleppt wird. Das eigene Frühlingserwachen verdankt er dann einige Jahre später, nunmehr heranwachsend in Frankreich, der Schauspielerin Edwige Fenech und ihrem gewagten Auftritt im spekulativen Reißer "Das Geheimnis der Blutigen Lilie" (1972).

Neben der Ode an den Star seiner pubertären Phantasien liefert Berberian eine kühne Analyse der Achtziger-Schulterpolster-Schmonzette "Duett zu dritt" (1985), die er als Filmmetapher für die Euphorie und spätere Ernüchterung nach dem Wahlsieg der französischen Sozialisten unter Mitterand ausmacht. Das liest sich ebenso kurzweilig und charmant wie seine Exkurse zu Superhelden, die ihre Unterhose partout obendrüber tragen, und zum Suchtfaktor von TV-Serien wie "Dallas" oder "Die Sopranos".

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Nicht nur der Esprit eint Blutch und Berberian sonst so eigene Einlassungen, sondern auch die Verbundenheit des Kinos zum Comic und umgekehrt: Man teilt schließlich die Fähigkeit zum nicht linearen Erzählen und das Bewusstsein, sich erst vom misstrauisch beäugten Schmuddelkind der Moderne zur ernst genommen Kunstform hochgekämpft zu haben. Und als solche, daran erinnern diese beiden schönen Bände eindringlich, kann Film das Leben imitieren und prägen wie keine andere.

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