Aufreißen als Subkultur: Höher, schneller, Weiber

Von Oskar Piegsa

"Fiese Kerle": In der Flachleger-Innung Fotos
Corbis

In "Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern" begibt sich die Sadomasochistin und Feministin Clarisse Thorn unter die Pick-up-Artists - eine Subkultur, in der Frauen nur Zielobjekte einer leistungsorientierten Sexualität sind. Ausflug in der Welt von Suchenden, Hedonisten und Frauenhassern.

Die amerikanische Autorin Clarisse Thorn pflegt ihre Widersprüche: Sie bezeichnet sich als "fanatische Feministin" im Kampf gegen den Sexismus. Sie neigt zu komplizierten Liebhabern und hat in der Regel mehr als einen davon. Und sie ist eine Sadomasochistin, die es ernst meint mit ihrer Perversion.

All das berichtet Clarisse Thorn in ihrem Blog und in Büchern wie "Fiese Kerle?", das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Von Blutergüssen und Begierde ist da zu lesen, von der Beziehung zu einem Mann, der seine Jungfräulichkeit bis zur Ehe bewahren will (erlaubt ist für ihn aber alles außer vaginaler Penetration), und von "Heteronormativität", die es zu "dekonstruieren" gilt. Als wäre das nicht schon genug, fühlt sich Clarisse Thorn, diese in jeder Hinsicht aufgeklärte Frau, seit einigen Jahren hingezogen zu einer besonders dubiosen sexuellen Subkultur: den Aufreißern.

Die Aufreißer (Selbstbezeichnung: Pick-up-Artists) tragen Künstlernamen wie Mystery oder James Amoureux. Frauen sind für sie "Targets", die sie auf einer Skala von eins ("Warzenschwein") bis zehn ("Hot-Babe-10") bewerten. Aus Versatzstücken der Psychologie und der Evolutionstheorie entwickeln die Aufreißer Techniken wie die "Evolution-Phase-Shift-Routine" mit denen sie die "Last Minute Resistance" ihrer "Targets" durchbrechen wollen. Anschließend schreiben sie "Lay Reports", die ihre Erfolge dokumentieren, und machen sich auf zum nächsten "Target". Dabei geht es nicht nur darum, möglichst viele Frauen ins Bett zu bekommen, sondern auch um sexuelles "Self-improvement": Je hotter das Babe, desto better der Artist. Die erfolgreichsten unter ihnen verkaufen Ratgeberbücher, halten Vorträge und veranstalten teure Workshops für sexuelle Minderleister.

Die Strahlkraft der Aufreißer reicht weit in den Mainstream der amerikanischen Popkultur hinein. Barney Stinson machte die Aufreißermethoden als fiktionale Figur in der Sitcom "How I Met Your Mother" bekannt. Als der Journalist Neil Strauss einen Erfahrungsbericht über Aufreißermethoden schrieb, stand er damit wochenlang in den amerikanischen Bestsellerlisten ("Die perfekte Masche", 2006). Glaubt man Thorn, dann könnten mehr als ein Drittel aller jungen Männer in Amerika schon einmal Texte der Aufreißer gelesen haben. Belastbare Zahlen gibt es dazu nicht.

Man könnte es sich leichtmachen und behaupten: Die Aufreißer, wie Thorn sie beschreibt, sind ein typisch amerikanisches Phänomen. Immerhin scheinen sie entwachsen zu sein aus christlich-repressiven Moralvorstellungen und einer neoliberalen Leistungsethik, aus der ritualisierten Dating-Kultur und den archaischen Männerbildern des Western und der Wall Street. Nicht zuletzt profitieren sie von ihrer Anschlussfähigkeit an zwei der erfolgreichsten Genres auf dem amerikanischen Buchmarkt: die Populärwissenschaft und die Lebenshilfe. Doch Clarisse Thorn macht es sich nicht leicht. Sie ist fasziniert von den Aufreißern und bemüht sich, möglichst viele von ihnen kennenzulernen. "Confessions of a Pickup Artist Chaser" lautet der Originaltitel ihres Buches, "Geständnisse einer Aufreißerjägerin".

Rationalisierung des Sex

Im Deutschen liest sich "Fiese Kerle?" mal wie eine akademische Hausarbeit (wenn Clarisse Thorn sich an einer Typologie der Aufreißerszene versucht und ihre Methoden katalogisiert) und mal wie ein Tagebuch (wenn sie von ihrer Beziehung zu ihrem Freund Adam schreibt, die nicht zuletzt unter Thorns Nähe zu den Aufreißern leidet). Thorn bemüht sich bei ihren Recherchen weder um Distanz noch um Vollständigkeit, eher schon um Intensität.

Die Treffen, die Thorn mit den Aufreißern ausmacht, sind eher Dates als Interviews: Manche Gespräche finden in Bars, andere auf Bettkanten statt. Und Neil Strauss, den Journalisten, der selbst zum Aufreißer wurde, himmelt sie unumwunden an. Später gibt sie selbst einen Aufreißerworkshop. Und während eine Journalistin versucht hätte, auch die düsteren Ecken der Subkultur auszuleuchten, setzt Thorn auf gegenseitige Sympathie als Vorbedingung ihrer Interviews. Typen, die ihr fragwürdig erscheinen, meidet sie.

Dass Aufreißer sich der Alltagsmoral entziehen, ist Clarisse Thorn sympathisch. Sorgen bereitet ihr etwas anderes: Sowohl im Feminismus als auch im Sadomasochismus (BDSM) werden Triebe rational eingehegt, sollen der Sexualität ihre düsteren Mehrdeutigkeiten genommen werden. Der Feminismus tut das durch das Gebot der "enthusiastischen Zustimmung": Demnach darf kein Mann mit einer Frau schlafen, nur weil diese sich gegen seine Zudringlichkeiten nicht wehrt. "Nein" heißt "Nein", und "Ja" heißt "Ja", alles andere steht unter Vergewaltigungsverdacht. Im BDSM werden zwar bisweilen Vergewaltigungen gespielt, sie bleiben dabei aber genau das: ein Spiel mit festgelegten Regeln und Grenzen. Wem es zu viel wird, der sagt sein "Safeword" und beendet das Spiel.

Auch die Aufreißer versuchen sich an einer Rationalisierung des Sex. Sie üben sich in Taktiken der Körpersprache, des Neckens und des Schmeichelns und entwickeln komplizierte Theorien der Verführung. Von "enthusiastischer Zustimmung" und "Safewords" halten sie aber nichts. Die Aggressivsten von ihnen fahren auf düstere Ambivalenzen ab: Die Frau zögert? Das ist doch nur ein Flirt! Sie sagt nicht "Ja", aber auch nicht richtig "Nein"? Weitermachen, wird schon!

Clarisse Thorn ist sehr darum bemüht, die Aufreißerszene nicht zu verteufeln, sondern zwischen den einsamen Ratsuchenden, den harmlosen Hedonisten, den kommerziellen Opportunisten und den gefährlichen Frauenhassern zu unterscheiden. Und sie gesteht, dass sie manchmal erotische Mehrdeutigkeiten schätzt. Doch ihr Versuch, die Logik des Aufreißens mit der Logik des Feminismus und des BDSM zu versöhnen, scheitert. Er beläuft sich am Ende auf nicht mehr als die Forderung, man müsse beim Sex auch auf die Gefühle seines Partners achten.

Das ist eine ehrenwerte Forderung, aber sicher nicht die "Große Theorie des ethischen Aufreißens", die Clarisse Thorn im Laufe ihres Buches mehrmals angekündigt hatte. Sind die Aufreißer nun allesamt fiese Kerle? Thorn, so scheint es, will sich da nicht entscheiden.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Fantastisch!
ärgernis 21.05.2013
Der Verführer wird wissenschaftlich analysiert. Dabei ist leider schon alles gesagt. Nur nicht von jeder.
2.
neu_ab 21.05.2013
Hmm, diese Frau sieht gar nicht mal aus wie ne Feministin... xD
3.
yogibimbi 21.05.2013
Das muss mir mal jemand erklären. Die einzige Logik, die ich da sehe ist die, dass immer die anderen Schuld sind. Gleiche Rechte für alle, und für die, die schwanger werden können, noch ein paar Sonderrechte.
4. Sexistischer Artikel
mardas 21.05.2013
Zitat von sysopIn "Fiese Kerle - Unterwegs mit Aufreißern" begibt sich die Sadomasochistin und Feministin Clarisse Thorn unter die Pick-up-Artists - eine Subkultur, in der Frauen nur Zielobjekte einer leistungsorientierten Sexualität sind. Ausflug in der Welt von Suchenden, Hedonisten und Frauenhassern. Clarisse Thorn: "Fiese Kerle" Pick-Up-Artists und Aufreisser - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/clarisse-thorn-fiese-kerle-pick-up-artists-und-aufreisser-a-898585.html)
Und wieder heißt es, es gäbe nur männliche Aufreißer und nur weibliche Opfer... Dafür dass dieser Artikel von einem Mann geschrieben ist, ist er ziemlich sexistisch. Oder ist er es gerade deshalb? Warum kommen mir die Feministinnen nur oftmals viel liberaler vor als die Feministen?
5.
yogibimbi 21.05.2013
Zitat von neu_abHmm, diese Frau sieht gar nicht mal aus wie ne Feministin... xD
Da bräuchte ich eine kleine Hilfestellung: Wie sieht denn dann so eine Feministin aus? Nicht rasiert unter den Achseln, leichter Flaum auf der Oberlippe wäre auch ganz schön, so, zum Abgewöhnen und ansonsten so, dass man sie nun wirklich nicht anfassen wollte? Also, wenn es nach letzterem ginge, wäre sie zumindest für mich durchaus feministisch. Aber das Problem mit den meisten Frauen ist ja, dass sie sich nur Feministinnen nennen, solange es bequem ist. Wenn es dann um wirklich gleiche Rechte geht, finden sie es schon ganz nett, wenn die Männer ihnen doch die Tür aufhalten und wenn man sich 10 Jahre pures Leid im Kerker der Ehe dann mit einer 50%-Abfindung der "gemeinsam" geschaffenen Werte vergüten lässt, Kinder inklusive. Hausarbeit schafft ja schliesslich auch was. Man opfert sich ja für das Familienleben. Und komm mir jetzt keiner mit der Quote...
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