Comedian Russell Brand Ein Witzbold will den Umsturz

In Deutschland kennt man ihn als Ex-Mann von Katy Perry, in Großbritannien ist Comedian Russell Brand hingegen ein Star. Nun hat er ein Buch mit seiner Lebenserkenntnis veröffentlicht: Ruhm und Geld nutzen nichts, wir brauchen die Revolution!

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Die beste Idee hat sich Russell Brand bis auf Seite 456 aufgehoben: Die Erlöse seines Buches, so notiert er dort, werde er in ein Café stecken, in dem ehemalige Drogensüchtige wie er eine zweite Chance bekommen. Wir begrüßen das - allein schon, damit die anderen Ex-Junkies nicht alle ein Buch wie dieses schreiben müssen, um einen neuen Sinn im Leben zu finden - und empfehlen Ihnen wärmstens: Unterstützten Sie die gute Sache! Kaufen Sie dieses Buch! Aber kommen Sie, um Himmels willen, nicht auf die Idee, den Quatsch dann auch zu lesen.

Brand, 39, ist in Großbritannien als Comedian, Moderator und Schauspieler bekannt, bei uns eher als Ex-Mann der US-Popsängerin Katy Perry. Lange Zeit versorgte er die britischen Boulevardzeitungen mit Details seiner Drogen- und Sexsucht. Inzwischen ist er geheilt, berauscht nur noch vom Yoga, vom regelmäßigen Meditieren und von den Ideen linker Intellektueller wie Thomas Piketty, Noam Chomsky und David Graeber. Ein Polit-Esoteriker. In seinem Buch "Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung" rührt er alles ineinander: das Yoga, die Meditation, die Theorien - und schmeckt es noch mit den Grundsätzen der Anonymen Alkoholiker ab. Es ist ein Mix, der den Kopf des Lesers benebelt wie drei Long Island Iced Tea.

Ein Buch wie ein Barbesuch

Brand schreibt alles auf, was ihm durch die Rübe rauscht: Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in einfachsten Verhältnissen, Geschichten aus seiner wilden Zeit mit jeder Menge Girls und Glamour, Theorien zur Weltrevolution. Was ihn als Autor eines radikal linken Polit-Buches qualifiziert? "Dass ich gesehen habe, was Ruhm und Reichtum zu bieten haben, und dass das nicht die Antwort darstellt."

Manches ist gewitzt formuliert, das meiste ist geschwätzig. Man muss sich die Lektüre des Buches wie einen Barbesuch vorstellen: ein fremder Typ, der schon drei Drinks drin hat, quatscht einen an, erzählt einem erst sein Leben und erklärt einem dann die Welt. Der Unterschied: Der fremde Typ ist in unserem Fall nüchtern - und man selber leider auch.

Brand ist ein ehemaliger Badboy, der sich alle Mühe gibt, gut zu werden. Deftige Vokabeln und markige Sprüche hat er trotzdem noch drauf. Auf Seite 29 schreibt er: "Der ganze Kyoto-Kram - die Reduktion der Kohlenstoffemissionen um x Prozent bis zum Jahr y - ist nichts weiter als gequirlte Scheiße." Auf Seite 98: "Jede Version einer Theologie, die sich nur in prunkvollen Gewändern und glänzenden Palästen für den Kerl an der Spitze manifestiert, ist gequirlte Scheiße." Auf Seite 133: Die Wirtschaftsnachrichten im Fernsehen seien, Sie ahnen es, "ein Haufen gequirlte Scheiße". Kurzum: Unser ganzes System "ist krank und beschissen, und es macht uns krank und reitet uns in die Scheiße".

Meditieren für den Weltfrieden

Fairerweise muss man erwähnen, dass Brands Schimpfwortschatz nicht so klein ist, wie die gerade zitierten Stellen vermuten lassen: Er wettert auch gegen die "arroganten Arschgeigen von Monsanto" und beklagt, dass die Finanzwelt sich über Thomas Pikettys Ideen empört habe, "als hätte er von ihnen verlangt, ihre Schwestern flachzulegen". Er schreibt, dass es "voll für den Arsch" sei, wählen zu gehen, weil sowieso niemand an die Macht komme, der die Interessen des breiten Volkes vertrete. Ausnahmen sieht er nicht, schon gar nicht in den USA: "Die Freude über Obamas Präsidentschaft nach acht Jahren Bush kommt einem faden Blowjob am Ende eines langen, beschissenen Abends gleich. Ganz schön für den Augenblick, aber wer zahlt die Zeche?"

Helfen kann uns nur eine Revolution, da ist sich Brand sicher. Aber wie diese Revolution in Gang kommen könnte, weiß er nicht so genau. Und wohin sie führen sollte, leider auch nicht. Seine Ideen bleiben vage und wirr: Abschaffung sämtlicher privater Sicherheitsdienste für Reiche (weil die Reichen es dann nicht mehr wagen, die Gesellschaft so schamlos auszubeuten). Abschaffung aller akademischen und sonstigen Titel (weil sich die Menschen dann als gleichwertige Partner begegnen und nicht mehr als Herr und Bittsteller). Regelmäßige Meditationen und Gebete (weil die Menschen dann mehr Empathie füreinander haben). Löschung all jener Konzerne aus dem Unternehmensregister, die sich kriminell verhalten haben, "wie etwa Monsanto, General Motors, Philip Morris, Pfizer". Übereignung sämtlicher Firmenvermögen an die Mitarbeiter.

Viele von Brands Gedanken sind gar nicht mal falsch, sie sind schließlich schon von vielen vor ihm so ähnlich formuliert worden. So schlicht allerdings noch nie. Brand meint seine Kapitalismuskritik ernst, ernst nehmen kann man ihn leider nicht. Der Witzbold bleibt eine Witzfigur.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
gympanse 22.04.2015
1.
Dieser "Clown" vertritt seine Thesen auch auf seinem Youtube Kanal. Dafür dass er mit den Videos erst 2014 angefangen hat (vorher waren nur Mitschnitte von Shows da) und bereits über 1 Millionen Subscriber hat, einer der am schnellsten wachsenden nicht MCN gestützten Kanäle überhaupt. Willkommen im #Neuland.
ornitologe 22.04.2015
2. Nun ja,
wer über Sch...e mitreden bzw. schreiben will, sollte zumindest wissen wie sie stinkt. Und das weiß Brand gem. seiner Vita augenscheinlich. Nicht Wenige, die nach einer Odyssée durch Glamour, Sex und Drogen wieder aufwachen bemerken, dass sie einer Scheinwelt aufgesessen sind. Der Frust über die verplemperte Lebenszeit erzeugt dann schon mal radikale Ansichten. In welcher Verpackung diese dann zutage treten, ist dem intellektuellen Vermögen des "Erkennenden" geschuldet. Bei Brand wohl eher schlicht, aber nichts desto weniger ehrlich. Wenn sein Buch nun eher schlichte Züge aufweist, zeigt es aus meiner Sicht dennoch das, was viele über diese Welt denken. Das sogenannte Bildungsbürgertum ist schnell dabei, die Nase über intellektuell Bodenständiges zu rümpfen - hat aber erfahrungsgemäß entgegen bildungsferneren Schichten weniger soziale Empathie im Portfolio. Die Kritik des Artikelverfassers an Brand´s Buch beschreibt dieses Phänomen recht anschaulich.
madpaddy 22.04.2015
3.
Jeder Systemkritiker ist willkommen. Die Rufe werden immer lauter. Und das ist richtig und wichtig. Brand erreicht damit vielleicht eine Zielgruppe, die die Anderen nicht erreichen.
derpolokolop 22.04.2015
4. Alles was der Status Quo...
gefährden könnte muss die Media verunglimpfen. Von eine ausseinandersetzen über Demokratie gefährdende Institutionen wie Lobbyismus oder Steuerlücken muss abgelenkt werden!
comtom 22.04.2015
5.
Blumige Ausdrucksweise und in vielen Punkten mag er recht haben. Nur hat Mr. Brand ein Problem und das ist sein Beruf als Comedian. Denn so wird er nicht ernst genommen. Leider werden dann solche Typen wie Merkel, Obama, Putin und Co ernst genommen und bestimmen mit den Bekannten Verdächtigen der Wirtschaft die Welt und damit die weitreichende Armut.
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