Comic-Autor Mark Millar "Ich mag Problemlöser mit Knarre"

Mark Millar ist ein Starautor der Comic-Szene, seine Bücher "Kick Ass" und "Wanted" wurden erfolgreich verfilmt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Schotte, warum sein Zynismus in den USA so gefragt ist, wie er es mit Sex und Katholizismus hält - und wie man Mädchen rumkriegt.

Panini Comics/ Marvel

SPIEGEL ONLINE: Mr. Millar, Sie haben an der Adaption Ihres Kinder-Superhelden-Comics "Kick Ass" mitgearbeitet. Im Film spendieren Sie Ihrer Hauptfigur ein Happy End. Warum diese Milde?

Millar: Die Werktreue bei der Verfilmung von Comics muss nicht sklavisch sein. In beiden Genres gelten unterschiedliche Regeln - im Comic kommt man mit einem Maß an Düsternis durch, das im Kino wohl das Publikum verschrecken würde. Ich selbst mag Filme mit einem Happy End. Außerdem ist es für mich als Zuschauer irgendwie enttäuschend, wenn der Film zu sehr der Vorlage folgt. Nehmen Sie einen meiner absoluten Lieblingscomics, "Watchmen". Der Film war in Ordnung, aber ich wusste in jeder Sekunde, was als nächstes passiert. Etwas fehlte, etwas Eigenes, das der Film dem Comic hinzufügt.

SPIEGEL ONLINE: Sie verbinden in Ihren Comics - angefangen bei "The Authority" über "Civil War" und "1985" bis zu "Kick Ass" - Superhelden-Storys mit einer gehörigen Dosis Realität. Woher kommt dieser Ansatz?

Millar: Zum einen schreibe ich gerne über das, was ich kenne. Also ist es nahe liegend, dass meine Lebensrealität in die Comics einfließt. "Kick Ass" basiert zum Beispiel auf meinen eigenen Kindheitsphantasien - ich war besessen von dem Gedanken, selbst ein Superheld zu sein. Heutzutage gibt es viele Autoren, die die Comics, die sie selbst seit Jahrzehnten lesen, so sehr lieben, dass sie eher dazu neigen, andere Comics in ihre Geschichte einfließen zu lassen. Comic ist ein sehr selbstreferenzielles Medium geworden. Das interessiert mich nicht so - anstatt alte, vergessene Figuren aus der Comic-Geschichte wiederzubeleben, male ich mir lieber aus, wie die Figuren, die ich mag, in der Welt wie ich sie kenne, reagieren würden. Und die Welt auf sie.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammt Ihr Hang zum Politischen und Autoritätskritischen?

Millar: Meine Comics sind schon deshalb etwas politischer als der amerikanische Durchschnitt, weil ich Brite und vor allem Schotte bin. Speziell wir Schotten haben ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegenüber Uniformen, viel mehr als Amerikaner. Die werden eher dazu erzogen, Autoritäten und Uniformen zu respektieren. In Großbritannien haben wir schon seit langem kein großes Vertrauen mehr in Autoritäten - schließlich haben wir erfahren müssen, wie schnell die alles ruinieren können, sogar ein komplettes Empire.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kommt dieser britische Skeptizismus in den USA dann so gut an? Ihre Comics stehen regelmäßig an der Spitze der Verkaufscharts.

Millar: Dieses Misstrauen gegenüber Autoritäten wird in den USA immer populärer, weil die Amerikaner gerade eine ähnliche Erfahrung machen wie die Briten in der Vergangenheit - sie verlieren ihre Großmachtstellung in der Welt. Heute, nach 9/11, dem Einmarsch im Irak und der Immobilien- und Bankenkrise, sind die Amerikaner empfänglicher für Zynismus als jemals zuvor. Vielleicht sind britische Autoren dort deshalb seit Jahren ziemlich erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben parallel für Großverlage wie Marvel und arbeiten an eigenen Serien und Figuren. Wo ist mehr Platz für Ihre Überzeugungen und Erfahrungen?

Millar: Ich arbeite in beiden Bereichen ähnlich. In "1985", das ich für Marvel geschrieben habe, verarbeite ich meine eigenen Kindheitsträume - wie wäre es, wenn die Superhelden aus den Comics in meine Realität wechseln würden? Aber natürlich ist eine Serie wie "Kick Ass" näher am Leben, bei eigenen Titeln habe ich einfach mehr Spielraum. Nehmen Sie zum Beispiel Peter Parker, also Spider-Man - als 16-Jähriger hat er mit Sicherheit häufig masturbiert, aber das darf ich in einem Marvel-Comic nicht thematisieren. In "Kick Ass" geht das.

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Chinasky, 26.09.2010
1. Comics bestehen aus Bild und Wort
Ich finde es sehr bedauerlich, daß in dem gesamten Interview nicht eine einzige Frage bezüglich der Zusammenarbeit mit den Zeichnern gestellt wird. Soweit ich es verstehe, ist Mark Millar "nur" Autor - Comics leben aber auch und gerade von den Zeichnern. Wenn in der Fotostrecke zum Artikel z.T. ziemlich beeindruckende Artworks gezeigt werden, dann wüßte man doch gern, von welchen Zeichen- und Kolorierungskünstlern die angefertigt wurden. Wie der Workflow bei so einem erfolgreichen Comicprojekt ist, wie sich Zeichner und Autor gegenseitig beeinflussen, wie sie sich aufeinander abstimmen (müssen), wie sie vielleicht auch teilweise sich in die Haare kriegen, weil z.B. der Autor sich eine Szene komplett anders vorstellt, oder der Zeichner eine Szene für visuell überflüssig hält... sowas könnte man doch wenigstens mal anschneiden in so einem Interview, oder?
Savryn 27.09.2010
2. ...
Da hat Chinasky schon recht. Comics und Graphic Novels sind immer eine Teamarbeit. Ohne die Zeichner wäre das sonst nämlich nur ein nettes Geschichtchen. Im Zweifelsfall sogar nicht mal so richtig dolle geschrieben. Andy Diggle's "The Losers" würde nicht ohne den Stil von Jock funktionieren, genauso wie Vaughan's "Y: The Last Man" nur zusammen mit Guerra's und Marzan's Illustration zum unvergesslichen Klassiker geworden ist. Um das aber zu verstehen, müsste auch in der deutschen Öffentlichkeit, insbesondere aber bei den Leuten die sich als Größen der Kultur bezeichnen, ankommen, dass es sich bei Comics um mehr handelt als nur bunte Bildergeschichten für Kinder. Hell, ich kenne viele Comics die mehr kulturellen Gehalt haben als einige der Bücher sogenannter Kritiker-Bestenlisten.
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