Comic-Biografie "Blankets" Das Monster im Klappbett

Craig Thompsons autobiografischer Comic "Blankets" war im vergangenen Jahr eines der Großereignisse im amerikanischen Kulturbetrieb. Allein durch Mundpropaganda verkaufte sich die Erstauflage innerhalb weniger Tage. Jetzt liegt das in jeder Hinsicht außergewöhnliche Werk auch auf Deutsch vor.


Thompson-Comic "Blankets": Konstanter Strom aus Erzählung und Reflexion

Thompson-Comic "Blankets": Konstanter Strom aus Erzählung und Reflexion

Gleich zu Anfang packt Thompson den Leser an der Gurgel. Er erzählt vom Streit zweier Kinder um die Bettdecke und vom Auftauchen des ob des Lärms wütenden Vaters. Eigentlich ein völlig normales Ereignis. Bei Thompson aber gerät es zum Furcht einflößenden Drama. Der Vater als unaufhaltsamer Bestrafer, das hervorgeholte Klappbett als verschlingendes Monster. Der Alltag, strikt aus der Kinderperspektive geschildert, gerät zum Horror.

Was Craig Thompson seinem Comic-Roman "Blankets" hier auf wenigen Seiten zur Einleitung voranstellt, macht tatsächlich trotz oder wegen seiner äußerlichen Banalität Angst. Es gibt den Ton an für das, was auf den folgenden fast 600 Seiten passiert. In einem konstanten Strom aus Erzählung und Reflexion berichtet der Autor und Zeichner von einer Kindheit und Jugend als Sohn ultrakonservativer Baptisten in den USA der achtziger und neunziger Jahre. Immer wieder geht es um Dominanz und Selbstbestimmung. Darum, wie man angesichts solcher Kräfte zu sich selbst findet und was man aus sich macht.

Panel aus "Blankets": Peinliche, ängstigende, beklemmende Sequenzen

Panel aus "Blankets": Peinliche, ängstigende, beklemmende Sequenzen

"Blankets" ist Thompsons eigene Geschichte, eines der beiden Kinder ist Craig selbst. Das Ergebnis ist nicht nur einen der besten realistischsten Comics aller Zeiten, dem Amerikaner gelang vor allem die autobiografische Grafik-Novelle schlechthin.

Dabei denkt einer, wenn er 26 Jahre alt ist, eher selten daran seine Autobiografie zu schreiben, es sei denn, er ist Comic-Zeichner. Insbesondere in Nordamerika hat sich seit den siebziger Jahren eine starke Szene strikt ich-bezogener Comic-Künstler entwickelt, die ihr eigenes, meist eher unauffälliges Leben zum Thema ihrer Geschichten machen. Mit oft ebenso verblüffenden wie verstörenden Ergebnissen.

Panel aus "Blankets": Haarscharf am Kitsch vorbei

Panel aus "Blankets": Haarscharf am Kitsch vorbei

Craig Thompson gehört eigentlich nicht zu dieser Gruppe. Es war Notwehr, die ihn trieb. Sein Erstlingswerk "Good bye, Chunky Rice" war eine lange, brillante Tierfabel, hochgelobt von Genre-Granden wie Alan Moore und Frank Miller und durchaus erfolgreich für einen Independent-Comic. Er hatte, erzählt Thompson, nach "Chunky Rice" einfach keine Lust mehr, niedliche Tiere zu zeichnen. Sicher auch, weil der Erfolgsdruck schwer auf ihm lastete. Das Resultat dieses Abwehr- und Fluchtprozesses ist "Blankets", das bei aller erzählerischen Überhöhung so realistisch und unniedlich ist, wie man sich ein Werk nur denken kann.

Auf zwei weitgehend parallelen Handlungssträngen erzählt Thompson von seiner Kindheit und seinem Leben als Erwachsener. Er berichtet vom dominanten Elternpaar und seiner kunstfeindlichen, realitätsabgewandten Erziehung. Er schildert, wie er von seinem Babysitter sexuell missbraucht wird und wie er, ein dürrer, langhaariger Nirvana-Fan, in der Schule gehänselt wird. Es sind peinliche, ängstigende und beklemmende Sequenzen.

Sie schaffen den nötigen Kontrapunkt zu den Episoden, die den eigentlichen Kern des Buches ausmachen. Die Liebesgeschichte des verschüchterten Craig zur gleichaltrigen Raina ist nicht nur die mit Abstand beste je im Comic erzählte Liebesgeschichte, sondern in ihrer tiefen, ehrlichen Emotionalität eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt. Minutiös schildert Thompson Anfang, Verlauf und Ende seiner Liebe. Sämtliche Zweifel, Ängste und Glücksgefühle legt er in mitreißender Klarheit und Detailliertheit dar. Da wird selbst einfaches Händchenhalten zum Moment höchsten Glücks.

Autor Thompson: Keine niedlichen Tiere mehr
AP

Autor Thompson: Keine niedlichen Tiere mehr

So schickt der Zeichner seinen Leser durch den permanenten Wechsel der Erzählebenen auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Dabei schrammt vor allem die Liebesgeschichte oft haarscharf am Kitsch vorbei. Dennoch funktioniert sie, weil Thompson sich nicht vor großen Gefühlen scheut. Statt auktoriale Distanz zu wahren, sucht er die Nähe zu sich selbst und zum Erzählten.

Der Leser wird gleichermaßen wieder zurück in den magischen Zustand der ersten großen Liebe versetzt. Hilfreich ist dabei sicher Thompsons kräftiger, geschwungener Strich, der Anleihen beim Expressionismus nimmt. Nüchterne Alltagsdarstellungen wechseln sich in "Blankets" mit symbolgeladenen Bildern ab. Wie etwa jenes, in dem Raina engelsgleich samt Heiligenschein zu Craig herabsteigt, der voller Verzweiflung liebesfeindliche Psalmen aus dem Alten Testament herunterleiert.

Mit dieser auf allen Ebenen extremen Erzählweise wagt Thompson den totalen Seelenstriptease - und gewinnt. "Blankets" macht den Leser atemlos, traurig und glücklich zugleich. Da stört es wenig, dass die Wahrheit schon mal ein wenig verbogen wird und Thompson etwa seine real existierende Schwester verschweigt - aus rein dramaturgischen Gründen, wie er selbst zugibt. Letztlich ist eben jedes literarische Werk, auch ein autobiografisches, zuallererst eine Geschichte.

In den USA geriet der Comic-Roman zum Überraschungserfolg des vergangenen Jahres. Die Erstauflage war innerhalb weniger Wochen vergriffen. In Deutschland zeichnet sich inzwischen ein ähnlicher Siegeszug ab. Praktisch ohne Werbung wurden im Juni auf dem Comic-Salon in Erlangen, wo die deutsche Ausgabe von "Blankets" Premiere feierte, innerhalb von vier Tagen einige hundert Exemplare verkauft.


Craig Thompson: "Blankets", Speed Comics/ Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz 2004; ca. 600 Seiten, 34 Euro

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